Avin (10) und Luis (25) starben 2025 wenige Tage nach dem Unfall im Krankenhaus. Der Fahrer muss sich nun vor Gericht verantworten.
Tödlicher UnfallWie die Eltern von Avin (10) und Luis (25) auf den Prozessauftakt blicken

Die Unfallstelle am 4. Juni 2025 auf der Frechener Straße.
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Fast ein Jahr ist es her, dass auf der Frechener Straße in Höhe der Einmündung zur Theresienhöhe ein damals 20-jähriger Pkw-Fahrer das Rotlicht missachtet hat und in eine Schülergruppe fuhr, die bei Grün die Frechener Straße überquerte. Die zehnjährige Avin und der 25 Jahre alte Schulbegleiter Luis Paulo Jochim wurden so schwer verletzt, dass sie wenige Tage nach dem Unfall im Krankenhaus starben. Vier weitere Kinder erlitten bei dem Unfall leichte Verletzungen.
Am Montag (18. Mai) beginnt vor der 27. Großen Strafkammer des Landgerichts Köln der Prozess. Der Fahrer muss sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und Körperverletzung in mehreren Fällen verantworten. „Doch alle Strafen dieser Welt ändern doch nichts an dieser entsetzlichen Endgültigkeit – unsere Avin kommt nie wieder zurück – nie wieder dürfen wir sie in den Armen nehmen – mit ihr lachen und reden“, sagt Avins Vater Amir Vala.
Hürth: Mutter von Avin lässt die Lichter am Grab ihrer Tochter nie ausgehen
Jeder Tag sei für ihn gleich, ob Jahrestag oder Prozessauftakt, nichts ändere etwas an seinen Empfindungen. „Ich werde auch nicht zu diesem Prozess gehen“, erklärt er. Der bringe ihm sein Kind ja nicht zurück und ändere nichts. „Ich will nicht dahin“, sagt Vala. Er habe dafür auch gar nicht die Kraft. „Und ich weiß nicht, wie ich reagiere, wenn ich dem Fahrer in die Augen gucken muss“, erklärt er.

Avin Vala. (Repro)
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„Er weint oft – manchmal lacht er auch, wenn wir miteinander reden –, doch das dauere nie länger als ein paar Minuten, dann weint er wieder“, sagt einer seiner Freunde über den trauernden Vater. Oft fange Amir Vala mitten im Alltag unvermittelt an zu weinen. Es sei für ihn ganz furchtbar, seinen Freund so leiden zu sehen.
Ans Grab seiner Tochter geht Amir Vala nur selten. „Hier bin ich nicht gerne“, erklärt er. Seine Frau und auch viele Freunde gingen aber jeden Tag zum Grab. „Meine Frau geht jeden Abend zum Grab“, sagt Vala. Sie lasse die Lichter dort nie ausgehen – auch über Nacht nicht. Doch er halte es dort nicht aus. Zu bewusst sei ihm, dass sein Kind dort liege. „Zu Hause kann ich mir vorstellen, dass Avin noch bei mir ist“, sagt er. Dann nehme er sie einfach in die Arme und rede und lache mit ihr.
Eltern von Luis haben schwere und leichte Tage
Es gebe schwere und leichte Tage, sagt Marcus Jochim. Er und seine Frau hätten ein bisschen Angst vor dem Montag. Aus erster Hand wollen sie erfahren, was genau sich am Mittwoch, 4. Juni 2025, gegen 12.15 Uhr auf der Frechener Straße ereignet hat. Und sie fürchten sich vor dieser Wahrheit. Denn auch sie haben die Sorge, emotional noch weiter in die Geschehnisse hereingerissen zu werden. „Aber ja – der Plan steht, wir wollen an allen Verhandlungstagen dabei sein“, sagt Jochim.

Luis Paulo Jochim. (Repro)
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Angst hätten sie auch vor der Art und Weise, wie ihnen der Unfallfahrer begegnen könnte. „Wir empfinden Liebe für unseren Sohn, aber keinen Hass für den Fahrer“, sagt Jochim. „Ich weiß nicht, welche Gefühle wir und ich haben werden, wenn wir ihn sehen, wenn er sich vor der Strafkammer erklären muss“, sagt Jochim. „Doch ich wünsche mir, dass dieser junge Mann die Chance bekommt, sein Leben neu zu ordnen, seinen Rucksack neu zu packen – um noch etwas richtig Gutes aus seinem Leben zu machen.
Er könne sich jedoch nicht vorstellen, dass eine solche Kehrtwende ohne harte Strafe möglich sei. Er muss an einen Jugendcoach denken, mit dem er auch in einem der Projekte der Luis-Paulo-Stiftung zusammenarbeitet und der auch eine solche Kehrtwende im Leben geschafft hat. Wenn der nicht rechtzeitig gebremst worden wäre, hätte er einfach so weiter gemacht.
Apropos Stiftung: „Sie gibt uns allen die Kraft. In ihr lebt Luis Paulo weiter“, sagt Jochim. Die Stiftung unterstützt auch Projekte mit Jugendlichen, die so wie der 20-jährige Fahrer vielleicht keinen so guten Start ins Leben hatten. Mit der Stiftung werden Präventionsprojekte unterstützt, aber auch Sport- und Verkehrssicherheitsprojekte.
Das wäre sicherlich auch im Sinne von Luis Paulo, sind seine Eltern und Geschwister überzeugt. Und es freut sie, dass ihre Botschaft Früchte trägt. In Hürth findet zum Beispiel am 30. Mai ein Spendenlauf zugunsten der Stiftung statt. Am 11. Juni lädt die Carl-Orff-Schule in Hürth zu einem Verkehrssicherheitstag ein. „Zusammen mit dem Lions Club Hürth werden wir dann nahezu 1000 Warnwesten an alle Hürther Grundschulkinder verteilen“, so Jochim.
„Gemeinsam laufen. Gemeinsam helfen“ heißt es dann beim „1. Königswinterer Lauf für Luis“ am 20. September. Die Strecke führt durch die Altstadt und am Rheinufer entlang. Gelaufen wird dann über vier Distanzen: 10 Kilometer, 5 Kilometer, 1000 Meter und für die Bambinis 400 Meter. Weitere Informationen hier.
Der tödliche Unfall
Dieser Unfall löste Betroffenheit weit über Hürth hinaus aus: Ein damals 20-jähriger Fahrer aus Hürth war Anfang Juni 2025 auf der Frechener Straße mit seinem BMW in eine Gruppe von Viertklässlern und deren Betreuer gefahren. Die Viertklässlerin Avin und ihr Schulbegleiter Luis starben wenige Tage darauf im Krankenhaus. Beiden wurden Organe entnommen, die nun anderen Menschen ein neues Leben ermöglichen.
Der Unfallfahrer, den das Amtsgericht Brühl bereits wegen mehrerer früherer Verkehrsdelikte zu Bewährungsstrafen verurteilt hatte, muss sich von Montag an unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in zwei und fahrlässiger Körperverletzung in mehreren Fällen vor dem Landgericht Köln verantworten.
Spekulationen, der 20-Jährige sei viel zu schnell gewesen und habe die rote Ampel und die Schüler deshalb zu spät gesehen, wurden durch einen Sachverständigen widerlegt. Der BMW sei lediglich mit einer Geschwindigkeit zwischen 54 und 57 km/h unterwegs gewesen. Erlaubt ist an dieser Stelle Tempo 50. (jtü)
