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Abschied aus dem RatGisela Kronenberg will in Leverkusen künftig außerparlamentarisch arbeiten

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Gisela Kronenberg zu Hause. Bild: Ralf Krieger

Gisela Kronenberg steht in ihrem Garten.

Gisela Kronenberg kämpfte erfolgreich gegen Lärm und Autobahnausbau in Leverkusen. Trotzdem verlässt sie als Einzelkämpferin den Stadtrat.

Dass Gisela Kronenberg erst seit einer Ratsperiode, also seit 2020 im Leverkusener Rat ist, ist kaum zu glauben. Vielleicht liegt es daran, dass sie auch vorher schon öffentlich politisch gearbeitet hat und sich seit zwei Jahrzehnten für ihre Umgebung eingesetzt hat, als es ihr mit dem Stadion zu laut geworden war. Die Beamtin (75) war zuvor Erdkunde und Politiklehrerin an der Gesamtschule in Rheindorf.

Ihr öffentlich sichtbarer Kampf begann, als der Fußball sich zunehmend kommerzialisierte und mächtiger wurde: Kronenberg wohnt in der kleinen Siedlung zwischen Dhünn, Mc Donald’s und Ostermann-Arena gegenüber dem Stadion und konnte nicht einsehen, weshalb eine ganze Nachbarschaft über Stunden zu Hause festgesetzt werden durfte, nur weil nebenan im Bayer-Stadion ein Fußballspiel stattfand.

Leverkusen: Bayer 04 musste sie fürchten

In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende erstritt sie etwa, dass die Bismarckstraße für Anwohner nur noch eine Stunde vor und nach dem Spiel gesperrt wird. „Wir haben uns gegen den Lärm und gegen das Einsperren gewehrt. Früher haben die bei Spielen mehrere Stunden die Straße gesperrt“, sagt sie, „und wir haben zumindest alle schallschluckende Fenster bekommen.“ Der Widerstand brachte ihrer kleinen Siedlung den Namen „Gallier-Dorf“ ein. Genau wie im Asterix-Comic ging es bei Frau Kronenberg immer gegen sehr viel mächtigere Gegner. Bayer 04 musste lernen, sie zu fürchten: Zwei Jahre lang durfte die Bundesliga in Leverkusen in der Woche keine Abendspiele mehr spielen.

Nach dem Fußball kam die Autobahn: Seit über einem Jahrzehnt versucht Gisela Kronenberg vieles, um den geplanten Ausbau von A1, A3 und des Leverkusener Kreuzes in für Leverkusen einigermaßen verträgliche Bahnen zu lenken.

Gisela Kronenberg im Garten Ratherkämp 8 zwei meter höher als die alte Lärmschutzmauer mitten im garten. Foto: Ralf Krieger

Gisela Kronenberg in einem Garten in der Straße Ratherkämp, im Hintergrund die Lärmschutzwand der Autobahn 3.

Das kommt nicht aus dem Nichts: Die pensionierte Lehrerin ist täglich mit der Autobahn konfrontiert. In ihrem Garten röhrt beständig Lärm von beiden Autobahnen, von A1 oder A3, je nachdem, wie man sich dreht. Nur wenn Fußball ist, werde der Autolärm übertönt, sagt sie. „Auf der Lärmkarte sind wir hier sowieso dunkelrot und wenn der FC Köln kommt, klingt’s hier, als wär Kriegsvorbereitung.“

Kronenbergs Kampf gegen den Autobahnausbau begann früh. Sie setzte sich bei der Klage gegen den ersten Planfeststellungsbeschluss zur Brücken-Erweiterung ein. Bekanntlich verloren die Leverkusener diese Klage gegen den ersten Bauabschnitt. Kronenberg arbeitete sich thematisch tief in die Altlast und die Deponie ein, gegen den Eingriff in die Deponie hat sie immer noch große Einwände, nicht nur technischer Art.

Sie sagt, es sei ein großer Fehler gewesen, dass durch den Eingriff der Autobahn GmbH in die Deponie die Verantwortung für die Altlasten an den deutschen Staat übergegangen sei. Kronenberg, die in Hessen in einer Clique mit zwölf Jungen groß geworden ist, drückt es drastischer aus: „Bayer ist die alte Nord-Deponie und damit den schlimmsten Dreck losgeworden“.

„Bayer-Demut“ kennt die Leverkusenerin nicht

„Bayer-Demut“ nennt sie eine Eigenschaft im Leverkusener Rat und in der Verwaltung, der Firma oder dem Fußballverein Wünsche zu erfüllen. Inzwischen komme aber von dort aber nichts oder wenig zurück, sagt sie. Dass die Umwandlung auch von städtischen Sportplätzen im Sportpark in VIP-Parkplätze für Bayer-04-Heimspiele so geschmeidig umgesetzt wurde, rechnet sie dieser Haltung zu.

Gisela Kronenberg will die Öffentlichkeit aufrütteln. Sie hält zum Beispiel Vorträge, was der Autobahnausbau für Leverkusen bedeutet: bis zu 70 Meter breite Straßen mitten durch die Stadt. Ihr Fazit nach ihrer Beschäftigung mit Verkehrsprognosen und dem Straßenbau im Allgemeinen: „Wenn wir das Autobahnkreuz ertüchtigen würden, dann brauchten wir realistisch keine breiteren Autobahnen in der Stadt.“ Von der Stadtverwaltung wünscht sie sich deutlich mehr Einsatz im Kampf gegen den Ausbau. Ihr Eindruck sei inzwischen, dass Teile der Verwaltungsspitze insgeheim sogar geneigt seien, der Autobahn GmbH zuzuarbeiten. Dass der Oberbürgermeister immer noch davon rede, dass noch ein Tunnel statt einer neuen Stelze möglich sei, hält die Fachfrau für reine Traumtänzerei: Diese Entscheidung sei nämlich längst gefallen. Stattdessen solle er sich endlich im Sinne seiner Bürger positionieren, auch für die, die an der A3 wohnen, sagt sie.

Gisela Kronenberg war 2020 für die Linkspartei in den Rat eingezogen. Aus der „Linken“ ist sie bald wieder ausgetreten und hat als Einzelkämpferin weitergemacht. Weshalb kandidiert sie nicht noch einmal? Sie sagt: „Ich hätte realistischerweise in eine Partei eintreten müssen, dann wäre ich aber nicht frei.“ Außerparlamentarisch will sie aber weitermachen.


Die Serie

Am 14. September wird in Leverkusen neben dem Oberbürgermeister auch ein neuer Stadtrat gewählt. Am 27. Oktober kommt der alte Stadtrat ein letztes Mal zusammen. Es wird ein Abschied von einigen Persönlichkeiten sein, die die Leverkusener Politik begleitet und geprägt haben, sich aber nicht zur Wiederwahl stellen. Wir stellen in loser Reihenfolge einige von ihnen in der Serie „Abschied aus dem Stadtrat“ vor.