Der Mann, der das Verfahren gegen Hassan L. (Name geändert) überhaupt erst ins Rollen gebracht hat, ist am Freitag wieder nicht im Kölner Landgericht erschienen. Dafür aber ein wichtiger Zeuge des Geschehens am Abend des 12. Februar in der Friedensstraße: nämlich der Gastgeber des Treffens, an dessen Ende das verletzte Opfer barfuß, ohne Kleidung und Geld aus dem Haus flüchtete und sich auf den Weg zur Polizeiwache in der Heymannstraße machte. Die Geschichte, die der Mann dort erzählte, führte zu einer Anklage wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung.
Die Geschichte, die der damalige Untermieter der Wohnung an der Friedensstraße dann zum Besten gibt, wirft allerdings eine Menge Fragen auf – und Zweifel. Der Gastgeber, ein Mann aus Tschetschenien, kannte beide Seiten, ist aber mit dem Angeklagten deutlich enger: ein Boxkamerad, auch wenn er nicht aus demselben Verein stammt. Der Mann, der dann zusammengeschlagen wurde, kommt in der Darstellung des Zeugen deutlich schlechter weg: „Der lügt alle an.“ Es gäbe eine Menge Leute, die noch Geld bekämen, nicht nur den Angeklagten. Der hatte angegeben, dass er dem Opfer um die 3000 Euro geliehen hatte.
Friedenstreffen in der Friedensstraße
Das Treffen in der Friedensstraße sollte offenbar dazu dienen, die offene Rechnung zu begleichen. Wofür, so sagt es der Zeuge, dringend Zeit war: „Seit zwei Jahren hat der den verarscht.“ Statt der 3000 soll der Angeklagte allerdings nur 200 Euro erbeutet haben.
Von den körperlichen Attacken, bei denen – eine Verletzung im Gesicht des Opfers zeigt das – sogar ein Messer eingesetzt wurde, will der Zeuge nichts mitbekommen haben: Er sei zwischendurch für zehn Minuten zum Wiesdorfer Marktplatz gegangen, Kaffee trinken. Seine Motivation dafür: „Ich wollte mich raushalten.“ Allerdings habe er großes Vertrauen gehabt, dass Hassan L. dem Kontrahenten schon nichts Schlimmes antun würde. Der sei schwach und Hassan sei stark. Boxer, so gab er zu verstehen, würden die körperliche Unterlegenheit eines anderen nicht ausnutzen: „Ich war mir sicher, dass es nicht eskaliert und scheiße wird.“ Es passe auch nicht zu Hassan L., ein Messer bei sich zu haben.
Von Verletzungen keine Spur
Auf dem Rückweg habe er das Opfer dann im Treppenhaus angetroffen, ergänzte der Zeuge. Der habe rote Wangen gehabt – das würde zu den Ohrfeigen passen, die Hassan L. dem Mann noch in seiner Anwesenheit verpasst habe, so der Zeuge. Die später von der Polizei dokumentierte Schnittwunde im Gesicht will er auch nicht bemerkt haben. Schließlich: Im Gegensatz zum Zustand, in dem er dann auf der Polizeiwache erschien, sei das Opfer komplett bekleidet gewesen, behauptete er. Unterm Strich: Es gab Streit, aber alles blieb im Rahmen.
Dass Hassan L. sauer auf das Opfer gewesen ist, sei nur zu verständlich. Der Mann habe auf Anrufe nicht reagiert und behauptet, keine Telefonnummer zu haben, um mit Hassan L. Kontakt aufzunehmen. In der Wohnung habe sich dann durch einen Anruf herausgestellt, dass das nicht stimmt.
Die Vernehmung dieses Zeugen zieht sich rund zwei Stunden hin. Michael Greve, der Vorsitzende Richter der 23. Großen Strafkammer, will die Version durch gezielte Nachfragen verifizieren. Dabei kommt heraus, dass Hassan L. zunächst einen, später zwei Begleiter hatte, als er mit dem Opfer in die Wohnung kam. Zuerst waren die Begleiter auch unbekannt, so der Zeuge. Später nennt er auf Nachfrage von Verteidiger Markus Haupt einen Spitznamen für einen der beiden. Andere Bestandteile seiner Aussage sind ebenfalls zweifelhaft, zudem läuft gerade ein Strafverfahren gegen den Zeugen.

