Irmgard Karoline Donner unterstützte zahlreiche Menschen mit Migrationsgeschichte dabei, sich zu integrieren.
„Die gute Seele“83-jährige Kerpenerin hilft Geflüchteten, Fuß zu fassen

Irmgard Karoline Donner und Sefki Redzepi schwelgen in Erinnerungen.
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Es war im Dezember 1991, als Irmgard Karoline Donner den jungen Mann kennenlernte, den sie später als ihren Sohn bezeichnen sollte. Die Horremer Pfarrei hatte ein Nachmittagscafé für die geflüchteten Männer des ehemaligen Wohnheims „Grünes Warenhaus“ angeboten. Daran nahm auch Sefki Redzepi (Name auf Wunsch geändert) teil. „Erstaunlicherweise haben wir uns schon ganz gut unterhalten können“, erinnert sich die 83-Jährige mit leuchtenden Augen: „Zwar in gebrochenem Deutsch, aber das klappte.“
Kerpen: Junge Männer an Heiligabend eingeladen
In den kommenden 35 Jahren sollten sie, ihr Ehemann, ihre drei Söhne und Redzepi so eng zusammenwachsen, dass der Mazedonier mit bosnischer Herkunft Teil der Familie wurde. Und er sollte nicht der letzte Mensch mit Migrationsgeschichte sein, der auf der Suche nach Hilfe vor der Tür der Familie Donner stand. Selbst wäre sie vermutlich zu bescheiden, um sich als gute Seele der Flüchtlingsarbeit zu bezeichnen. Und doch half sie zahlreichen geflüchteten Menschen in Kerpen dabei, in Deutschland Fuß zu fassen.
Kurz nach dem ersten Treffen mit Redzepi und weiteren jungen Männern aus dem Geflüchteten-Wohnheim lud Familie Donner mehrere von ihnen an Heiligabend zum Essen ein. „Und dann ging das Drama los“, sagt Donner und lacht: „Plötzlich hatten wir sechs bedürftige Jungs um die 20 Jahre alt hier.“ Hinzu kamen die eigenen Söhne im gleichen Alter. Doch das konnte Irmgard Karoline Donner nicht abschrecken. Karolina, wie Redzepi die 83-Jährige liebevoll nennt, sei fortan regelmäßig im Wohnheim mit ihrem Mann zu Besuch gewesen. Sie habe etwa Gardinen für das Zimmer der Geflüchteten genäht.
Zu sechst seien die jungen Männer auf dem Zimmer gewesen, 130 Männer unterschiedlicher Nationalität hätten in dem Wohnheim gelebt, erinnert sich Donner. „Das war heftig!“, sagt sie. Redzepi lacht. „Eigentlich war es ganz lustig.“ Nach Deutschland kam er aufgrund des Kriegs in seiner Heimat.

Irmgard Karoline Donner hat zahlreiche Fotos von den Besuchen in der Heimat ihrer Schützlinge.
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Zu der damaligen Zeit hätten Geflüchtete noch direkt arbeiten können, erzählen beide. „Ich habe immer gearbeitet, egal, was und wo“, sagt Redzepi. „Zuerst war er bei einer Baufirma von Freunden von uns tätig. Ich habe den Kontakt hergestellt“, berichtet Donner: Ob Streich- und Maler-, Gartenarbeiten oder auf der Baustelle, der heute 58-Jährige habe immer irgendwo angepackt. Für seinen Lohn habe das Ehepaar ihm ein Konto bei der Bank eingerichtet.
„Und dann kam die Abschiebung“, erinnert sich Donner. Redzepi kehrte zurück ins damalige Mazedonien. Und das Ehepaar Donner? Das reiste mit und band sich das von Redzepi verdiente Geld in Höhe von 30.000 Mark um den Bauch, um es seiner Familie zu überbringen. „Das war nicht illegal!“, betont die Seniorin: „Wir haben uns an die Vorschriften gehalten und sie einfach nur klug genutzt.“ Sie macht aber an anderen Stellen im Gespräch auch deutlich: „Ich wäre bereit gewesen, für ihn ins Gefängnis zu gehen.“
„An die Augen der Eltern erinnere ich mich noch ganz genau, als wir dort ankamen“, sagt Donner: „Wir legten das Geld auf den Tisch. Sie konnten sich dafür unter anderem eine Wohnung kaufen. Der Rest kam in die Kühltruhe, weil man den Banken dort nicht vertrauen konnte.“
Bis heute machen Karolina und ich vieles zusammen. Sie ist wie meine Mutter.
Dann lebte Redzepi einige Zeit in seiner alten Heimat. „Und nach einem Jahr stand er plötzlich wieder vor unserer Tür“, erzählt Donner. Dann habe er 16 Monate bei ihr gewohnt. Für Donner war nun schon klar, dass Redzepi zur Familie gehört. Sie verdeutlicht: „Ich musste ihm helfen.“
Redzepi heiratete, machte später einen Taxischein. 18 Jahre habe er als Taxifahrer gearbeitet, dann sei er zu den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) gewechselt. Dreimal habe er sich beworben, bevor die KVB ihn angenommen hätten. „Das zweite und das dritte Mal mussten wir ihn zwingen, es erneut zu versuchen“, verrät Donner und lacht.
Redzepis Ehe ging auseinander, später heiratete er erneut. Heute hat er drei Kinder. „Bis heute machen Karolina und ich vieles zusammen“, berichtet der 58-Jährige: „Sie ist wie meine Mutter.“ Ob beim Wohnungs- oder Autokauf, bei Hochzeiten oder im Urlaub: Irmgard Karoline Donner begleitet Sefki Redzepi gerne bei jeder Gelegenheit.
Ihre Gastfreundschaft blieb jedoch nicht nur ihm vorbehalten. Schnell sprach sich herum, dass Donner sich um die kümmerte, die nicht wussten, wohin mit sich. So kam es, dass ein ums andere Mal Menschen mit Fluchtgeschichte vor ihrer Haustür aufgetaucht seien, die sie anschließend beherbergt habe. Nicht jeder habe die Kurve gekriegt, gibt sie zu bedenken. Während Redzepi immer um seinen Platz in der hiesigen Gesellschaft gekämpft habe, hätten andere Geflüchtete irgendwann aufgegeben.
„Aber solange ich es kann, mache ich es gerne weiter. Ich merke auch, wie es mich lebendig hält“, sagt die 83-Jährige. Und: „Würden wir uns alle einander etwas mehr helfen, wäre unsere Gesellschaft eine bessere. Wohin ich auch gehe, ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gutes zu mir zurückkommt, wenn ich Gutes gebe.“
