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JahrestagWunden der Chemieexplosion in Leverkusen sind nach fünf Jahren nicht geheilt

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Explosion im Tanklager der Sondermüllverbrennungsanlage im Entsorgungszentrum Bürrig des Chempark Bild: Ralf Krieger

Dieses Bild bot sich am 27. Juli 2021 von der Autobahn aus. Die Explosion im Tanklager der Sondermüllverbrennungsanlage im Entsorgungszentrum Bürrig beschäftigt noch heute viele.

Der Betreiber Currenta ist von der Staatsanwaltschaft aus der Verantwortung entlassen worden. Das heißt nicht, dass die Nachbarn der Firma vertrauen.

Am Montag jährt sich zum fünften Mal die Explosionskatastrophe von Bürrig. Um 9.37 Uhr wird es wieder eine Schweigeminute im gesamten Chempark Leverkusen geben. Mehr nicht – obwohl man bei Currenta, dem Betreiber des Sondermüllofens, ursprünglich darüber nachgedacht haben soll, eine etwas größere Gedenkfeier aufzuziehen. Aber die Angehörigen der sieben Todesopfer und der 31 Verletzten hätten sich dagegen ausgesprochen, heißt es. Ein Sprecher von Currenta bestätigte das auf Anfrage allerdings nicht.

Das wäre verständlich, denn die juristische Aufarbeitung des größten Chemie-Unglücks in der Stadt mindestens nach dem Zweiten Weltkrieg ist noch immer nicht abgeschlossen. Allerdings hatte die mit dem Leverkusener Fall befasste Sonderstaatsanwaltschaft Dortmund kurz vor diesem Jahrestag ein Ausrufezeichen gesetzt: Currenta ist bei der Suche nach den Verantwortlichen für die folgenreiche Explosion jetzt außen vor. Vier Mitarbeiter waren zwischenzeitlich im Visier der Sonderermittler. Sie können nun aufatmen. Die Sonderstrafverfolger sehen kein Verschulden mehr beim Betreiber der Sondermüllverbrennung, sondern nur noch beim Produzenten der Substanz, der FMC Agricultural Solutions in Dänemark, und beim Abfallhändler in Hamburg, der das flüssige Material an Currenta vermittelt hatte.

Dieser Abfall hätte vom Abfallerzeuger so niemals auf die Straße gebracht werden dürfen
Tim Hartmann, heutiger Chef von Currenta

„Die Ermittlungen kommen zu dem Ergebnis, dass unsere Mitarbeitenden aufgrund der ihnen vorliegenden Informationen die besondere Gefährlichkeit des Abfalls nicht erkennen konnten“, fasst Currentas heutiger Chef Tim Hartmann das Urteil der Staatsanwaltschaft zusammen. Und ergänzt: „Fakt ist: Dieser Abfall hätte vom Abfallerzeuger so niemals auf die Straße gebracht werden dürfen.“

Einerseits bemüht sich Currenta, in angemessenem Ton mit der Katastrophe umzugehen: „Der 27. Juli 2021 wird für immer Teil unserer Unternehmensgeschichte sein. Sieben Menschen haben damals ihr Leben verloren, und zahlreiche wurden verletzt, zum Teil schwer. Die Erinnerung daran wird uns für immer begleiten“, so Hartmann.

Auf einer anderen Ebene soll allerdings so viel Normalität wie möglich herrschen. Schließlich ist die havarierte Anlage längst wieder komplett in Betrieb. In einem Bericht, den Landesumweltminister Oliver Krischer (Grüne) aus Anlass des fünften Jahrestages der Katastrophe an den Landtagspräsidenten geschickt hat, wird die Aufarbeitung des Unglücks als abgeschlossen dargestellt. Höhere Sicherheitsstandards bei der Verbrennung gefährlichen Sondermülls seien die Konsequenz – sie gelten nicht nur in Leverkusen, sondern in ganz Deutschland.

Aus Sicht des Ministers hat Currenta auch bei der Kommunikation mit den Anwohnern vieles richtig gemacht. Der Begleitkreis zur Aufarbeitung der Katastrophe, in dem ein renommierter Fachmann wie Professor Christian Jochum federführend arbeitete, sei wegen seiner Transparenz positiv zu bewerten. Dabei arbeitete das Gremium durchaus nicht so offen: Medienvertreter waren lange nicht zugelassen.

Trotzdem kommt das Landesumweltministerium zu diesem Schluss: „Durch die Arbeit des Begleitkreises konnte verloren gegangenes Vertrauen in die Sicherheit der Anlage und die Akzeptanz für eine angepasste Wiederinbetriebnahme der SMVA Leverkusen-Bürrig weitgehend zurückgewonnen werden.“

Eine Aussage, die zum Beispiel Benjamin Roth nicht unterschreibt. Er ist Nachbar und sagt heute: „Das Vertrauen ist nicht mehr da.“ Einen wichtigen Grund dafür sieht er darin, dass die aufwändige Eingangskontrolle an der Pforte des Sondermüllofens nicht für alle Abfälle gilt. „Es gibt Ausnahmen, und man fragt sich natürlich, warum?“ Aus Roths Sicht „wird wieder Verantwortung ausgelagert“, und die Kriterien, nach denen dies geschieht, mache Currenta nicht transparent.

Und auch nach jahrelangen Ermittlungen sei eine Kernfrage nicht beantwortet: „Warum wurde die Werksfeuerwehr so spät alarmiert?“ Das habe Currenta zu verantworten, so Roth.