60 Ehrenamtler bewahren die Jungtiere auf den Feldern vor dem sicheren Tod. Dabei setzt der Verein Kitzretter Rhein-Erft auf Drohnen.
TierschutzWie Rehkitze in Rhein-Erft vor Mähdreschern gerettet werden

Viel Gras ist wichtig. Die Kitze dürfen den Geruch der Menschen nicht annehmen.
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Es ist dieser eine Moment – dieser winzige Augenblick. „Wenn ich im hohen Gras das kleine hilflose Lebewesen entdecke, es hochheben und in die Rettungsbox stecken kann, dann weiß ich: Es hat sich wieder einmal gelohnt, um 4 Uhr in der Frühe aufgestanden zu sein“, sagt Gabi Taschbach (64). Thea Köller (35) bestätigt: Auch ihr werde jedes Mal ganz warm ums Herz beim Anblick der kleinen Lebewesen.
Einen schöneren Start in den Tag und das auch noch vor ihrer Arbeit im Büro können sich die Rehkitz-Retterinnen nicht vorstellen. „Ich bin immer froh, wenn wir den Deckel auf die Kiste setzen können. Dann weiß ich, dass das Kitz in Sicherheit ist“, ergänzt Silke Schneiders (61).
Erftstadt: Darum funktioniert diese Rettung nur in den Morgenstunden
Kitze retten vor dem Mähwerk der Landmaschinen: Das hatte Michael Vormann im Sinn, als er 2023 mit Gleichgesinnten den Verein Kitzretter Rhein-Erft gründete. Mittlerweile besteht das Retterteam aus 60 Leuten. Seitdem denkt auch er allenfalls an die Frühjahrsmüdigkeit. Wenn sich andere zwischen Ende April und Anfang Juli lieber noch einmal im Bett umdrehen, schwingen sich die Kitzretter frühmorgens aus den Federn. Meistens starten sie dann ab 5 Uhr ihre Rettungsflüge. Verhältnismäßig spät begann ihr Einsatz zuletzt auf den Wiesen bei Erftstadt-Gymnich: gegen 6 Uhr.
„Kitze laufen ja genauso wie Junghasen bei Gefahr nicht weg“, erklärt Vormann. Ganz tief verstecken sie sich im Gras – immer dort, wo die Ricke beziehungsweise die Häsin sie abgelegt hat. „Früher haben wir mit Hunden das hohe Gras abgesucht, und trotzdem kam es immer wieder auch zu Verlusten“, berichtet Landwirt Jürgen Henschel aus Giffelsberg bei Blatzheim. Die Kitzrettung mit den Drohnen findet er einfach fantastisch. Er lobte aber auch die Kitzretter selber: „Was diese Leute in diesen Tagen und Wochen leisten, ist einfach großartig.“

Ein Blick von der Drohne auf die Kitz-Wiesen zu beiden Seiten der neu angelegten Erft.
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Schnell – vor allen Dingen aber sicher lassen sich mithilfe der Wärmebildkamera der Drohnen die oft nur wenige Tage oder Stunden alten Kitze im Gras ausfindig machen und über die Koordinaten auch punktgenau finden. „Allerdings funktioniert das Konzept nur in den Morgen- oder späten Abendstunden“, erklärt Vormann. „Das Gras hat dann noch vergleichsweise niedrige Temperaturen – heute zwischen sechs und neun Grad“, so Drohnenpilot Jan Moldenhauer (30).
Auch er zählt seit der Vereinsgründung 2023 zum Team. Mit einer Firma für Drohnendienstleister hatte er sich beruflich sogar ein zweites Standbein aufgebaut. Gerne setzt er seine Technik für die Kitzrettung ein.
Richtig beruhigt bin ich aber immer erst, wenn ich mit eigenen Augen sehe, dass die Ricke ihr Kitz auch wieder angenommen hat
Auf der Agenda standen an diesem Tag 45 Hektar Wiese zu beiden Seiten des neu angelegten Flusslaufs der Erft bei Gymnich. Jeder Quadratmeter wurde mit der Drohne aus der Luft erfasst. Als kleine weiße Flecken heben sich die warmen Körper der Tiere im kühlen Gras recht deutlich ab. Kleine weiße Flecken gab es auch diesmal wieder reichlich: Da war der Fuchs, der sich gleich einen ganzen Hasen zum Frühstück genommen hatte. Auch eine ganze Fuchsfamilie spazierte durch das hohe Gras.
Aber da waren auch fünf Kitze, die gerettet wurden. Dafür werden aber nicht nur die Technik und Ausrüstung benötigt. Um mitunter mehrere 100 Meter durch das teils mannshoch stehende Gras zu laufen, ist auch eine gute Kondition erforderlich. In langen Regenhosen, Gummistiefeln und Schutzjacken am Körper – den Kescher und die Boxen in den Händen und das Handy am Ohr – folgte das Rettungsteam den Anweisungen des Piloten.

Kondition braucht es auch, um durch das hohe Gras zu stiefeln.
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2025 haben die Kitzretter Rhein-Erft auf insgesamt 530 Hektar 113 Kitze und etliche Junghasen retten können und mehrere Gelege von Fasanen so abgedeckt, dass der Landwirt drumherum mähen konnte. Und auch in diesem Jahr haben sie schon etwa ein Dutzend Kitze vor dem sicheren Tod gerettet. Die Mähmaschine stand schon bereit, als auch das letzte gefundene Kitz gerade in der Box verstaut und in Sicherheit war.
„Richtig beruhigt bin ich aber immer erst, wenn ich mit eigenen Augen sehe, dass die Ricke ihr Kitz auch wieder angenommen hat“, sagt Taschbach. Deswegen fahre sie stets noch am selben Tag raus zu den gemähten Wiesen, um nach den Tieren zu gucken. „Und wir fiebern alle der Nachricht entgegen, dass die Ricke ihr Kitz abgeholt und angenommen hat“, erklärt Schneiders.
Durch Erntemaschinen sterben jedes Jahr Tausende Rehkitze. Die Tiere sind zu dieser Jahreszeit besonders gefährdet, weil die Mähsaison mit der sogenannten Setzzeit der Rehe zusammenfällt. Die Muttertiere legen ihre Kitze im hohen Gras ab, um sie so vor Fressfeinden zu schützen. Gut versteckt verharren die Jungtiere dabei meist still an einer Stelle. Gerade deshalb sind sie bei den Mäharbeiten nicht leicht zu entdecken.
Auf einer Wiese bei Lichtenau im Kreis Mittelsachsen waren unlängst mehrere Rehkitze bei Mäharbeiten getötet worden. Anwohner zählten nach eigenen Angaben elf Jungtiere, die am Pfingstmontag von Maschinen erfasst wurden. Die Polizei hat Ermittlungen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz und des Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz aufgenommen. (jtü)