Ein Liebhaber der roten Räder hat im Koloniemuseum eine Ausstellung konzipiert und zeigt dort auch ein restauriertes Stück.
Über 125 Jahre saubere FortbewegungWie das rote Rad zum Teil Leverkusens wurde

Eine kleine Ausstellung im Koloniemuseum widmet sich den roten Rädern. Zusammengestellt hat die Ausstellung Jürgen Ehrhardt, der in fünfter Generation bei Bayer gearbeitet hat. Sein Rad, Hersteller Miele, stammt aus 1928, Ehrhardt hat es restauriert. Es ist Teil der Ausstellung.
Copyright: Ralf Krieger
Es gab sie schon, als das Bayerkreuz als Firmenemblem noch nicht erfunden war: die roten Werksräder. Wahrscheinlich waren sie damals aber noch nicht rot. Das erste Werksrad ist 1899 dokumentiert, also vor 127 Jahren. Das Bayerkreuz wurde erst 1904 eingeführt. Dem Kultstatus dieser Fortbewegungsmittel trägt jetzt eine Ausstellung im Koloniemuseum Rechnung, die noch bis Mitte August geöffnet hat. Zusammengestellt hat sie Jürgen Ehrhardt, der selbst mehr als nur eines dieser charakteristischen Räder mit der Doppelstange besitzt. „Ich habe gemerkt, dass es in der Stadt immer weniger von den roten Rädern gibt“, sagt Jürgen Ehrhardt. Dann habe er sich dem Thema gewidmet.
Der Ausstellungsmacher
An sein besonderes Fahrrad, das er im Koloniemuseum ausgestellt hat, ist er bei seinem Renteneintritt gekommen. Es ist eine echte Rarität: ein Original-Bayer-Rad von 1928, Hersteller war damals Miele. Bei Ehrhardt kommen einige günstige Umstände zusammen. Erstens ist er historisch interessiert. Dann versteht er sich aufs Restaurieren von Zweirädern, meistens Motorrädern, aber auch Fahrrädern. Dann hat er selbst 45 Jahre im Bayerwerk als Maschinenbautechniker gearbeitet und Aufzüge und Krane geplant. Die Krönung dieser Tätigkeit war, dass er am Bau des Wartungskorbs fürs Bayerkreuz beteiligt war. Zu guter Letzt verfügt er über eine gewisse erbliche Vorbelastung: „In fünfter Generation“ habe er „beim Bayer“ gearbeitet. Von seinem Großvater, einem Werksschreiner, weiß er, dass der schon ein rotes Rad fuhr.
Ehrhardt hat sich mit den Feinheiten und der Geschichte des Bayerrads eingehend beschäftigt. Die Form der Rahmenmuffen gibt ihm Hinweise, um welche Generation Werksrad es sich handelt: Ist es ein Miele oder eine spätere Version, etwa vom Kölner Hersteller Schauff, der seinen Firmensitz später nach Remagen verlegte? Das kann er am Rahmen ablesen.
Um mehr zu erfahren, reiste Ehrhardt zu Miele und Schauff, sichtete Unterlagen in den Firmenarchiven. Ein ausgiebiger Besuch im Bayer-Archiv war natürlich Pflicht. Da auch die alten Räder immer wieder überarbeitet wurden, ist nie eines aus dem Fuhrpark als Original erhalten geblieben. Die Fahrradwerkstatt im Bayerwerk ersetzte bei den Rädern nach und nach Lampen, Bremsen, die Schutzbleche und die Räder.

Bayer-Fahrrad: Das Ur-Modell Adler hatte nur eine Stange.
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Ehrhardt weiß, wie man an Ersatzteile kommt, und hat das Rad in den wahrscheinlichen Urzustand zurückversetzt, inklusive karminrot lackierter Felgen und heute unüblicher Stempelbremse. Als Bayers Einkäufer Ehrhardts Miele-Rad beschaffte, war die umweltfreundliche und schnelle Art der Fortbewegung schon längst etabliert im Konzern. Die Wege im Werk waren weit und zu Fuß zeitraubend. Die ersten Räder, die Bayer anschaffte, waren von der Marke „Adler 42“. Damals noch nicht mit der Doppelstange. Ein Bild hängt in der Ausstellung.
Andere waren später dran: Die Direktoren bei BASF in Ludwigshafen sollen erst um die 1920er-Jahre auf den Trichter gekommen sein. Auch in Ludwigshafen gibt es das Radsystem immer noch, die BASF-Räder sind genauso karminrot lackiert wie die Leverkusener.

Bayer-Fahrrad vor Kriegszerstörung. Bild: Ralf Krieger
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In der Ausstellung sind neben Dokumenten und Schwarz-Weiß-Bildern auch einer der zitronengelben Regenponchos ausgestellt, denn die gehörten auch zum Bild des Bayer-Radfahrers bei Regen.

Ein rotes Rad steht am Koloniemuseum.
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In der Ausstellung bekommt man weitere exklusive Informationen, etwa, dass die Bayer-Mitarbeiter die roten Räder, die auch schon mal RR abgekürzt wurden, mit in den Urlaub genommen haben und ihre Touren hinterher mit Fotos belegten. „Das Rad war wie ein Haustier“, sagt Ehrhardt, „aber auch ein Statussymbol“. Es symbolisierte aber auch Zusammengehörigkeit: Sowohl Akademiker als auch Arbeiter fuhren die Räder. Ob es je einen Vorstandsvorsitzenden gegeben hat, der das rote Rad nutzte, ist noch unbekannt.
Die Ausstellung kann man samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr besuchen, es empfiehlt sich unbedingt, unter 0214/73488723 oder per Mail, kontakt@kolonie-museum.de, einen Termin mit Jürgen Ehrhardt zu vereinbaren.
Das rote Rad in Zahlen
1899 führte der Jahresbericht der Werksfeuerwehr erstmals den Bestand eines Werksfahrrades auf, 1900 zwei. 1903 stellt die Feuerwehr einen Fahrradtrupp auf, um schneller an Brandherde zu gelangen. 1932 gab es 648 Räder, 1941: 1200, 1945 nur noch 1028 Stück. Im Zweiten Weltkrieg waren rund 620 Räder verschwunden.
Der Diebstahl von Werksrädern war von Anfang an ein Thema, in Kriegszeiten, mutmaßte man, wurden die Räder alleine wegen der Reifen gestohlen: Gummi war rar. 1979: 6500 Werksfahrräder müssen zum Tüv, bei Stichproben des Werkschutzes wiesen einzelne Fahrräder erhebliche Mängel auf.
Über einen Umtausch entscheidet nur der Zustand, nicht das Alter des Fahrrades. Ende 1982 zählte man 7454 Werksräder, 2001 sogar 8000. (rar)
