Dramatische Umsatzrückgänge bis zu 40 Prozent seien Folge des Verkehrsveruchs, so die Inhaber. Kurzarbeitergeld für Angestellte beantragt.
Im Laden „gähnende Leere“Geschäftsleute in Niederkassel denken wegen Verkehrsversuch an Schließung

Verkehrsversuch Niederkassel, Bäckermeister Jan Müller hat Umsatzverluste von 40 Prozent. "Morgens ist der Laden leer, weil keine Pendler mehr kommen."
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Es ist nicht nur Bäckermeister Jan Müller, der in seinem Laden Umsatzeinbrüche bis zu 40 Prozent wegen des Verkehrsversuches in Ranzel hat. Nunzio Mallia, Inhaber der Pizzeria Il Cavallino auf der anderen Straßenseite, habe jetzt mittags gar keine Gäste mehr, sagt er. Schräg gegenüber seines Geschäftes befindet sich das Pizza- und Kebabhaus der Brüder Mikail und Cebrail Öztunc. Auch sie beklagen bis zu 40 Prozent Umsatzverlust. Genau wie auch das Büdchen nebenan von Emre Jarar. Alle diese Geschäftsleute fühlen sich als „unschuldige Opfer eines unüberlegten Verkehrsversuchs.“
Ende April waren sechs Straßenzüge im Umfeld der Kreuzung Berliner Straße/Porzer Straße in Einbahnstraßen umgewandelt worden. Damit möchte die Stadtverwaltung von Niederkassel nach eigenen Angaben die Verkehrssicherheit im Stadtteil Ranzel, besonders im Gebiet um die Drei-Linden-Gemeinschaftsgrundschule, erhöhen. Zudem solle der Durchgangsverkehr aus dem Gebiet heraus verlagert werden. Der Versuch läuft planmäßig über ein halbes Jahr.
Rund 10.000 Euro Gewerbesteuer zahlen wir im Jahr an die Stadt.
Mallia eröffnete vor 14 Jahren seine Pizzeria in Ranzel nachdem er sein Restaurant in Porz-Zündorf geschlossen hatte. „Viele Kunden sind mir treu geblieben“, berichtet er. Durch die neue Verkehrsführungkämen viele Kunden kaum noch zu ihm. Umwege wolle keiner fahren. „Rund 10.000 Euro Gewerbesteuer zahlen wir im Jahr an die Stadt“, berichtet seine Frau Grazia, die für die Buchführung zuständig ist. In 14 Jahren seien da 140.000 Euro zusammengekommen. Das alles würde jedoch niemanden interessieren.

Verkehrsversuch in Niederkassel: Nunzio Mallia ist der Umsatz an seiner Pizzeria um 40 Prozent eingebrochen. „Mittags kommen so gut wie keine Gäste mehr.“
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„Wir überlegen, ob wir aufhören“, so Nunzio Mallia. Es mache keinen Sinn im Laden zu stehen, wenn keine Gäste kommen. „Mittags haben wir so gut wie keinen Umsatz mehr.“ Er berichtet, dass von der Verwaltung oder aus der Politik keiner gekommen sei, um mit ihm im Vorfeld zu sprechen. Plötzlich sei die Sperrung da gewesen. Er habe schnell bei der Stadt angerufen. Ihm sei geraten worden, sich per E-Mail zu beschweren.
Im Pizza- und Kebabhaus ist der Umsatz um 40 Prozent eingebrochen
Nicht besser erging es den Brüdern Mikail und Cebrail Öztunc. Seit sieben Jahren bieten sie auf dem Gelände der ehemaligen Tankstelle an der Porzer Straße türkische Spezialitäten an. „Keiner ist zu uns gekommen“, so Mikail Öztunc. Plötzlich sei die Verkehrsführung geändert worden und der Umsatz im Laden „dramatisch eingebrochen.“

Mikail Öztunc (links) und sein Bruder Cebrail betreiben ein Pizza- und Kebabhaus. Bei Ihnen ist der Umsatz um 40 Prozent eingebrochen.
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Um zu überleben, hat ihr Imbiss nun auch am Dienstag geöffnet. Das war früher der Ruhetag. „Wir stehen jetzt jeden Tag im Laden und wissen doch nicht, ob wir hier eine geschäftliche Perspektive haben.“ Viele Stammgäste kämen nicht mehr. Beide überlegen, ihren Laden zu schließen, sollte sich die Situation nicht bald bessern.
Wenn die Verwaltung die Raser bremsen will, dann soll sie eine feste Blitzanlage einbauen.
„Die Fläche, wo früher die Zapfsäulen standen, wird jetzt von vielen Autofahrern, die den Verkehrsversuch nicht verstehen, als Wendeplatz genutzt“, berichtet Emre Jarar, der sein Büdchen neben dem Imbiss der Brüder hat. Er hat sein Geschäft im letzten Jahr eröffnet. Jetzt macht er sich Gedanken, den Laden schon wieder zu schließen. Dann wären auch zwei Mitarbeiter betroffen. „Wenn die Verwaltung die Raser bremsen will, dann soll sie eine feste Blitzanlage einbauen“, schlägt er als Lösung vor. Dann könne alles bleiben, wie es vor dem Versuch war.

Die Fläche auf der ehemaligen Tankstelle nutzen seit dem Verkehrsversuch viele Autofahrer als Wendeplatz.
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Und da ist noch Bäckermeister Jan Müller, der durch intensiven Protest auf sich aufmerksam machte. Er hat Gespräche mit Bürgermeister Matthias Großgarten (SPD) und allen Fraktionen des Stadtrates geführt. Aufmerksam sei er geworden, als „der Bürgermeister fünf Tage vor Sperrung ein Video vor Ort gedreht hat, um die Bürger in den sozialen Netzwerken zu informieren.“
Morgens von sechs bis neun Uhr haben früher viele Pendler bei uns gehalten. Jetzt ist um diese Zeit gähnende Leere.
„Morgens von sechs bis neun Uhr haben früher viele Pendler bei uns gehalten, die mit dem Auto auf dem Weg in Richtung Zündorf oder nach Wahn waren“, berichtet Müller. Jetzt sei um diese Zeit im Laden „gähnende Leere.“ Noch zahlt er eine hohe Gewerbesteuer, aber „wenn es mit den Umsatzrückgängen weiter so geht, dann wird der Betrag deutlich sinken.“ Sein Vater Dietmar hatte die Bäckerei an der Berliner Straße 1983 gegründet, 2013 übernahm Jan Müller die Verantwortung.
Sein Sohn Gianluca macht zurzeit zusammen mit einem anderen jungen Mann eine Ausbildung in der Familienbäckerei. „Das wäre dann die dritte Generation.“ Müller überlegt jetzt, Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter zu beantragen, weil die Umsatzeinbrüche von 40 Prozent kaum noch aufzufangen seien. Er hofft, dass der Verkehrsversuch nicht zur Realität wird. Eine kleine Lösung für ihn wäre, wenn die Berliner Straße wieder in beide Fahrtrichtungen geöffnet wird.

Bäckermeister Jan Müller in seinem Laden an der Berliner Straße.
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Carsten Volk, der seit 20 Jahren in Niederkassel wohnt, und Stammkunde bei Müller ist, hat eine klare Meinung zu dem Verkehrsprojekt. „Die Geschäftsleute sind das letzte, was unsere Politiker interessiert.“ Dabei sei eine Vielzahl kleinerer Läden das, was eine Kommune ausmache. Das würde leider immer wieder vergessen, betont er.
Verwaltung in Niederkassel betont positive Reaktionen auf den Versuch
Die WIN-Fraktion („Wähler-Initiative Niederkassel“) hatte jüngst im Rats-Ausschuss für Bau und Verkehr den Antrag eingebracht, den Verkehrsversuch in Ranzel kurzfristig abzubrechen, da er aus ihrer Sicht nicht erfolgreich sei. Die anderen Ausschussmitglieder konnten die Kritik der Geschäftsleute zwar nachvollziehen, stimmten aber dem vorzeitigen Ende des Versuchs nicht zu. Die Verwaltung teilte in der Sitzung zudem mit, dass es positive Reaktionen auf den Versuch gebe. Beispielsweise von Eltern von Schulkindern, die sich über die gesteigerte Sicherheit beim Schulweg freuten.
Eine Petition zur Beendigung des Projektes hat schon über 1300 Unterstützer gefunden. „Die hohe Zahl der Unterschriften zeigt, dass wir hier nicht über ein Einzelproblem sprechen, sondern über ein Thema, das viele Menschen in Niederkassel bewegt“, betont Müller. Das sei ein klares Signal aus der Bevölkerung. „Wir Geschäftsleute wünschen uns keine Konfrontation – wir möchten eine Lösung mit der Anwohner, Kunden und wir gut leben können.“
Die Stadtverwaltung Niederkassel sammelt während der Dauer des Verkehrsversuchs alle Rückmeldungen, positiv wie negativ, und hat dafür eine E-Mail-Adresse eingerichtet: verkehrsversuch-ranzel@niederkassel.de. Die Anregungen würden für das weitere Vorgehen des Verkehrsvesuchs einbezogen.
