Die große Hitze hat die vor allem jungen Demonstranten nicht von der Teilnahme abgehalten. Viele sind „Nicht queer, trotzdem hier“.
Demo und PartyRund 500 Menschen feiern den ersten oberbergischen CSD

Der Umzug startete auf dem Steinmüller-Gelände.
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„Es wurde auch Zeit.“ Darin sind sich die stellvertretende Landrätin Heidrun Schmeis-Noack (SPD) und der Gummersbacher Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit (CDU) am Samstag in ihren Grußworten einig. Der Christopher Street Day ist in der oberbergischen Mitte angekommen, mitten in der Kreisstadt, mitten im Kreis und wohl auch mitten in der Gesellschaft. Trotz der quälenden Hitze haben sich rund 500 Teilnehmer an einem Fest- und Demonstrationstag beteiligt, der für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und allgemein von queeren Personen kämpft.
Als hitzeresistent erweisen sich vor allem junge Leute, die sich zunächst im Schatten bei der Schwalbe-Arena versammeln, um dann durch die Innenstadt zum Bismarckplatz zu ziehen, wo eine große Bühne und allerlei Infopavillons warten. Als Versammlungsleiter gibt der Waldbröler Steffen Stockhausen den Startschuss: „Heute schreiben wir Geschichte.“ Die Wipperfürther Autorin und Poetry-Slammerin Jana übernimmt das Mikrofon und probt mit der Menge den Schlachtruf: „Queer, proud, bergisch, laut!“
Es gut für die jungen Leute, so etwas im eigenen Zuhause zu erleben.
Laut, aber nicht aggressiv ist die Menge. Auch gewaltsame Gegenaktionen, die nach manchen Kommentaren im Internet befürchtet wurden, bleiben aus. Die Polizei bilanziert später „eine friedliche und bunte Parade“, die wie das Programm auf dem Bismarckplatz „störungsfrei“ verlaufen sei.
Die regenbogenbunte Aufmachung des Umzugs muss sich nicht vorm Kölner CSD verstecken. Es laufen sogar zwei echte Dragqueens mit. Caya Columna wird später noch einen Auftritt auf der Bühne haben. Er ist in Gummersbach aufgewachsen und lebt heute in Düsseldorf, von wo er seine Begleiterin Coco la Grande mitgebracht hat.

Ein Hingucker waren die Gummersbacherin Caya Columna (r.) und ihre Begleiterin.
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Der 26-jährige Travestiekünstler glaubt, dass es in seiner Heimatstadt Rückschritte beim Umgang mit Lebensentwürfen wie seinem gibt. „Auch heute habe ich wieder dumme Sprüche gehört.“ Auch darum will er im nächsten Jahre wieder dabei sein.
Im Zug paradiert eine Blondine im kurzen Rock, die sich im Gespräch als heterosexueller Familienvater und Landwirt outet. „Ich habe keine Kontakte in die Szene und traue mich nur im Karneval, meinen Spaß am Crossdressing auszuleben. Aber das ist hier eine tolle Community“, sagt der Lindlarer und präsentiert das gebastelte Armband, das ihm geschenkt wurde.
Viele Oberberger haben Angst
Andere Teilnehmer versichern auf Schildern: „Nicht queer, trotzdem hier.“ Die lesbische Moderatorin Jana Goller sagt im Gespräch am Bühnenrand: „Ich hätte mir eine solche Unterstützung gewünscht, als ich aufgewachsen bin.“ Den Schulterschluss trotz aller Unterschiede im breiten Spektrum der LGTBQ-Bewegung hält sie für richtig und wichtig: „Wir alle sind von Bedrohungen und Gewalt betroffen, und das nicht nur in den sozialen Medien.“ Sie wisse, dass viele Leute nicht gekommen sind, weil sie Angst vor Konsequenzen am Arbeitsplatz haben und davor haben, zum „Gespött der Leute“ zu werden.
Rund um den Platz gibt es Infostände, unter anderem sind die Gewerkschaft Verdi und die Gummersbacher Volkshochschule vertreten. Es werden Buttons verteilt. Noch beliebter sind Wasserflaschen. Eine Fontäne aus dem Wasserschlauch sorgt für ein wenig Abkühlung.
Organisatorin Nadine Lindörfer ist begeistert, dass die Teilnehmerzahl bei der CSD-Premiere größer ist als erwartet. „Wenn es im nächsten Jahr nicht so heiß ist, werden 1000 Leute kommen.“ Sie leitet die Koordinierungsstelle des Netzwerks gegen Rechts. Die Pride-Week und der CSD seien ein wichtiger Beitrag zur Prävention von Rechtsextremismus. „Queerfeindlichkeit und Antifeminismus sind Brücken, über die Männer von diesen Parteien und Organisationen angeworben werden.“ Der CSD stehe für die Allgemeinheit der Menschenrechte. Die betroffenen Jugendlichen haben in Oberberg bisher kein Netzwerk. „Darum ist es gut, so etwas im eigenen Zuhause zu erleben.“
In diesem Sinne nennt auch Vizelandrätin Heidrun Schmeis-Noack den CSD „ein Zeichen der Solidarität“. Und Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit, der „selbstverständlich“ am Rathaus die Regenbogenflagge hat aufziehen lassen, ruft ins Mikrofon: „Es kann nicht sein, dass Menschen um verbriefte Grundrechte kämpfen müssen. Ich stehe dafür ein und nicht nur heute.“ Er hoffe, dass der Gummersbacher CSD zur jährlichen Tradition wird.
Der CSD
Der Christopher Street Day (CSD) verweist auf den ersten Aufstand von Homosexuellen und anderen queeren Minderheiten gegen gewaltsame Polizeiwillkür in der gleichnamigen New Yorker Straße. 1969 löste eine Polizeirazzia in einer Bar tagelange Straßenschlachten aus. Seitdem wird in New York am letzten Samstag des Juni mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis erinnert. Seit den 70er Jahren gibt es auch in Deutschland Gay-Pride-Umzüge, 1979 den ersten in Köln, heute der größte Umzug in Deutschland mit zuletzt 60.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und mehr als einer Million Besucherinnen und Besuchern.
