Leverkusen – Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren ist eines der beherrschenden Themen dieser Tage. Aber bereits 25 Jahre später brach schon der Zweite Weltkrieg aus und ist als Kindheits- und Jugenderinnerung im Gedächtnis der älteren Generation noch stark verankert. Am Mittwoch, 6. August, 18.30 Uhr, werden Zeitzeugen aus Opladen in einer Bürgerrunde in der Villa Römer über ihre Erlebnisse und Erinnerungen nach dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 sprechen (siehe Kasten).
Nachdem Deutschland Polen angegriffen und Großbritannien und Frankreich den Krieg erklärt hatten, brachte das auch an der Heimatfront politische und soziale Veränderungen. Die Bevölkerung wurde im Kriegsalltag auf den „Führer“ eingeschworen. In Verwaltung, Kirchenaktivitäten, im Bildungswesen und in den Vereinen nahmen die Nationalsozialisten immer stärker Einfluss, Kritik war schwer zu üben.
Inge Berghöfer, die bei Kriegsausbruch elf Jahre alt war, ist überzeugt, dass es in Opladen „etwas weniger streng zuging als in Wiesdorf.“ Dort hatte der Bayer-Chemiker Robert Ley, ab 1932 Reichsorganisationsleiter der NSDAP, bereits in den 20er Jahren die SA zum Schlägertrupp aufgebaut. Als Kind habe man zwar gewusst, wer ein Nazibonze gewesen sei. Das habe aber nicht abgeschreckt, Streiche zu machen. Trat man zum Beispiel in einen Hundehaufen, was damals laut Berghöfer nicht selten geschah, sagte man: „Trittst Du in ein Geschäft, sage stets einen Hitlergruß.“ Berghöfer lebt heute noch in ihrem Elternhaus an der Menchendahler Straße. Als Anfang September 1939 die ersten Mieter in die neuen Häuser des Gemeinnützigen Bauvereins Opladen zogen, trat die zehnte Durchführungsverordnung zum Luftschutzgesetz in Kraft.
Inge Berghöfer, die gegenüber wohnte, zerbrach sich den Kopf: „Es war Krieg und alle sollten verdunkeln. Aber wo konnten sie dort drüben so schnell etwas Schwarzes für die Fenster herbekommen, wo sie doch gerade erst eingezogen waren?“ Besonders signifikant wurden die Veränderung an der Heimatfront durch den Bau von Luftschutzbunkern. Allein in Leverkusen standen neun Großbunker und Krankenhausbunker neben den privaten Luftschutzkellern im Notfall zur Verfügung. Josef Neukirchen, der ebenfalls in der Menchendahler Straße groß wurde, erinnert sich gut, dass der Keller des Elternhauses zum Luftschutzkeller umgerüstet wurde.
Eintopfsonntage und Bombenangriffe
Auch im Elternhaus von Inge Berghöfer gab es Gasmasken für den Fall eines Luftangriffs, Betten standen dort und es gab Wasser. Ihr Vater, Studienrat Peter Paul Geisbüsch, hatte als Offizier im Ersten Weltkrieg Erfahrungen gesammelt und ein geschultes Auge, wohin die Flieger unterwegs waren, wenn die Sirenen heulten. Noch gut erinnert sich seine Tochter, dass sie für die Soldaten an der Front strickte und Brombeeren sammelte. „Ob die dann zu Tee getrocknet wurden, weiß ich nicht mehr.“ Josef Neukirchen weiß, dass in Opladen sogar einmal Skier für die Soldaten gesammelt wurden.
Bei Lebensmitteln, Kleidern und Raucherkarten wurde die Bezugsscheinpflicht für lebenswichtige Verbrauchsgüter eingerichtet. Es gab Eintopfsonntage und eine Anwohnerin aus der Vereinsstraße erinnert sich, dass der Blockwart regelmäßig in die Kochtöpfe schaute. Sie habe als Teenager mit dem Mann geschimpft, was ihr wiederum eine Standpauke von der Mutter einbrachte. Ganz gegenwärtig sind den älteren Opladenern die Angriffe vom 28. Dezember 1944 auf das Bahnausbesserungswerk und vom 6. März 1945 auf die Post.
„Wir sind mit dem Leben davon gekommen“, sagt Josef Neukirchen. „Und wir haben uns im Bunker alle an den Händen gefasst“, weiß er. So groß sei die Angst gewesen. Die Zeit habe sein Leben sehr geprägt. Bereits 1942 sei vielen klar gewesen, dass es ein aussichtsloser Krieg war. Man habe sich aber nicht getraut, es zu sagen.
