Das Bergisch Gladbacher Filmfestival „Nahaufnahme“ startet im Bergischen Löwen mit einer Debatte über Georgien und einem stillen Meisterwerk und. Zweimal in der Stunde begegnen sich zwei Gondeln hoch über einem Tal im Kaukasus. Ein flüchtiger Blick durch die Scheiben, ein Nicken, dann zieht das Stahlseil die Kabinen wieder auseinander. Die eine fährt hinab ins Dorf, die andere hinauf in die Berge.
Eröffnung mit dem Bild der Gondeln
Mit diesem Bild eröffnet Bürgermeister Marcel Kreutz am Montagabend im Bürgerhaus Bergischer Löwe das Festival. Er erinnert sich an seine eigenen Pendlerjahre in der Straßenbahnlinie 1: Man sitzt einander gegenüber, tauscht Blicke aus und bleibt sich doch fremd. „Genau diese fehlende Nähe durchbrechen wir in dieser Woche“, sagt Kreutz.
Inklusion als Motto des Festivals
Unter dem Motto „In Vielfalt leben“ bringt die Stadt Bergisch Gladbach gemeinsam mit lokalen Partnern bereits seit mehr als zehn Jahren das Thema Inklusion auf die Leinwand. Wie konsequent das Festival diese Teilhabe lebt, zeigt sich am Eröffnungsabend: Gebärdensprachdolmetscherin Ramona Kahl übersetzt jedes Wort auf der Bühne für gehörlose Gäste. Sobald der Projektor anspringt, hat sie jedoch Pause. Denn „Gondola“, das deutsch-georgische Werk von Regisseur Veit Helmer aus dem Jahr 2023, kommt ohne ein einziges gesprochenes Wort aus.
„Gondola“: Eine stille Romanze in den Bergen
Gedreht in den schroffen Bergen Georgiens, entfaltet der Film eine ganz eigene, stille Poesie. Die Seilbahnschaffnerinnen Iva und Nino begegnen sich im Takt des Fahrplans stets genau auf halber Strecke. Aus dem monotonen Aneinander-Vorbeigleiten erwächst ein zartes Spiel, dann eine Romanze. Die beiden Frauen schmücken ihre Kabinen, musizieren im Vorbeifahren füreinander und trotzen der Schwerkraft mit Fantasie.

Marcel Kreutz, Doro Dietsch und Ramona Kahl bei der Eröffnung des Filmfestivals
Copyright: Konkulewski
Unwillkürlich drängt sich im Kinosessel die Erinnerung an „Alexis Sorbas“ auf: Während dessen verwegene Holz-Seilbahn im Filmklassiker am Ende grandios in sich zusammenstürzt, scheitert das luftige Abenteuer der beiden Schaffnerinnen in „Gondola“ zunächst an menschlicher Missgunst. Ihr wütender Chef durchkreuzt ihr Glück, sabotiert und tobt. Doch Helmers Märchen nimmt eine andere Wendung als das griechische Drama: Am Ende ist die Seilbahn repariert, und die beiden Frauen kehren ihrem Arbeitsplatz den Rücken. Hand in Hand spazieren sie die Straße hinunter.
Gespräch über Georgien zwischen Film und Realität
Wie nah dieses filmische Georgien der Realität kommt, lotete Moderatorin Doro Dietsch vorab mit zwei Kennern des Landes aus: Nino Nasidze und Norbert Lenke. Lenke leitet bei den Rotariern das Länderkomitee Deutschland-Georgien; über ein Austauschprogramm des Clubs kam Nasidze 2009 als 19-Jährige nach Deutschland. „Die Menschen dort sind sehr westorientiert“, erzählt sie. Einen Unterschied macht sie im Alltag dennoch aus: „In Deutschland liebe ich das direkte Feedback. In Georgien muss man zwischen den Zeilen lesen. “
Politischer Druck und der Kurs Richtung EU
Politisch steht das Land am Schwarzen Meer unter Druck. Nach dem Sieg der nationalkonservativen Regierungspartei, die von einem mächtigen Oligarchen finanziert wird, bangen viele um den europäischen Kurs. „Drei Viertel aller Georgier wollen in die EU, vor allem die Jugend“, betont Lenke. Dass die Führung in Tiflis vorsichtig agiert, erklärt er auch mit der Geografie: Die Georgier leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland, das 2008 Teile des Landes besetzte. Dennoch warnt Lenke davor, Brücken abzubrechen: „Wir haben als EU und Deutschland viele Dinge zu schnell gekappt. Auf persönlicher Ebene müssen wir den Kontakt halten. “
Das Programm bis Freitag
Das Festival geht bis Freitag, den 6. November. Jeweils um 19.30 Uhr laufen im Cineplex Bensberg „Ein Dorf sieht schwarz“ (Dienstag), „Der Frosch und das Wasser“ (Mittwoch), „Das Deutsche Volk“ (Donnerstag) und „Kein Wort für die Liebe“ (Freitag). Der Eintritt kostet sechs Euro, Filmpaten begleiten die Gespräche, und die App „Greta“ liefert Audiodeskriptionen. Für Kitas spielt das Theater im Puppenpavillon zudem das Stück „Plum sucht einen Freund“.

