Abo

ChemparkWer im Leverkusener Werk die roten Räder repariert

4 min
Ingo Rauer Ehemals Bayer, heute Tectrion Fahrradwerkstatt.   Bild: Ralf Krieger

Ingo Rauer von der Tectrion-Fahrradwerkstatt überprüft ein neueres Werksrad, Modell Schieber.

Im und um den Chempark rollen sie noch: die roten Räder. Und es gibt im Werk nach wie vor eine Werkstatt, obwohl die Zahl der roten Räder abnimmt.

Noch ungefähr 4300 rote Räder sind offiziell in Leverkusen angemeldet. Die Leverkusener roten Räder gehören zu dem vielleicht ältesten Leihrad-System der Welt (siehe Kasten). Früher waren die roten Räder eine Institution des Bayerwerks, heute werden die Chempark-Fahrräder von der Firma Tectrion gewartet, registriert, betreut und - wenn die Techniker es für richtig halten – aus dem Verkehr gezogen.

Vorrat hinter Stahlgitterzaun: Verschiedene Radtypen hängen hinterm Stahlgitterzaun gesichert auf Vorrat in der Fahrradwerkstatt.

Vorrat hinter Stahlgitterzaun: Verschiedene Radtypen hängen hinterm Stahlgitterzaun gesichert auf Vorrat in der Fahrradwerkstatt.

Vier Kollegen arbeiten in der Fahrradwerkstatt im Keller des Gebäudes G7, ziemlich nah am Bayerkreuz. Ingo Rauer leitet die Radwerkstatt mit drei weiteren Handwerkern, die Handicaps haben, etwa kaputte Hüften oder einen Schlaganfall, und deshalb nicht in Produktionsbetrieben arbeiten können: Die Radwerkstatt ist eine Inklusionswerkstatt mitten im Werk. Jeder Mitarbeiter hat seine eigene Werkbank.

Leverkusen: Seit Jahren werden es immer weniger rote Räder

„Es werden insgesamt immer weniger Räder“, sagt Rauer, „leider“. Woran das liegt? „Früher war es ein Privileg, ein rotes Rad im Werk und außerhalb fahren zu dürfen“, so Rauer. Als er 1982 im Bayerwerk zu arbeiten begonnen habe, sei es für normale Mitarbeiter ziemlich unmöglich gewesen, an ein Exemplar zu kommen. Um eines der begehrten Räder genehmigt zu bekommen, habe man bei einem besonders strengen Mitarbeiter an Tor 1 vorsprechen müssen, der den Bedarf beurteilte. Mit dessen Bescheinigung hätten sich Mitarbeiter ein Rad abholen können. Entsprechend der Regeln bei künstlicher Verknappung versuchten viele, eins zu ergattern. 12.800 Exemplare seien der Höchststand gewesen, unklar, wann genau.

Damit fährt niemand mehr herum: Zur Ausmusterung wird ein Stück vom Rahmen herausgeflext.

Damit fährt niemand mehr herum: Zur Ausmusterung wird ein Stück vom Rahmen herausgeflext.

Das scheint heute nicht mehr so zu sein. Sicher liegt es auch daran, dass heute jeder mit jedem Privatrad ins Chemiewerk fahren darf. Über den Zustand mancher dieser Räder will sich der Werkstattleiter nicht äußern, nur so viel: Darunter seien regelrechte Schrotträder. Früher wäre das undenkbar gewesen.

Das ist passé: Ein altes Typenschild eines echten Bayer-Rads.

Das ist passé: Ein altes Typenschild eines echten Bayer-Rads.

Dass es immer weniger Räder gibt, liegt vielleicht auch daran: Die Fahrradwerkstatt ist Dienstleister. Firmen im Chempark kaufen bei Bedarf Räder inklusive Serviceleistung und geben sie an die Angestellten.

Von der ökologisch und wirtschaftlich vorausschauenden Idee des Werksrads sind sie bei Tectrion überzeugt. Ausgerechnet die Bayer AG als Erfinderin des roten Rads sei kürzlich aus diesem System ausgestiegen, stellen Ingo Rauer und sein Vorgesetzter Andreas Kostmann von Tectrion deutlich betrübt, fast entrüstet, fest.

Ingo Rauer schiebt ein rad in die Werkstatt, sein Vorgesetzter Andreas Kostmann und Annika Kaupmann von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit sind Fans der Räder.

Ingo Rauer schiebt ein Rad in die Werkstatt, sein Vorgesetzter Andreas Kostmann und Annika Kaupmann von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit sind Fans der Räder.

Im Schnitt kommen rein rechnerisch bei 4300 Rädern täglich ungefähr acht Fahrräder in die Werkstatt zur Inspektion. Theoretisch jedenfalls, wenn jeder, der eins hat, sein Rad zum Tüv bringen würde. Rauer kümmert sich ums Technische, geputzt werden die Räder von ihm nicht. Manche pflegten und putzten die Gefährte wie Haustiere, andere vernachlässigten sie, sagt Rauer.  

Jeder der Mitarbeiter hat eine eigene Werkstatt.

Jeder der Mitarbeiter hat eine eigene Werkstatt.

Vorgeschrieben ist die Vorführung beim Tüv alle zwei Jahre und mancher musste die böse Erfahrung machen, dass ihm sein Rad einfach mit einem Schnitt mit der Flex durch den Rahmen weggenommen wurde, wenn es von den Fachleuten als unsicher bewertet wurde. Da zählt auch nicht, dass man sich vielleicht jahrelang dran gewöhnt hat. Doch meistens geht es gut, weil die Räder, ob altes oder neues Modell, von guter Qualität waren. Die berühmten roten Räder mit der Doppelstange sind längst Oldtimer, auf ungefähr 150 Stück schätzt Rauer den Bestand der originalen Bayerräder, die wirklich noch von der AG angeschafft wurden.

Mit den Druck auf eine Hupe kann man sich als Kunde ankündigen.

Mit den Druck auf eine Hupe kann man sich als Kunde ankündigen.

Es gibt die Kartei- und die Fahrradleichen: Manch einer gehe in Rente und lasse sein Rad im Fahrradständer stehen. Andere fahren damit einfach weiter, melden das Rad als abhanden und behalten es. Andere, die in Rente gingen, gaben ihr Rad freundlicherweise an Kollegen weiter: Das führt zu Durcheinander in der Kartei. Und es kämen Räder weg: Rauer zückt sein Smartphone und zeigt eine Kleinanzeige, in der ein Bayer-Rad, Marke Monark, verkauft wurde. Als 2018 ein Leverkusener Zeltlager durch eine Sturzflut zerstört wurde, entdeckten die Radspezialisten auf den Katastrophenbildern mit geübtem Blick viele Bayer-Räder, Marke Monark.

Diese aktuelle Werbung von Lanxess passt gut in dieses Motiv: Die Einführung der Roten Räder, zu finden auf Bayer-Parkplätzen, war 1899 wahrhaft zukunftsweisend.

Diese aktuelle Werbung von Lanxess passt gut in dieses Motiv: Die Einführung der Roten Räder, zu finden auf Bayer-Parkplätzen, war 1899 wahrhaft zukunftsweisend.

Eben jenes Damenrad „Monark“ war die Nachfolgerin des ursprünglichen Bayer-Rades mit der Doppelstange. Mit einem Damenrad herumfahren zu müssen, war damals nicht beliebt bei den Männern – ein Traditionsbruch, der vielleicht auch manch einen Mann im Werk davon abgehalten hatte, eines zu bestellen.

Ein Bild, aufgenommen am 1. Juli 2008 um Mittag, zeigt, wie verbreitet das rote Rad zu der Zeit noch war.

Ein Bild, aufgenommen am 1. Juli 2008 um Mittag, zeigt, wie verbreitet das rote Rad zu der Zeit noch war.

Heute gibt es zwei Modelle. Beide aus deutscher Fertigung: Das solide Herrenrad, Modell Schieber, stammt von einem Hersteller für Firmenräder aus Mannheim. Man kann es auch in Schwarz bekommen, für Puristen ist das ebenfalls ein Traditionsbruch. Das Damenrad Modell Victoria Schwerin zeichnet sich durch eine besonders hohe Nutzlast aus: Es trägt Radfahrer bis 180 Kilogramm, der Schieber nur bis 140. Wer darüber liegt, muss Damenrad fahren. Die Zuteilung der Gewichtsklasse könne mitunter eine heikle Angelegenheit sein, die Takt und Feingefühl erfordere. Rauer: „Eine Personenwaage können wir hier nicht aufstellen, das könnte uns als Diskriminierung angekreidet werden.“

Grünes Wachstum auf dem Bayer-Parkplatz

Grünes Wachstum auf dem Bayer-Parkplatz


Als erste Abteilung führte die Werksfeuerwehr 1899 den Bestand eines Werksfahrrades auf. Mit einem Fahrradtrupp konnten Brände schneller erreicht werden. 1932 gab es 648 Räder, 1941: 1200, 1945 noch 1028. Ende 1982 zählte man im Werk Leverkusen 7454 Werksräder, 2001 sogar 8000. Henning Krautmacher widmete den Fahrrädern ein Lied. Titel: „Dat ruude Rad vom Bayer“ (rar)

Eine historische Nachtaufnahme auf den Bayer-Parkplätzen.

Eine historische Nachtaufnahme auf den Bayer-Parkplätzen (2009). Copyright ralf krieger