Die Welt ist ein siebenbürgisches Dorf: Das Festwochenende zum 60-jährigen Bestehen der Drabenderhöher Siedlung hatte viele internationale Gäste.
Siebenbürger SachsenWiehler Siedlung wurde zum Anker der Völkerfreundschaft

Der Honterus-Chor eröffnete den Festakt. Er gehört zu den Vereinen, die vor 60 Jahren mit der Siedlung gegründet wurden.
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Amerikanische Gäste, Musik aus Portugal und Ansprachen auf Rumänisch: So international wurde am Wochenende das 60-jährige Bestehen der Siebenbürger-Sachsen-Siedlung in Wiehl-Drabenderhöhe gefeiert. Volkstümliche Traditionspflege und völkerverbindende Offenheit müssen eben kein Gegensatz sein.
In diesem Geist stand der Festakt am Samstag im Stadtteilhaus. Am Freitag war dort bereits bei einem „Abend des Dorfes“ getanzt worden. Am Sonntag endeten die Festivitäten mit dem traditionellen Kronenfest im Hof des Altenheims.
Drabenderhöherin spricht flüssig Rumänisch
Anita Gutt ist seit 2019 Vorsitzende der siebenbürgischen Kreisgruppe, siedelte erst im neuen Jahrtausend aus Rumänien über und hat dort noch die Landessprache studiert. Entsprechend flüssig begrüßte sie den Bistritzer Bürgermeister Gabriel Lazany als einen der Ehrengäste im Stadtteilhaus in dessen Muttersprache.
„Wir sind daheim.“ Mit diesem Satz besiegelte 1966 Robert Gassner, der legendäre „Vater der Siedlung“, den Neuanfang seiner Landsleute in Drabenderhöhe. Anita Gutt erinnerte an diesen hoffnungsvollen Ausspruch mit den Hinweis, dass „Jahre voller Angst und Verlust“ hinter den Siebenbürger Sachsen lagen. „Die Hoffnung hat sich erfüllt.“
Die Hoffnung hat sich erfüllt.
Gutts Vorgängerin Anna „Enni“ Janesch (81) gehörte zu den ersten Siedlerinnen. Sie berichtete in ihrem Beitrag von einem Gewittersturm, der damals das Festzelt durchschüttelte, und skizzierte die Vorgeschichte des Projekts (siehe Kasten). „Wir waren 1000 Menschen aus 200 verschiedenen Dörfern und mussten uns noch kennenlernen“, gab Janesch zu bedenken.
In einer euphorischen Aufbruchsstimmung wurde eine Vielzahl von Vereinen gegründet, die nun ebenfalls 60. Geburtstag haben: die Kreisgruppe des Verbandes der Siebenbürger Sachsen mit den „Nachbarschaften“, das Blasorchester, der Honterus-Chor, der Frauenverein und die Volkstanzgruppe. Das Altenheim öffnete ebenfalls 1966 seine Türen.
Gerührtes Bekenntnis zu Wiehl
Janesch vergaß nicht zu erwähnen, dass vier Bundespräsidenten die Siedlung als Musterprojekt der Integration besichtigt haben. Sichtbare Zeichen dieser Erfolgsgeschichte seien bis heute der „Turm der Erinnerung“, der „Baum des Lebens“ auf dem Kreisverkehr und die Trachtenstube im Stadtteilhaus. Hörbar gerührt endete Janesch mit dem Bekenntnis: „Wir können nach 60 Jahren sicher sagen: Wir sind daheim.“
Wiehls Bürgermeister Ulrich Stücker nannte die Siebenbürger in seinem Grußwort „einen besonderen Menschenschlag, der die Stadt und die Region bereichert“. An ihrem Beispiel zeige sich, dass Integration von Zuwanderern eine Chance sein kann. Heiko Hendriks vertrat die Landesregierung als Beauftragter für die Belange von deutschen Heimatvertriebenen und Aussiedlern und verglich die Gründung der Siedlung nur halb im Scherz mit historischen Ereignissen von 1966 wie der Mondlandung der Sowjets. Die Siedlung sei eine „offene Gemeinschaft“, geprägt von „Mitmenschlichkeit aus christlicher Verantwortung“. Landrat Klaus Grootens lobte umgekehrt auch die Aufnahmebereitschaft des Altdorfes und appellierte daran, Frieden und Freiheit nicht für selbstverständlich zu halten.
Gabriel Lazany, Bürgermeister der Partnerstadt Bistritz dankte den Drabenderhöhern dafür, dass sie eine seelischen Verbindung zwischen den Menschen schaffen, indem sie sich ihrer Wurzeln erinnern, und überreichte eine Urkunde. Der Nümbrechter CDU-Landtagsabgeordnete Bodo Löttgen bekannte, dass er über den Drabenderhöher Fußballverein „siebenbürgisch-sächsisch sozialisiert wurde“ und brachte sogar einen Abschiedsgruß in der schwierigen Mundart zustande. Weitere Grußworte sprachen der Vorsitzende des Drabenderhöher Heimatvereins, Volker Rothmann, und der Bundesvorsitzende des Verbands der Siebenbürger Sachsen, Rainer Lehni.
Einen musikalischen Gruß mit Dudelsack und Gitarren trug die portuguiesische Folkloregruppe „Entretenga“ bei. Die Drabenderhöher Volkstanzgruppe hat sich mit dem Ensemble bei einem Festival in Albufeira angefreundet. Auch die Zukunft der Völkerfreundschaft war im Saal: Die Bistritzer Kindergruppe „Vergissmeinnicht“ legte einen blitzsauberen Volkstanz hin. Und an einem Tisch saßen Jugendliche aus den USA und Kanada. Die Teilnehmer des Jugendlagers der Föderation der Siebenbürger Sachsen dürften gestaunt haben, welche schönen Blüten ihre siebenbürgischen Wurzeln in Drabenderhöhe treiben.
Die Siedlung
Die Siedlung in Drabenderhöhe ist die größte Siedlung der Siebenbürger Sachsen auf der Welt. Als Ende der 1980er Jahre die Bebauung abgeschlossen war, lebten 3500 Menschen dieser Volksgruppe in dem oberbergischen Dorf, selbst im siebenbürgischen Hermannstadt (rumänisch: Sibiu) gibt es nicht so viele deutschstämmige Einwohner.
Nach der Flucht vor der sowjetischen Armee und Auswanderung aus dem stalinistischen Rumänien strandeten viele Siebenbürger Sachsen zunächst in Österreich und später im Ruhrgebiet. In den 50er Jahren übernahm das Land Nordrhein-Westfalen eine Patenschaft für die Volksgruppe und setzte eine Kommission ein, die ein geeignetes Siedlungsgelände finden sollte.
Treibende Kraft auf siebenbürgischer Seite war der „Vater der Siedlung“ Robert Gassner (1910-1990). 1944 hatte er die Evakuierung von mehr als 30 000 Deutschen aus Nordsiebenbürgen mit dem „großen Treck“ nach Österreich geleitet. 1961 kam er als Lehrer ins oberbergische Schnellenbach und leitete ab 1964 die Volksschule Drabenderhöhe.
1963 wurde die Oberbergische Aufbau-Gesellschaft gegründet, die die Grundstücke kaufte und die Planung, den Bau und den Verkauf der Siedlungshäuser regelte. Im ersten von fünf Bauabschnitten entstanden 224 Ein- und Zweifamilienhäuser. Als erste Siedler zog am 17. Dezember 1964 die Familie Kirscher ein. Die offizielle Eröffnung der Siedlung erfolgte am 18. Juni 1966.
