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„Lieblingsorte“Über das Leben lernen auf der Balkantrasse in Leverkusen

4 min
Balkantrasse

Unsere Autorin hält sich gern auf der Balkantrasse auf.

Die Redaktion des „Leverkusener Anzeiger“ stellt ihre Lieblingsplätze in Leverkusen, Leichlingen und Burscheid vor.

Die Pforte zum Glück liegt direkt neben einem Firmengelände. Für mich zumindest. Wenn ich in Burscheid ankomme, habe ich mit dem Rennrad die ersten Höhenmeter des Tages hinter mich gebracht. Manchmal auch den ersten Schreckmoment – wenn Lkw oder Autofahrer beim Überholen den Mindestabstand von anderthalb Metern besonders abenteuerlich interpretiert haben.

Doch beim Abbiegen auf die Balkantrasse wird der Lärm der Straßen etwas leiser. Stattdessen: Vogelgezwitscher, das Rascheln der Blätter im Wind und das leise Rauschen meiner Reifen auf dem Asphalt. Dazu das Wissen, dass es jetzt noch viele Kilometer so weiter geht. Vielleicht bis Wipperfürth und von dort weiter durchs Bergische. Das nennt man wohl Glück.

Balkantrasse

Die Balkantrasse ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Auf den 28 Kilometern, die die Balkantrasse von Opladen bis nach Remscheid führt, fuhren noch bis in die 90er-Jahre Züge. Nachdem die Strecke stillgelegt wurde, hat sich unter anderem der Verein der Freunde und Förderer der Balkantrasse dafür eingesetzt, sie als Rad- und Wanderweg für die Bürgerinnen und Bürger zu erhalten. Mit Erfolg. Und so kann unsereins sich heute fühlen wie die Reisenden, die vor vielen Jahrzehnten mit dem Zug durch diese Landschaft fuhren. Vorbei an Wiesen, Bäumen und Feldern. Es geht durch kleine Tunnel oder unter alten Aquädukte entlang. Und für einen Moment lässt sich vergessen, welches Jahr gerade ist, oder was morgen ansteht. Unterwegs lernt man etwas über das Leben. Vor allem übers Menschsein. Und darüber, wie nah Freude und Leid manchmal beieinander liegen.

Manchmal trennen sie nur wenige Augenblicke. Wenn der Weg etwas schmaler wird zum Beispiel. Da kommt in manch einem ein Überbleibsel urzeitlichen Gebarens hervor, nämlich der Stärkste sein zu müssen. Oder, wie es auf der Balkantrasse manchmal besser passt: der Schnellste. „Survival of the fastest“ sozusagen. Dann wird überholt, koste es, was es wolle. Mal sind es Männer mittleren Alters in knalligen Lycra-Outfits, manchmal Paare auf E-Bikes, die aussehen, als wären sie im letzten Leben mal ein Monstertruck gewesen. Manchmal aber auch ein kleiner Junge auf einem Mountainbike, vielleicht mit Ambitionen fürs Bergtrikot. Hier zeigt sich die Vielfalt der Menschen. Manche sehen im Überholmanöver eine Herausforderung, liefern sich gar ein kleines Rennen. Andere kramen die wüstesten Beschimpfungen hervor. Und wieder andere nehmen die wilde Horde gar nicht zur Kenntnis. Menschen sind unterschiedlich, das lehrt man hier.

Fürs Leben lernen auf der Balkantrasse

Manche machen hier ihre ersten Erfahrungen des Scheitern - und des Wiederaufstehens. So wie das kleine Mädchen, das eben noch fröhlich mit den Inlinern fuhr, dann stürzt und weint. Kurz bricht alles zusammen. Doch ein paar tröstende Worte und ein Pflaster fürs Knie später ist sie um eine Weisheit reicher: Manchmal tut das Leben weh, aber danach geht es weiter.

Einigen tut aber auch nur der Hintern weh. Vielleicht, weil das Rad zu groß oder zu klein ist. Oder, weil man sich aus Style-Gründen gegen die Hose mit Polster am Po entschieden hat. (Immer eine schlechte Idee.) Der Hinweis auf eine Person mit Po-Schmerz ist übrigens so subtil wie universell: Er oder sie geht häufig aus dem Sattel, aber nicht um schneller zu werden oder einen Anstieg zu nehmen. Beim Absteigen dann ein schmerzverzerrtes Gesicht und leises Stöhnen. Viele Radfahrer kennen das. Das ist tröstlich für die Betroffenen, denn mit Po-Schmerz ist man selten allein.

Und so ist die Balkantrasse eben nicht nur eine wunderschöne Route durchs Bergische, sondern auch ein Ort der Begegnung und des Zusammenseins: Familien mit Kindern, Freunde auf Tretrollern oder Paare auf ihrer ersten Rennradtour. Oft entstehen schöne Momente, manchmal brenzlige und manchmal wird es laut. Wie im Leben auch. So einen Ort will man nicht missen. Vor allem nicht, wenn man dabei ohne Autokontakt die Natur genießen kann.


Serie „Lieblingsorte“

Erst kürzlich stellte das TV-Format „TV Total“ die These auf, dass Leverkusen zu den hässlichsten Städten der Welt gehört. Das stimmt nicht, findet die Redaktion des „Leverkusener Anzeiger“. Ihre Lokalreporterinnen und Lokalreporter stellen deshalb Plätze in Leverkusen, Leichlingen und Burscheid vor, auf denen sie sich gerne aufhalten. (nip)