Zum ersten Mal kamen „Inspiring Girls“ nach Leverkusen, um Mädchen ihre Berufe im Handwerk oder MINT-Bereich zu präsentieren.
Inspiring GirlsLeverkusener Mädchen mit Akkuschrauber und grünen Wanzen inspiriert

Johanna Heinen (M.) hat selbst am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Abitur gemacht, jetzt ist sie Dachdeckermeisterin und inspiriert andere junge Frauen.
Copyright: Stefanie Schmidt
„Boah, ich bin voll krass“ – wenn ein Akkuschrauber in der Hand und eine befestigte Dachschindel am selbst gebauten Dachstuhl zu dieser Erkenntnis führen, hat der Verein „Inspiring Girls“ sein Ziel erreicht. Eigentlich sollte mittlerweile jedem Mädchen in Deutschland klar sein, dass es jeden Beruf lernen kann, der es interessiert. Doch viele kommen gar nicht auf die Idee, Dachdeckerin zu werden. Oder glauben nicht, dass sie „krass genug“ dafür sind.
Bei einigen Acht- und Neuntklässlerinnen am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hat sich das am Berufserkundungstag geändert. Während andere ihr Tagespraktikum in Betrieben gemacht haben, haben sich 30 junge Frauen für den Aktionstag der „Inspiring Girls“ an der Schule angemeldet.

Maschinenbauerin Silvia Sucic (l.) entwickelt mit den Schülerinnen agile Entwicklungsmethoden anhand von Lego-Bauten.
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Inspiring Girls wurde 2016 in Großbritannien gegründet, in Deutschland existiert der gemeinnützige Verein seit 2024. Sein Ziel ist es, Mädchen zwischen zehn und 16 Jahren in der Berufsorientierung mit weiblichen Rollenvorbildern in Kontakt zu bringen. „Dabei konzentrieren wir uns auf Handwerk und MINT-Berufe“, erklärt Anita Wimmer, die die Organisation ehrenamtlich im Kölner Raum vertritt. Das Programm zielt darauf ab, Geschlechterstereotypen zu überwinden und Mädchen zu ermutigen, sich große berufliche Ziele zu setzen, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen.
Von Maschinenbauerin bis Biochemikerin
In Leverkusen findet die Aktion zum ersten Mal statt, fünf Rollenvorbilder sind an die Schlebuscher Schule gekommen. Das sind Maschinenbauerin Silvia Sucic; Dachdeckermeisterin Johanna Heinen; Lara Kaufmann, die als Meisterin den Lackier- und Malerbetrieb ihres Vaters übernimmt; die promovierte Biochemikerin Dr. Silvia Corezo von Bayer in Monheim und App-Entwicklerin Jasmin von Reth. Jede bietet einen 45-minütigen Einblick in ihr Berufsleben, jede Schülerinnengruppe durchläuft an einem Vormittag alle Stationen.

Mit der promovierten Biochemikerin Silvia Corezo (l.) entwickeln die Schülerinnen einen Impfstoff im Kampf gegen die Zeit.
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„Ich habe hier viel mehr gelernt als bei meinem letzten Praktikum“, sagt Amelie, 15 Jahre. „Ich finde es toll, dass es so viele verschiedene Beispiele gab und man auch selbst mitmachen konnte.“ Bei Silvia Corezo etwa gab es lebendige grüne Stinkwanzen zu sehen, die sie aus ihrem Labor mitgebracht hatte. Gut verschlossen, damit die in Deutschland erfolgreich ausgerotteten Schädlinge nicht entkommen. Dann fragt sie die Schülerinnen: „Was muss man wohl haben, um Forscherin zu werden?“ Die erste Antwort: „Man muss schlau sein!“ „Nein, schlau bin ich nicht“, sagt Corezo lachend. Sorgfältig, ausdauernd, neugierig sind weitere Adjektive, die die Schülerinnen finden. Dann entwickeln sie nach einem von Corezo selbst gestalteten Planspiel einen Impfstoff – immer unter Zeitdruck, bevor die nächste Mutation erfolgt.

Alle Beteiligten hoffen, dass der Inspiring-Girls-Tag am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium auch in den kommenden Jahren bestehen bleibt.
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„Ich fand es gut zu sehen, dass man nicht auf einem festgelegten Weg bleiben muss und dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht direkt weiß, was man mal werden soll“, sagt Ella, 14 Jahre. Viele Jugendliche stehen offensichtlich unter diesem Druck, einen Plan für ihr Leben haben zu müssen. Das bestätigt auch Lehrerin Monika Kaiser, die den Aktionstag von schulischer Seite organisiert hat: „Da wird auch aus der Gesellschaft viel Druck ausgeübt.“ Ihr ist wichtig, dass Jugendliche etwas finden, was sie wirklich interessiert, frei von Geschlechterstereotypen.
Auch dass ein eingeschlagener Weg kein festgefahrener sein muss, haben die Jugendlichen gelernt. „Dass man auch als Frau Aufstiegschancen hat und nicht immer dasselbe machen muss, das fand ich sehr motivierend“, sagt die 16-jährige Hana, die auch liebe Worte für alle Organisatorinnen und Role-Models fand: „Es ist toll, dass sich so viele für uns einsetzen, das hat mir wirklich gut gefallen.“
Rückkehr an die alte Schule
Johanna Heinen, selbst Abiturientin des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, war zum ersten Mal dabei. Die heute 39-Jährige hatte nach dem Abitur zunächst ein Studium begonnen, „ganz typisch im sozialen Bereich.“ Schnell merkte sie, dass das eigentlich gar nicht ihr Ding ist, und stieg in den Betrieb ihres Vaters ein. Mittlerweile ist sie Dachdeckermeisterin mit einer Leidenschaft, die sich beim Zimmern auf dem Schulhof zeigt und die Schülerinnen mitreißt. „Viele Mädchen kommen gar nicht auf die Idee, in diese Berufe zu gehen, weil das immer noch als Männerwelt angesehen wird“, sagt Heinen. Als sie sich vor 20 Jahren dazu entschied, war das noch überhaupt nicht selbstverständlich. Heute erreichen den Leverkusener Betrieb immerhin schon einzelne Ausbildungsbewerbungen von Mädchen.
Nun muss die Aufklärungsarbeit vielleicht bei den Jungen fortgesetzt werden. „Ich fand die kreativen Berufe toll, ich kann mir vorstellen, auch Malermeisterin zu werden“, sagt Hana. „Wenn ich sowas den Jungen in meiner Klasse sage, sagen die: ‚Was? Du willst sowas machen?‘“ Die müssen eben auch noch lernen, dass Mädchen mit Akkuschrauber in der Hand „voll krass“ sind.
