Der BUND will wissen, was die neuen Sicherheitsregeln in der Bürriger Sondermüllverbrennung in der Praxis bedeuten. Die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ und andere kritisieren auf einer Gedenkveranstaltung die Aufarbeitung der Katastrophe.
5. JahrestagGedenken an die Explosion in Leverkusen – und viele Fragen offen

Gedenkveranstaltung zum 5. Jahrestag der Explosion bei Currenta.
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Auf einer Gedenkveranstaltung überwiegend linker Gruppen zum 5. Jahrestag der Explosion in der Sondermüllverbrennungsanlage erhoben mehrere Redner schwere Vorwürfe gegen Verantwortliche. Etwa 50 Personen beteiligten sich an der Veranstaltung am Montagabend auf dem Rathausvorplatz in Wiesdorf.
Mitorganisator Gottfried Schweitzer behauptete, dass sich die Selbsterwärmung der explodierten dänischen Chemikalie bereits 48 Stunden vor der Explosion gezeigt habe. Er erhob auch Vorwürfe gegen die Dortmunder Staatsanwaltschaft, die, wie er sagte, vermutlich vor den Currenta-Anwälten kapituliert und die Verantwortlichkeiten auch für die Toten letztlich nicht aufgeklärt habe.
Der Bericht von Landesumweltminister Oliver Krischer (Grüne) an den Landtag war Ziel der Kritik auf der Gedenkveranstaltung. Der Minister beschreibt die Veränderungen in Currentas Bürriger Verbrennungsanlage für Sondermüll, die dafür sorgen sollen, dass eine Explosion künftig „nach menschlichem Ermessen sicher auszuschließen“ ist und dass das Vertrauen in die Anlage wiederhergestellt sei. Das aber sei bei Weitem nicht erreicht worden, hieß es von Rednern in Wiesdorf.
Vor allem geht es im Krischer-Bericht darum, genau zu wissen, was da inzwischen wieder aus der gesamten EU und Großbritannien angeliefert wird. Die Eigenschaften und „die thermische Stabilität“ sollen besonders im Fokus stehen, heißt es weiter. Abfälle, die in dieser Hinsicht riskant sind, sollen jeweils bei der Anlieferung beprobt und entsprechend analysiert werden. „Erst nach entsprechender Freigabe dürfen diese Lieferungen in der Anlage angenommen und entsorgt werden“, so der Bericht.
Fundamentale Kritik der Konzerngegner
Die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ (CBG) kann dem Krischer-Bericht kaum etwas abgewinnen. Die organisierten Konzerngegner bewerten die Vollinbetriebnahme der einst von Bayer ausschließlich für das Werk erbauten Anlage vielmehr so: „Schwarz-Grün hat der Currenta in Tateinheit mit der Bezirksregierung Köln inzwischen auch die letzten Hindernisse für ein einträgliches Müllgeschäft aus dem Weg geräumt.“ Dabei sei der Abfalltourismus „das eigentliche Problem“. Das sagte CBG-Vorstand Jan Pehrke auf der Mahnwache in Wiesdorf.
Wird unsicherer Chemie-Müll zurückgeschickt?
Auch die Sicht der Dortmunder Sonderstaatsanwaltschaft auf die Explosion teilt die „Coordination“ nicht. Sie verweist auf eine Äußerung des damaligen Chemparkleiters Lars Friedrich kurz nach der Katastrophe mit sieben Toten und 31 Verletzten. Er habe darauf verwiesen, dass die Lieferung aus Dänemark sorgfältig beprobt worden sei. Damit habe er Vorwürfen der Schlamperei begegnen wollen. „Das passt nicht zu den jetzigen Befunden und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen“, heißt es im Kommentar der „Coordination“ zum fünften Jahrestag der Katastrophe. Die Kritiker halten es ohnehin für falsch, dass die Staatsanwaltschaft offenbar schuldhaftes Versagen Einzelner nachweisen will. Aus Sicht der Konzerngegner ist ein Organisationsversagen die Ursache für die Explosion in Bürrig.
Nicht auf der Gedenkveranstaltung vertreten war der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der seine Gedanken zum Explosionsunglück schriftlich mitgeteilt hat. Beim BUND fragt man sich, welche Folgen der Mülltourismus konkret hat, etwa, wie damit umgegangen wird, wenn ein Abfall bei der Prüfung in Leverkusen durchfällt. Paul Kröfges, Kenner der Bürriger Anlage, will vom Umweltminister wissen, „wie die sichere Zwischenlagerung der Abfälle zwischen Anlieferung und Freigabe gewährleistet wird“, welchen rechtlichen Status diese Zwischenlagerung hat, schließlich: was eigentlich passiert, wenn der Abfall bei der Beprobung in Bürrig durchfällt. „Wer ist dann verantwortlich?“ Und ob der als zu gefährlich eingestufte Stoff dann an den Erzeuger zurückgeht, will Kröfges wissen.
Mit Blick auf die Bezirksregierung hat BUND-Mann Kröfges weitere Fragen. Die Behörde, die mit der unmittelbaren Aufsicht über den Sondermüllofen betraut ist, hatte es bei der letzten routinemäßigen Kontrolle vor dem Unglück im Frühjahr 2021 bei einer Prüfung nach Aktenlage belassen. Außerdem gab es eine Videokonferenz. Die Begründung für den Verzicht auf die persönliche Kontrolle: Corona.
Wurde personell qualitativ und quantitativ aufgestockt?
Kröfges fragt, „welche weiteren Konsequenzen die Bezirksregierung hinsichtlich der Überwachung der Anlage und der Anlieferungsprozesse gezogen“ habe: „Wurde personell qualitativ und quantitativ aufgestockt?“ Eine weitere Frage betrifft die Prüfintervalle: „In welchen zeitlichen Abständen ist künftig mit einer Kontrolle der Anlage zu rechnen?“ Und mit Blick auf die Stoffe, die Currenta in Bürrig entsorgt: „Kann und wird die Bezirksregierung externe Überprüfungen der Abfallanlieferungen verlangen und durchführen“ oder dies veranlassen?
Schließlich will Kröfges, der als Wasserexperte des BUND immer wieder mit Einleitungen aus Bürrig in den Rhein befasst ist, etwas zum Thema Löschwasser wissen. Denn nach der Katastrophe waren nach und nach tonnenweise kontaminierter Schaum und Wasser in den Rhein abgelassen worden. Wegen einer unbemerkten Leckage in einem Tank auch unkontrolliert. Mit Blick darauf fragt Kröfges den Landesumweltminister: „Welche Konsequenzen wurden hinsichtlich künftiger Rückhaltung und Behandlung von Löschwasser bei Havarien im Chempark in Verbindung mit der Abwasser-Vorbehandlung getroffen?“
