Heute sind alle vier Verbrennungslinien wie zuvor in Betrieb, allerdings gibt es strengere Auflagen, was die Annahme der Stoffe betrifft.
Chronik der KatastropheDer erste Leverkusener Sondermüllofen lief nach elf Monaten wieder

Die Sondermüllverbrennungsanlage in Bürrig ist wieder vollständig in Betrieb.
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Wann genau der Abfall in Leverkusen angeliefert wurde, der zur Katastrophe führte, ist nicht erklärt worden. Aber schon Stunden vor der Explosion, in der Nacht hatte in Tank 3 in der Sondermüllverbrennungsanlage in Bürrig eine Selbstzersetzungsreaktion des lösungsmittelhaltigen Produktionsrückstandes eines Abfalls der dänischen Firma Agricultural Solutions A/S eingesetzt. Es kam zur gefürchteten chemischen Selbsterwärmung. Der Druck im Tank stieg. Die Reaktion lief am Ende so schnell ab, dass die Sicherheitsventile des Tanks nichts mehr brachten.
In der Anlage war längst klar, dass etwas nicht stimmte; wie gefährlich die Lage war, sollen die Mitarbeiter wegen fehlender Informationen zum Stoff nicht geahnt haben, weshalb die Feuerwehr nicht gerufen wurde.
Eine Kamera filmte die Explosion
Eine Kamera in einem Navigationsgerät in einem an der Anlage ankommenden Lkw hat die Explosion aufgezeichnet: Um 9.36 Uhr und 58 Sekunden fliegt der schwere Tankdeckel in hohem Bogen 400 Meter weit über das Werksgelände. Er prallt auf ein Dach der Kläranlage. Die Chemikalien, die aus dem Tank hochwirbeln, entzünden sich sofort in einem hellen Feuerball. Aus dem Feuer, das schnell in den blaugrauen Himmel steigt, wird ein Rauchpilz. Erst ist der Rauch schmutzig weiß, dann färbt er sich binnen Sekunden tiefschwarz und wird zu jener Wolke, an die sich wohl alle erinnern, die das Unglaubliche gesehen haben.
Durch einen Zufall ist der damalige Stadtbrandmeister Hermann Greven Minuten nach der Explosion als erster Feuerwehrmann am Unglücksort. Er berichtet später, ein Mitarbeiter sei brennend weggelaufen. Unverletzte Betriebsangehörige hätten sehr nah an der Einsatzstelle gestanden; die wurden weggeschickt.
Die Sirenen heulen. Mehrere Folge-Explosionen ereignen sich. Weitere Tanks halten dem Feuer nicht stand und brennen. Die Feuerwehr kann aber nicht löschen: Das obere Kabel der Hochspannungsleitung über der Anlage hängt herab, eine 110 000-Volt-Leitung. Mit Wasser oder Schaum zu spritzen, verbietet sich. Ein Hochspannungstechniker, der die Leitung abschalten könnte, steht im Stau. Erst um 11.08 Uhr wird die Leitung abgeschaltet – über 90 Minuten nach der Explosion. Aus dem Rauch rieseln Ruß und Isoliermaterial auf Bürrig und Opladen. Ziemlich genau um 12 Uhr mittags verschwindet die schwarze Rauchsäule aus dem Leverkusener Stadtbild. Kontaminiertes Löschwasser läuft in den Rhein.
Die Explosion hat sieben Tote und 31 Verletzte gefordert.
Um 14.30 Uhr stellen Behörden fest, dass es keine Gefährdung durch Luftschadstoffe gegeben hat.
Currenta richtet 2022 eine Gedenkveranstaltung aus, will die Anlage aber wieder in Betrieb nehmen: 2022 formiert sich der Begleitkreis unter dem Vorsitz des Chemikers Christian Jochum. In dem Kreis, in dem anfangs auch Kritiker sitzen, nicht aber die Presse, werden Gutachten vorgestellt, die zur Wiederinbetriebnahme der einzelnen Verbrennungslinien angefertigt werden. Als erster geht nach elf Monaten Stillstand am 11. Juni 2022 einer der Drehrohröfen in Betrieb, Anfang 2023 dann die Abwasserverbrennung, im April jenes Jahres die Klärschlammverbrennung und als letzter der zweite Drehrohrofen. Die Liste der in Bürrig annehmbaren Abfälle wird nach und nach erweitert, 2025 wird selbst die Verbrennung heißer Chemikalien wieder erlaubt.
Am 21. Juli 2026 werden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Currenta-Mitarbeitende eingestellt. Die Ermittlungen gegen den Betriebsleiter von Currenta, der die Kollegen nicht gewarnt und weggeschickt hatte, wurden gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt, weil er nicht mit den katastrophalen Folgen der Selbsterwärmung habe rechnen können. Currenta soll eine Unternehmensgeldbuße von 1.900.000 Euro zahlen. Ermittlungen laufen jetzt noch gegen einen Hamburger Müllhändler und Verantwortliche des dänischen Abfallerzeugers. (rar)

