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Bergisch GladbachAsiatische Hornisse wird zur Gefahr für Menschen und Insekten

5 min
Man sieht den Giftstrahl, den die Hornissse abspritzt.

Eine Jungkönigin der Asiatischen Hornisse in Bergisch Gladbach spritzt ihr Gift ab, um ihr Nest zu verteidigen. 

Es gibt mehr Nester als in den vergangenen Jahren in Bergisch Gladbach. Insektenschützer versuchen alles, um das Desaster im Zaum zu halten.

Unscheinbar hängt das golfballgroße Nest unter dem Dach eines Carports eines Einfamilienhauses an der Mutzer Straße in Hebborn. Eine Asiatische Hornisse baut hier ein Anfangsnest. „Da ist sie“, sagt Bollen, ehrenamtlicher Wespen- und Hornissenschützer. Aus dem Einflugloch lugt ein dunkler Punkt heraus.

Und dann geht alles ganz schnell. Gestört durch die Stimmen verteidigt die Jungkönigin ihr Nest und greift an. Sie schiebt sich aus der Öffnung heraus und spritzt aus ihrem Stachel ihr Gift ab. Dann verschwindet sie wieder in ihrem Bau.

Wir werden sie nicht mehr los, die Tiere werden für immer bleiben
Markus Bollen, Insektenschützer

Die aus Südostasien eingeschleppte Hornissenart vermehrt sich rasant. Vespa velutina lautet der Fachname. Der Eindringling rückt auch den Menschen in Bergisch Gladbach immer näher. „Schwarzer Körper, gelbe Füße. Das sind die Erkennungszeichen der asiatischen Hornisse“, erklärt Insektenexperte Bollen. Die heimische, streng geschützte Europäische Hornisse fällt dagegen durch ihren gelb-schwarz gemusterten Hinterleib auf.

„Wir werden sie nicht mehr los, die Tiere werden für immer bleiben“, sagt Bollen. Zehn Nester hat er zu diesem frühen Zeitpunkt im Jahr bereits im Stadtgebiet entfernt, darunter eins in einem Kindergarten. In seiner Doppelfunktion als Insektenschützer und Vorstandsmitglied im Bienenzuchtverein Bergisch Gladbach versucht er alles, um das Desaster im Zaum zu halten.

Markus Bollen zeigt auf das Nest.

Markus Bollen begutachtet das Nest einer asiatischen Hornisse unter dem Dach eines Carports im Stadtteil Hebborn.

Das einzelne Tier sei in der Regel nicht angriffslustig, eher scheu. Aber wenn man sich einem Nest nähert, kann es zu Angriffen vieler Tiere kommen. „Ein Stich schmerzt, ist aber in der Regel ungefährlich“, erläutert Bollen. Bei Allergikern könne das Gift jedoch einen anaphylaktischen Schock auslösen. „Das ist lebensgefährlich.“ Im Ernstfall rät Bollen dazu, sofort den Notruf 112 zu wählen.

„Wir hatten zuerst gemischte Gefühle, obwohl wir es gewohnt sind, Nester von Wespen in unserem Garten zu haben“, sagt Theresa Zilligen, die mit ihrem Lebensgefährten und dessen Schwester im Haus wohnt. Den aggressiven Fremdling, der in ihrem Carport für Nachwuchs sorgt, hat sie jedoch sofort beim Artenschutz des Rheinisch Bergischen Kreises gemeldet. „Mir kam es bedrohlich vor, dass sich genau an der Stelle, wo ich mein Auto parke, das Nest befindet.“ Außerdem seien die beiden Katzen dort oft unterwegs.

Im Innern des Glases befindet sich das Nest und die Königin.

Die kleinenAnfangsnester können in einem Glas entsorgt und später eingefroren werden, so dass die Königinnen sterben.

Innerhalb von 24 Stunden war Bollen vor Ort. Er setzt auf frühe Funde von Primärnestern, die die Königin meist an geschützten Orten anlegt, wie im Carport, Schuppen, Vogelhäuschen, unter einem Dachvorsprung. „In der vergangenen Woche entdeckten Kindergärtnerinnen sogar ein Nest in einem Hohlraum unter einem Sonnenschirm“, berichtet Bollen. So etwas hatte er vorher noch nicht gesehen.

In dem Gründungsnest schlüpfen die ersten Arbeiterinnen und bauen es zu einer Herberge etwa in der Größe von einem Handball mit Platz für bis zu 700 Hornissen aus. In dieser frühen Phase könne das Nest noch ohne großen Aufwand durch Überstülpen eines Glases abgenommen und die Tiere durch Einfrieren getötet werden, erklärt Bollen. Um weitere Königinnen abzufangen, die eine Übernahme des Nestes versuchen, lässt er Nester mit Einverständnis der Bewohner unter ständiger Kontrolle hängen: „Usurpation nennt sich das.“

Man sieht die in Schichten angelegten Waben.

In einem Primärnest der Asiatischen Hornisse können 700 Arbeiterinnen leben.

Dabei bekämpfen sich die Königinnen gegenseitig. Von dem Massaker kündigen dann tote Königinnen auf dem Boden. „Bisher liegt aber noch keine da“, berichtet Zilligen. Bevor die ersten Arbeiterinnen Mitte Mai schlüpfen, wird Bollen das Nest entfernen: „Es ist einen Versuch wert, die Population zu dezimieren.“

Für die Imker geht es um das Geschäft. Die Asiatische Hornisse, eine ausgezeichnete Jägerin, ist wendig, schnell und kann sogar rückwärts fliegen. Vor den Bienenstöcken schwebt sie wie ein Hubschrauber. Wenn eine Biene rausfliegt, schnappt sie zu. „Wie bei einem Drive-in bei Mc Donald's “ sagt Bollen.

Oder sie dringt gleich ganz in den Stock ein. Gefressen werden   vor allem die Körper, weil darin das meiste Protein steckt. Die Köpfe und zarten Beinchen bleiben übrig. „Imker haben im vergangenen Jahr etwa zehn Bienenvölker an die Velutina verloren“, weiß Bollen.

Über 2000 Tiere können in einem großen Nest leben

Es geht aber um noch viel mehr: um die Artenvielfalt bei den Insekten. „Was wir noch gar nicht einschätzen können, sind zum Beispiel die Auswirkungen auf die Wildbienenpopulation“, sagt Bollen. Töte die Asiatische Hornisse nur wenige Tiere einer ohnehin bedrohten Art, könne dies bereits das Aussterben der ganzen Art beschleunigen.

Was in Hebborn klein beginnt, kann im Sommer im gesamten Kreisgebiet zur ernsten Lage werden. Denn die Asiatische Hornisse baut im Laufe einer Saison in der Regel noch ein zweites Nest, in dem bis zu 2000 Tiere leben können – oft sehr hoch in Bäumen, wo es im Blätterdach lange unentdeckt bleibt. Erst im Herbst werden viele der großen runden Nester sichtbar – dann ist das Jahr für gezielte Eindämmung schon zu weit fortgeschritten.

Bei der Beseitigung in luftigen Höhen ist Spezialwerkzeug notwendig. Der Bienenzuchtverein Bergisch Gladbach will so eine Teleskop-Lanze, mit der ein giftiger Dampf in das Nest geblasen wird, zur Bekämpfung der Velutina anschaffen. Mit der Bethe-Stiftung läuft aktuell noch eine Spendenverdopplungsaktion.

Da die invasive Art inzwischen als etabliert gilt, sind die Behörden nicht mehr verpflichtet, jede einzelne Meldung zu berücksichtigen. Es wird abgewogen: Wann besteht eine konkrete Gefahr für Menschen, etwa an Schulen, Kitas, Spielplätzen? Bollen beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: „Ich möchte nicht, dass das alles an Imkern hängen bleibt.“ Der Kreis müsse für die Bekämpfung der Asiatischen Hornisse aufkommen. „Man weiß doch jetzt, was das Tier alles anrichten kann.“

In Bergisch Gladbach setzt man weiterhin auf Aufmerksamkeit im Alltag. Wer ein verdächtiges Nest entdeckt, sollte Abstand halten und den Fund beim Rheinisch-Bergischen Kreis melden. „Niemals sollten die Nester eigenhändig beseitigt werden“, warnt Bollen. Denn das, was in Hebborn bereits bei einer einzelnen Jungkönigin zu spüren war, gilt erst recht für ein Volk mit Hunderten Tieren: Dann verteidigen nicht mehr wenige, sondern viele – und sie tun es entschlossen.