Abo

„Luft nach oben“Inklusion in Kölner Schulen kommt nur langsam voran

5 min
Schüler demonstrieren für bessere Bedingungen in der inklusiven Bildung vor dem Rathaus.

Schüler demonstrieren für bessere Bedingungen in der inklusiven Bildung vor dem Rathaus.

Zwar steigt die Inklusionsquote an Regelschulen leicht, doch die Zahl der Kinder an Förderschulen bleibt nahezu unverändert. Experten kritisieren fehlende Unterstützung und fordern bessere Rahmenbedingungen.

Vergangene Woche vor dem Rathaus: 200 Kinder, Lehrer und Mitglieder des Vereins Mittendrin demonstrieren für bessere Bedingungen für inklusive Bildung in Köln. Auf Plakaten mahnen die etwa 200 Teilnehmenden vor der Sitzung des Schulausschusses „Therapie ist kein Luxus“, „Ohne Priorität ist Inklusion nur ein Etikett“ und „Investiert in Kinder“. Es ist der 14. Protest dieser Art und bei vielen Teilnehmenden wächst der Frust über die Stagnation bei der Inklusion in Kölner Schulen.

Im neuen städtischen Bericht zum Thema manifestiert sich dieser Stillstand: Dem Papier zufolge ist die Quote der Kinder, die im Rahmen des gemeinsamen Lernens in Regelschulen unterrichtet werden, im Schuljahr 2024/2025 zwar auf 5,3 Prozent gestiegen – 0,2 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. Seit dem Schuljahr 2017/2018, als die Rate bei 4,0 Prozent lag, hat die Stadt aber nur einen eher mauen Aufwuchs geschafft. Und die Quote der Kinder, die eine Förderschule besuchen (Exklusion oder Separation), ist von 2017/2018 (4,0 Prozent) auf 2024/2025 (3,9 Prozent) praktisch gleichgeblieben. „Die Inklusionsquote steigt langsam, aber die Zahl der Schüler in Förderschulen geht nicht zurück“, fasst Eva-Maria Thoms, Vorsitzende des auf Inklusion spezialisierten Vereins Mittendrin zusammen. Dabei sei Inklusion kein „nice to have“, sondern sei im Schulgesetz als Regelfall für die Beschulung von Kindern mit Förderbedarf ausgewiesen.

Die Inklusionsquote steigt langsam, aber die Zahl der Schüler in Förderschulen geht nicht zurück
Eva-Maria Thoms, Vorsitzende des Vereins Mittendrin

Besonders ärgert Thoms und ihre Kollegin Ute Berger, dass die Stadt zwei neue Förderschulen im Bereich Geistige Entwicklung errichten will. Das Geld, das für die Schulen ausgegeben werden soll, sei viel besser angelegt, wenn man es in die inklusive Bildung investiere, sagt Berger. Die Stadt hingegen verteidigt die Pläne gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit einer wachsenden Nachfrage und Platzproblemen in den bestehenden vier Förderschulen in diesem Bereich: In den vergangenen zehn Jahren habe es keine Kapazitätsausweitung gegeben, die Schulen seien ausgelastet, teilte eine Stadtsprecherin mit. „Aufgrund der Nachfrage, auch an Förderschulen, ist es erforderlich, neue Plätze zu schaffen. Dies kann aufgrund der Rahmenbedingungen an den bestehenden Förderschulen nur durch die Errichtung neuer Förderschulen geschehen.“

Aufgrund der Nachfrage, auch an Förderschulen, ist es erforderlich, neue Plätze zu schaffen. Dies kann aufgrund der Rahmenbedingungen an den bestehenden Förderschulen nur durch die Errichtung neuer Förderschulen geschehen
Stadtsprecherin

Die höhere Nachfrage nach mehr Förderschulplätzen sei allenfalls eine Scheinnachfrage, so Berger. „Die Eltern haben nicht wirklich eine Wahlfreiheit.“ Denn die Bedingungen für Inklusion an den Regelschulen seien oft so schlecht, dass die Eltern auf eine Förderschule auswichen. Beispiel Schulfahrten: Eltern von Kindern mit Förderbedarf müssten oft sehr detailliert nachweisen, ob und wie oft ihre Kinder eine Beförderung zur Regelschule benötigten und ob das die Eltern nicht selbst stemmen könnten, sagt Thoms bei Podiumsdiskussion „Köln kann inklusive Bildung“ am vergangenen Donnerstag im Bürgerhaus Stollwerck.  

Meist würden nur Teilbewilligungen erteilt. Die Eltern müssten dann für den Schultransport in Vorleistung treten und die Kosten anschließend gegenüber der Stadt dokumentieren. Teilbewilligungen führten auch dazu, dass die Eltern an vielen Tagen ihre Kinder selbst zur Schule bringen müssten. Das mache die Lage in den ohnehin hoch belasteten Familien nicht einfacher, so Thoms, die auch Mitglied des die Stadt unterstützenden Expertenbeirats Inklusion ist.

Helmut Frangenberg (l.) moderiert die Podiumsdiskussion „Köln kann inklusive Bildung“ im Bürgerhaus Stollwerck. Mit dabei: Eva Caspers (v.l., Linke), Oliver Seeck (SPD), Helge Schlieben (CDU), Bärbel Hölzing (Grüne), Meike Wittenberg (Inklusionsreferentin Senat Bremen), Britta Klostermann (Gesamtschule Holweide) und Eva-Maria Thoms (Verein Mittendrin)

Helmut Frangenberg (l.) moderiert die Podiumsdiskussion „Köln kann inklusive Bildung“ im Bürgerhaus Stollwerck.

Britta Klostermann, Englischlehrerin und Koordinatorin für Sonderpädagogik an der Gesamtschule Holweide, stimmt zu: Früher seien viel mehr Kinder zu ihrer Schule, die seit 40 Jahren inklusiv arbeitet, gefahren worden. Mittlerweile seien der mangelhafte Schultransport „ein sehr großes Inklusionshemmnis“. An ihrer Schule gebe es kaum noch Kinder mit sichtbaren Behinderungen.

Den Handlungsempfehlungen des Expertenbeirates entsprechend fordert Berger auch ein Case-Management, das die Eltern berät. „Derzeit ist es Glückssache, an welche Schule man kommt“, sagt sie. Sie selbst ist Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom und sei an eine Beraterin des Gesundheitsamtes geraten, die von Inklusion offenbar wenig gehalten habe. „Es fehlt an Ermutigungen zur Inklusion, da ist noch viel Luft nach oben.“ Zudem benötigten die Schulen unter anderem auch mehr Therapeuten und Schulassistenzen, um den Unterricht inklusiver zu gestalten.

Derzeit ist es Glückssache, an welche Schule man kommt
Ute Berger, Verein Mittendrin

Dass es auch anders geht, zeige das Beispiel Bremen. Dort betrage die Quote der Kinder, die an einer Förderschulen lernen, gerade einmal 0,8 Prozent, erläuterte die Referentin für Inklusion des Bremer Senats, Meike Wittenberg, bei der Podiumsdiskussion. Im Stadtstaat habe man nach einer Umfrage unter Eltern die Förderschulen nach und nach fast vollständig abgeschafft und auf Inklusion gesetzt. Die Maßnahmen sollen nun fortlaufend überprüft werden. „Inklusion wird aber in Bremen nicht mehr in Frage gestellt“, so Wittenberg.

Auch die Kölner Schulpolitiker, die an der Podiumsdiskussion teilnahmen, würden gerne die Inklusion forcieren. Doch wie? Es brauche schlicht mehr finanzielle Unterstützung seitens des Landes, sagt der Vorsitzender des Schulausschusses, Helge Schlieben (CDU). „Was das Land der Stadt zur Verfügung stellt, reicht nicht aus.“ Allerdings will Schlieben sich auch für Förderschulen einsetzen. „Ich finde es gut, dass Familien eine Wahlfreiheit haben.“

Ich finde es gut, dass Familien eine Wahlfreiheit haben
Helge Schlieben (CDU), Vorsitzender des Schulausschusses

Eltern hätten erst eine Wahlfreiheit, wenn die Bedingungen für inklusives Lernen verbessert würden, entgegnet der schulpolitische Sprecher der SPD, Oliver Seeck. Auch die Lage für den Schultransport würde sich verbessern, wenn in mehr Schulen gemeinsames Lernen angeboten würde. „Die Schulwege würden auf diese Weise viel kürzer werden.“ Bärbel Hölzing, schulpolitische Sprecherin der Grünen, fragte sich, ob man nicht mehr Geld in die Hand nehmen sollte, um die Schüler zu trainieren, selbstständig den Schulweg zu bewältigen. „Ich halte Elterntaxis für falsch.“ Eva Caspers (Linke) wünschte sich, dass man „mehr Geld in Bildung stecken“ würde.

Beim Thema Case Management können sich die Schulpolitiker vorstellen, die Anregung des Expertenrats zu übernehmen und einen entsprechenden Prüfauftrag an die Verwaltung zu richten. Die Stadt verweist hingegen beim Case-Management darauf, dass es jetzt schon neben der Beratung der Eltern von Kindern mit Förderbedarf durch Schule und Schulaufsicht Hilfe durch die Kommunale Elternberatung Inklusion gebe. „Vor allem bietet sie eine Lotsenfunktion innerhalb der unterschiedlichen Zuständigkeiten der städtischen Verwaltung und berät gezielt auch im Anmeldeverfahren.“