Drei Frauen und ein Mann spielen in Leverkusen unter dem Motto „Wir machen’s trotzdem!“ ein, wie es heißt, „nicht gestrichenes Streichkonzert“ im Spiegelsaal.
Schloss MorsbroichVier Musikstudierende springen für ausgefallenes Ensemble ein

Vier Jungstudierende der Essener Folkwang Universität der Künste gestalteten einen Abend zwischen Barock und Moderne.
Copyright: Timon Brombach
Eigentlich sollte am Samstag ein Konzert unter dem Titel „Streng verboten“ der Landesjugendensembles NRW im Spiegelsaal stattfinden, das erste Konzert einer neuen Linie des frisch berufenen Konzertdramaturgen Georg Thomanek, der die klassische Szene in Leverkusen verjüngen und jüngere Musikerinnen und Musiker stärker ins Zentrum rücken will. Karten waren verkauft, das Konzept stand – doch das angekündigte Ensemble löste sich auf, bevor es auftreten konnte.
Also musste ein Alternativplan, der den ursprünglichen Gedanken weiterträgt: Bach und andere Komponisten aus neuer Perspektive, respektvolle Grenzüberschreitungen unter dem Motto „Wir machen's trotzdem!“. Das kurzfristig neu konzipierte Programm der vier Jungstudierenden der Folkwang Universität der Künste Essen Dayoung Yoon (Violine), David Plavsic (Violine), Mia Köseoglu (Viola) undHanui Kim (Violoncello) setzt dabei radikal auf Reduktion.
Erwin Schulhoffs Duo für Violine und Violoncello eröffnet mit herber Modernität, rhythmisch prägnant, als nervöser Dialog zweier gleichberechtigter Stimmen. Mit der Passacaglia in g-Moll von Georg Friedrich Händel in der virtuosen Bearbeitung Johan Halvorsens kippt die Spannung, passend zum Spiegelsaal, ins Barocke, Variationen schichten sich technisch wie emotional. Der Beginn bleibt dennoch zart: Nach der Anmoderation folgt Applaus – doch die Bühne bleibt leer, erst nachdem Thomanek nachsieht, erscheinen die ersten beiden Musikerinnen. Ein Moment jugendlicher Unsicherheit.
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Beethoven als Perspektivwechsel
Johann Sebastian Bachs g-Moll-Sonate für Violine solo wird zum Prüfstein des Abends. David Plavsic kündigt das Werk selbst an und sagt, es zeige „verschiedene Facetten des Leidens – nicht nur Schmerz, sondern auch Widerstand und innere Stärke“. Die Fuge wächst klar gebaut, strukturell durchdacht, ohne Pathos. Georg Philipp Telemanns Fantasie Nummer drei in e-Moll rückt die Viola ins Zentrum, konzentriert und kontrolliert gestaltet.
Nach der Pause entfaltet sich Bachs zweite Cellosuite in d-Moll als innerer Monolog; der Spiegelsaal trägt den Klang transparent, ohne ihn zu verhüllen. Erst mit Beethovens Streichtrio Opus neun entsteht ein kollektiver Klangkörper. „Allegro con spirito“ und „Adagio con espressione“ verbinden klassisches Formbewusstsein mit romantischer Dringlichkeit – drei Stimmen, die bewusst eigenständig bleiben, Gleichgewicht durch Differenz.
Kulturpolitisches Statement
Was als Notlösung begann, wirkt am Ende wie eine Zuspitzung des ursprünglichen Plans. Dayoung Yoon, mehrfach bei „Jugend musiziert“ ausgezeichnet, spielt mit bemerkenswerter Sicherheit. David Plavsic, in Essen ausgebildet, überzeugt mit klar konturiertem Ton. Mia Köseoglu bringt frühe Ensembleerfahrung mit. Hanui Kim gestaltet ihr Cello mit ruhiger Präsenz.
Musikalisch ist das Niveau hoch, auch wenn die Bühnenroutine noch wächst. Gerade diese Mischung aus technischer Reife und spürbarer Entwicklung verleiht dem Abend seine Glaubwürdigkeit. „Wir machen’s trotzdem!“ bedeutet hier nicht Trotz, sondern Haltung: spielen, Verantwortung übernehmen, sichtbar werden. Der Spiegelsaal wird so zum Resonanzraum einer Generation, die noch leise spricht, aber deutlich klingt. Jetzt ist also auch klar, was mit einem nicht gestrichenen Streichkonzert gemeint ist.

