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Bergisch GladbachOGS-Platz verzweifelt gesucht

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Die Mutter steht vor dem OGS-Gebäude.

Eltern in Bergisch Gladbach suchen verzweifelt einen Platz im Offenen Ganztag.

Im Stadtteil Moitzfeld ist die Not besonders groß. Zwei Familien berichten von ihren Existenzsorgen.

Jedes Jahr zittern Familien von neuem, weil in Bergisch Gladbach Betreuungsplätze im offenen Ganztag fehlen. Ein Beispiel ist Moitzfeld, wo der Mangel seit Jahren besonders groß ist. Wir haben mit zwei verzweifelten Müttern gesprochen. Sie fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen. Aus beruflichen Gründen sind sie auf eine Betreuung am Nachmittag angewiesen. Beide Familien wollen jetzt gegen die Stadt klagen.

„Ich weiß nicht mehr weiter“, kann Jennifer Hamel, 43, Sozialpädagogin und Mutter von drei Kindern, die Tränen nicht mehr zurückhalten. Johann, der mittlere Sohn, kommt im Sommer in die zweite Klasse und hat wieder keinen Platz in der OGS bekommen. Denn aufgrund des ab 2026 geltenden Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung werden die Erstklässler laut Vorgabe der Stadt bei der Vergabe der Plätze vorrangig aufgenommen.

Eltern befinden sich in einer auswegslosen Situation

So hat Hamels jüngerer Sohn Jakob, der im September eingeschult wird, eine Zusage erhalten. Seine Mutter fragt sich jetzt, ob sie den älteren Sohn Johann jemals gut betreut haben wird, während sie und ihr Mann arbeiten: „Die Chance geht gegen null. Ich weiß absolut nicht, wie ich das Problem lösen soll“, schildert sie ihre ausweglose Situation. Weder sie noch ihr Mann würden es schaffen, den älteren Sohn um 12.30 Uhr von der Schule abzuholen.

Dabei war die Sache für Jennifer Hamel und Carola Krause (Name geändert), ebenfalls Lehrerin, eigentlich klar: Ihre beiden Jungen würden zumindest jetzt, wenn sie in die zweite Klasse kommen, bei Blue Cake aufgenommen, so lautet der Name der Einrichtung, die der Träger, der Verein „Ein Haus der Jugend“, an der Straße Moitzfeld betreibt. Denn beide Familien stehen im Ranking auf der Warteliste ganz oben – vor allem wegen einer Schwerbehinderung eines der beiden Elternteile aufgrund schwerer Krankheiten.

Man hat uns eine falsche Sicherheit vorgespielt
Jennifer Hamel, Mutter von drei Kindern

„Was sollen wir denn noch für Härtepunkte anführen?“, fragt Carola Krause. Sie sei so naiv gewesen, sich darauf zu verlassen, dass die Warteliste Gültigkeit besitze. Umso größer sei der Schock gewesen, als Andre Ludwig, beim Jugendamt zuständig für die Fachberatung zum Thema Offene Ganztagsschulen, ihnen vorgehalten habe, dass es von vorherein klar gewesen sei, dass zehn Plätze von der Warteliste an die I-Dötzchen gehen würden.

„Man hat uns eine falsche Sicherheit vorgespielt“, sagt Jennifer Hamel wütend. Es ist diese Ungerechtigkeit, die sie so aufbringt: „Wenn es eine offizielle Warteliste mit Kriterien gibt, muss sie auch einhalten werden.“ Beide Mütter betonen ausdrücklich, dass sie sich nicht allein für ihre Familien beschweren. Sondern ebenso für alle anderen Betroffenen.

Moitzfeld hat die längste Warteliste im ganzen Stadtgebiet

„Ich verstehe die Sorgen der Eltern sehr gut. Wir wollen niemand schikanieren, aber wir sind gezwungen, uns an die Vorgaben der Stadt zu halten“, bedauert Daniel Meyer, Vorsitzender des Vereins Ein Haus für die Jugend. Was er aber garantieren könne sei, dass sich sein Verein sich bei der Vergabe der OGS-Plätze komplett an das Punktesystem der Stadt gehalten habe.

„Moitzfeld hat schon seit vielen Jahren die längste Warteliste im ganzen Stadtgebiet“, berichtet Meyer. Nach aktuellem Stand gibt es für 30 Kinder über alle vier Klassen keinen Platz: „Die Zahl kann aber auch noch weiter in die Höhe schießen. So ist es leider.“

Insgesamt können 120 Mädchen und Jungen bei Blue Cake aufgenommen werden. „Mehr geht nicht. Unser Nadelöhr ist der Mittagstisch. Dort wird bereits jetzt in mehreren Schichten gegessen“, erläutert der Vereinsvorsitzende. Das Gebäude sei räumlich einfach nicht darauf ausgerichtet, den Bedarf im offenen Ganztag zu decken.

Bensberger Familien nehmen den Moitzfeldern die Plätze weg
Daniel Meyer, Leiter der OGS in Moitzfeld

Problematisch sei zudem, dass Bensberger Eltern Extra-Sozialpunkte bekommen würden: „Weil die Stadt es seit Jahren nicht schafft, dort eine neue Schule zu bauen“, kritisiert Meyer, „man kann sagen, Bensberger Familien nehmen den Moitzfeldern die Plätze weg.“

Er hätte von der Stadt längst eine Reaktion erwartet: „Man braucht uns ja keinen Palast hinzusetzen. Ein kleiner Modulbau auf der Wiese hinter unserem Gebäude würde reichen.“ An anderen Stellen sei dies ja auch möglich. Für seine ehrenamtlich arbeitenden Vereinsmitglieder sei es sehr belastend, in das Schicksal so vieler Familien einzugreifen.

„Unser Familienleben ist ein absolutes Chaos. Wir stehen ständig unter Strom“, sagt Krause. Die 40-Jährige arbeitet bis 15 Uhr an einer Förderschule. Bis mittags könnten sie oder ihr Mann nicht an der Schule sein: „Seit sieben Jahren weiß die Stadt von dem Rechtsanspruch, aber nichts ist passiert. Alles wird immer nur ausgesessen.“

Eltern suchten selbst nach kurzfristigen Lösungen

Zudem sei die Vergabe der Plätze intransparent. Bei der Stadt gaben beide Familien an, dass die Frauen Teilzeit arbeiten. Damit fielen sie nicht in die höchste Dringlichkeitsstufe. „Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich so ehrlich war“, sagt Hamel. Von anderen Müttern habe sie gehört, dass sie sich einfach von irgendwem hätten bescheinigen lassen, einen 40-Stunden-Job zu haben – und bekamen auf diese Weise einen Platz.

Weil die Stadt nichts unternahm, haben Eltern in Moitzfeld selbst nach kurzfristig umzusetzenden Lösungen gesucht und gefunden. „Die katholische Kirchengemeinde St. Joseph hat sich bereit erklärt, den direkt angrenzenden Pfarrsaal für einen Mittagstisch zur Verfügung zu stellen. Das gleiche Angebot hat die Wirtin vom Lindenhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite gemacht“, berichtet Hamel. Beides habe die Stadt nicht weiter verfolgt. Im Falle vom Lindenhof habe es geheißen: Dort gebe es keine Kindertoiletten.

„Es kann doch gesellschaftlich nicht gewollt sein, dass gerade Frauen beruflich noch kürzer treten. Die Zeiten fehlen uns außerdem später beider Rente.“ Abgesehen davon, dass Lehrer dringend gebraucht würden. Hamel habe sich extra von Engelskirchen nach Herkenrath versetzen lassen, um   Zeit zu gewinnen.

„Aber jetzt geht mir die Puste aus“, sagt die 43-Jährige, die eine erneute Krebsdiagnose verkraften muss. Sogar ihre Ärztin habe sich schon eingeschaltet – ohne Erfolg. Scheinbar gibt es noch nicht einmal für solche Notfälle Ausnahmeregelungen. In ihrer Verzweiflung haben beide Familien Rechtsanwälte eingeschaltet, die Klagen vorbereiten.


Im ganzen Stadtgebiet fehlen OGS-Plätze

Die Stadtverwaltung gibt auf Anfrage dieser Zeitung innerhalb einer Woche keine Stellungnahme zur Situation in Moitzfeld ab. Auch die Frage, wie viele Kinder stadtweit unversorgt sind, bleibt damit unbeantwortet.

Laut Berechnungen des Jugendamts, die im März dieses Jahres vorgestellt wurden, plant die Stadt im neuen Schuljahr 76,9 Prozent der Grundschüler im Ganztag zu betreuen, insgesamt 3312 Kinder.

Eine Vollversorgung gibt es nirgends, außer an der GGS Hand. Dort profitiert die OGS von einem Erweiterungsbau mit Mensa, so dass der Bedarf zu 100 Prozent gedeckt werden kann. (ub)