Berlin – Es ist gegen 21 Uhr am Montagabend, als ein Krankenwagen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ins Krankenhaus bringt. Bei einem Abendessen des Wirtschaftsausschusses des Bundestages in einem Berliner Hotel hatte er über Unwohlsein und Wortfindungsstörungen geklagt. Am frühen Dienstagmorgen meldet der Minister sich dann auf Twitter: „Mir geht es wieder sehr gut“, schreibt er dort und bedankt sich für die Genesungswünsche. Sein Krankenhausaufenthalt sei eine Vorsichtsmaßnahme. „Die bisherigen Untersuchungen haben die Sorgen meiner Mitarbeiter jedoch nicht bestätigt.“
Wie gut es Altmaier wirklich geht, bleibt unklar. Schwäche zeigt kaum ein Politiker gerne - schon gar nicht im Wahlkampf. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl kämpfte sich 1989 sogar mit einer schmerzhaften Prostataerkrankung durch einen Parteitag, auf dem er als CDU-Chef gestürzt zu werden drohte. Eigentlich hätte er schnellstens operiert werden müssen. Eine weitere Prostata-Operation versuchte das Kanzleramt 1995 zu vertuschen und erklärte zunächst, der Kanzler leide an einer Grippe.
Debatte ist nicht neu
So vehement verheimlichen viele Politikerinnen und Politiker ihren Gesundheitsstatus heute nicht mehr. Im April dieses Jahres zog sich der CDU-Bundestagsabgeordnete und Verteidigungsstaatssekretär Peter Tauber nach einer wiederholten entzündlichen Darmerkrankung aus der Politik zurück und sprach öffentlich über Krankheit und Schwäche. Auch die Linken-Abgeordnete Sahra Wagenknecht sprach 2019 ungewohnt offen über ihr Burnout-Syndrom, nachdem sie angekündigt hatte, nicht erneut für den Fraktionsvorsitz zu kandidieren.
Altmaiers Krankenhausaufenthalt wirft nun erneut ein Schlaglicht auf die Arbeitsbelastung und die damit verbundenen Gesundheitsgefahren von Spitzenpolitikerinnen und -politikern. Bereits vor zwei Jahren war eine Debatte darüber ausgebrochen, was die Arbeit im Parlament den Bundestagsabgeordneten abverlangt. Im November 2019 hatten gleich zwei Abgeordnete während einer Plenarsitzung einen Schwächeanfall erlitten.
Überproportional großes Erkrankungsrisiko
„Wie in einer Reihe anderer harter und schwieriger Berufe in unserem Land gibt es im Politikbetrieb viel Arbeit, viel Stress und grundsätzlich ungünstige Bedingungen für die eigene Gesunderhaltung“, sagt der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Notarzt ist erst im November 2020 in den Bundestag nachgerückt. Aus seinem früheren Beruf ist er lange Arbeitszeiten und Stress gewohnt.
„Wenn man nicht sehr auf sich aufpasst ist das Risiko, im Laufe der Zeit krank zu werden, überproportional groß“, sagt Dahmen über die Politik. „Nicht nur die Menge an Arbeit ist für die Gesundheit wichtig - sondern vor allem, ob man planbare Ruhe- und Erholungsphasen hat, in denen der Körper die Chance hat, sich zu regenerieren.“
In den vergangenen Jahren sei die Belastung für Politikerinnen und Politiker noch gestiegen, sagt Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union. Er steht den Bundestagsabgeordneten als Seelsorger zur Seite.
Stimmung aggressiver geworden
Die permanente Präsenz von Politikerinnen und Politikern in den Sozialen Netzwerken trage dazu bei, sagt Dutzmann. „Es muss immer sofort reagiert werden, man muss stets alles im Blick haben“, erklärt er. In der aktuellen Legislaturperiode habe sich die Stimmung im Bundestag außerdem durch die AfD-Fraktion deutlich verändert und sei aggressiver geworden. „Die ständigen Grenzüberschreitungen zermürben viele Menschen.“
Das könnte Sie auch interessieren:
Im letzten Jahr habe die Corona-Pandemie die Belastung noch weiter steigen lassen, „durch die veränderten Arbeitsabläufe, aber auch durch die akut noch größere Verantwortung, die in einer solchen Situation auf den Menschen lastet.“
Janosch Dahmen fordert eine „parlamentarische Resilienzstrategie, die die Gesunderhaltung zum Ziel eines funktionierenden Parlamentsbetriebs macht.“ Es müssten Beratungsangebote geschaffen werden, für politische Neueinsteiger, wie auch für Menschen, die schon lange in der Politik sind. „Der Blick des ganzen Parlamentsbetrieb orientiert sich stark an Legislaturperioden. Dabei wird wenig auf Lebenszeitrisiken geschaut“, sagt der Grünen-Politiker.


