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Es geht um SchmerzensgeldEltern der Hürther Unfallopfer sprechen über ihr Leid

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In Hürth erinnern an der Unfallstelle zwei Figuren an Avin und Luis. Ihre Eltern erzählten am Dienstag im Gerichtssaal, was für Menschen ihre Kinder gewesen sind.

In Hürth erinnern an der Unfallstelle zwei Figuren an Avin und Luis. Ihre Eltern erzählten am Dienstag im Gerichtssaal, was für Menschen ihre Kinder gewesen sind.

Der fünfte Prozesstag am Kölner Landgericht zeigt: Durch den tödlichen Unfall wurden etliche Familien in Mitleidenschaft gezogen.

„Vater, Avin ist lange nicht mehr in ihr Bett gegangen“, sagte der Bruder des zehnjährigen Unfallopfers Avin, als er eines Abends gedankenverloren den Staub von der Leiter des gemeinsam genutzten Etagenbetts wischte. Erschütternde Szenen aus einem zerstörten Familienleben seit dem Tod des Mädchens im Juni schilderten die Eltern am Dienstag (16. Juni) im Landgericht Köln. Anspannung und Mitleid standen den Eltern des Schuldbegleiters Luis Paulo währenddessen in die Gesichter geschrieben. Wie Avin verlor der 25-Jährige sein Leben, als ein junger Autofahrer am 4. Juni 2025 auf der Frechener Straße in Hürth in eine Gruppe Viertklässler der Carl-Orff-Grundschule fuhr.

Im Mittelpunkt des fünften Verhandlungstages gegen den damals 20-jährigen Fahrer, der den Tod von zwei Menschen verschuldete und zwei weitere verletzte, stand die Klärung der Hinterbliebenen-Rechte. „Wir wollen nicht in Ihrem Leid herumwühlen, aber wir müssen feststellen, inwieweit Sie Ansprüche gegen den Angeklagten haben“, bat der Vorsitzende der 27. Strafkammer, Dr. Wolfgang Schorn, um Verständnis, warum er den trauernden Familien Angaben vor Gericht nicht ersparen kann. Adhäsionsantrag heißt das Verfahren in Strafgerichtsprozessen.

Hürth: Avins Familie leidet nach dem Tod der Tochter

„Wir geben uns alle Mühe weiterzumachen, denn unser Sohn braucht uns“, fuhr Avins Vater, Amir Vala, fort. Der sonst so fröhliche 17-jährige  Radin sei seit dem Tod der Schwester in sich gekehrt. „Er vermisst sie sehr, aber unseretwegen zeigt er seine Gefühle nicht.“ Eng soll das Verhältnis der Geschwister zueinander gewesen, trotz des Altersunterschieds von sechs Jahren. Nur dank der Unterstützung von Lehrern sei der Teenager versetzt worden. Viele Freunde der Familie verfolgen den Prozess vom Zuschauerraum aus. Zwischen den Unterstützern nimmt der Vater nach seiner immer wieder von Weinkrämpfen unterbrochenen Aussage Platz.

„In unserer Wohnung steht das Herz still, ist Schweigen“, sagt Farah Ramsi, die 45-jährige Mutter. Psychisch bedingtes Asthma bekam sie nach dem Tod der geliebten Tochter. Drei verschreibungspflichtige Beruhigungstabletten muss sie täglich einnehmen, um den Alltag durchzustehen. Wie ihr Mann spricht sie von Konzentrationsstörungen. Fast täglich gehen sie und ihr Mann zum Friedhof und zünden an Avins Grab eine Kerze an. Vor allem für sie hatten sich die Eltern, die einer christlichen Minderheit im Iran angehörten, eine Zukunft erhofft. Deshalb flohen der Ingenieur und die Verwaltungsangestellte drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter vor dem Mullah-Regime nach Deutschland.

Das Fallen einer Stecknadel wäre zu hören gewesen, als Lilian und Marcus Jochim von ihrem getöteten Sohn Luis erzählten. Auch sie leiden körperlich und psychisch an den Folgen des Verlustes. Es gebe nichts Schlimmeres, als sein Kind zu verlieren, sagte die 60-Jährige. Sie berichtete eindringlich von Luis' enger Bindung an seine drei jüngeren Geschwister. Für seine Schwester sei er so etwas wie ein Beschützer gewesen, für einen der Brüder ein Vorbild: Beide konnten stundenlang über Handball reden, beide besuchten die Spiele des jeweils anderen. 

Das war vor dem verhängnisvollen 4. Juni 2025. Sie merke, sagte Lilian Jochim, „dass bei allen drei unserer Kinder die Leichtigkeit verloren gegangen ist“. Sie hoffe, dass diese irgendwann ein Stück weit zurückkehre, vielleicht demnächst bei einem gemeinsamen Urlaub auf einem Campingplatz in Spanien. Die Reise an den Ort, an dem die Familie unbeschwerte Ferien verbrachte, als die vier Kinder noch klein waren, war schon länger geplant – mit Luis.

Ein Foto von Luis Paulo und Avin erinnert an der Gedenkstätte an der Frechener Straße an den schrecklichen Unfall.

Ein Foto von Luis Paulo und Avin erinnert an der Gedenkstätte an der Frechener Straße an den schrecklichen Unfall.

„Er fehlt einfach. Überall“, sagte Marcus Jochim. Luis sei „ein toller Mensch, eine gute Seele gewesen“. Für ihn als Vater habe es keine schöneren Momente gegeben, als samstags oder sonntags mit allen vier Kindern am Frühstückstisch zu sitzen und zu wissen, dass er und seine Frau vieles richtig gemacht hätten, um die drei Söhne und eine Tochter zu dem reifen zu lassen, was sie sind. Dass Luis nicht mehr dabei sein darf, „ist einfach nicht fair. Das ist so verdammt schwer“.

Der fünfte Prozesstag lieferte abermals in erschütternder Weise die Erkenntnis, dass durch den Unfall auch andere Familien leiden. So sagte die Mutter einer Klassenkameradin von Avin, dass dieser Tag alles im Leben ihrer Familie verändert habe: „Das ist ein Albtraum für uns und vor allem unsere Tochter.“

Dass Luis nicht mehr dabei sein darf, ist einfach nicht fair. Das ist so verdammt schwer
Marcus Jochim

Die damals Zehnjährige konnte dem BMW-Fahrer nur entkommen, weil sie schnell loslief, als sie das Auto aus den Augenwinkeln wahrnahm. Vorwürfe mache sie sich bis heute, dass sie ihre Freundin Avin nicht retten konnte. Das einst so fröhliche und unbeschwerte Mädchen sei seitdem in sich gekehrt und habe in nahezu jeder Situation im Straßenverkehr Angst, berichtete deren Mutter.

Bevor die Angehörigen von Avin und Luis zu Wort kamen, stellte der Sachverständige für Unfallrekonstruktion, Michael Heuer, die neuen Erkenntnisse nach dem Ortstermin am 3. Juni vor. Er selbst war im Auto die Strecke abgefahren, um herauszufinden, ob eventuell die Sicht auf die Fußgänger behindert gewesen sein könnte. Störungen der Lichtsignalanlagen, Mängel in der Planung der Ampelschaltungen und fehlerhafte Aufzeichnungen der Phasenwechsel konnte der Ingenieur anhand umfangreicher Daten der von der Stadt Hürth beauftragten Fachfirma für Straßenverkehrsanlagen ausschließen.

Die Umschaltphasen entsprechen nach Heuers Erkenntnis den Verkehrsrichtlinien. Demnach zeigt die Ampel für den motorisierten Verkehr fünf Sekunden lang Gelb und drei Sekunden lang Rot, bevor die Ampel für Fußgänger auf Grün springt. Zwischen der Haltelinie vor der Ampel für den Autoverkehr und der Fußgängerfurt liegen 15 Meter. Spätestens 60 Meter vor Erreichen der Haltelinie sind wartende Fußgänger gut erkennbar.

Unfallsachverständiger bestätigt seine früheren Aussagen vor Gericht

Der Gutachter sah seine früheren Ausführungen bestätigt: Die Lichtsignalanlage für den Kraftfahrzeugverkehr zeigte mindestens vier Sekunden lang Rot, als der Angeklagte am 4. Juni 2025 mittags die Haltelinie überfuhr und eine Sekunde später ungebremst mit einer Geschwindigkeit von rund 55 Stundenkilometern in die Schulgruppe fuhr. Eine Kollision mit der Gruppe wäre jedoch auch dann kaum vermeidbar gewesen, führte der Sachverständige aus, wenn der Fahrer bei Rot an der Haltelinie einen Bremsvorgang eingeleitet hätte. Vielleicht nur nicht mit solch katastrophalen Folgen.


Der Prozess wird am 8. Juli mit der Anhörung weiterer Zeugen fortgesetzt. Zudem steht die Befragung de2 21-jährigen Angeklagten an. Am selben Tag werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung wahrscheinlich ihre Plädoyers halten. Das Urteil wird für den 10. Juli erwartet.