Die Leistung beim 1:3 gegen Heidenheim war ein Offenbarungseid. Aber nicht nur der Trainer, auch die Mannschaft steht in der Pflicht.
Nach OffenbarungseidDiese drängenden Fragen muss der FC beantworten


Sind jetzt gefragt: FC-Präsident Jörn Stobbe (v.l.), Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler und Vizepräsident Jörg Alvermann
Copyright: Herbert Bucco
Das 1:3 des 1. FC Köln gegen Heidenheim war ein Offenbarungseid. Bodenlos, blutleer, ohne Idee und ohne Leidenschaft. Der Klassenerhalt nach dem 32. Spieltag war für einen Aufsteiger noch einigermaßen erfreulich — doch 32 Punkte als Saisonausbeute sind kein Ruhmesblatt. In mehreren Spielzeiten zuvor hätte diese Bilanz zum direkten Abstieg geführt. Und der Trend zeigt nach unten. Sofern am letzten Spieltag beim FC Bayern kein kleines sportliches Wunder geschieht.
Erst am Donnerstag hatte sich Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler öffentlich hinter seinen Trainer René Wagner gestellt und dessen Wirken gelobt — fast schon demonstrativ. Kaum 72 Stunden später folgte der Tiefpunkt auf dem Rasen. Selten hat sich ein Bekenntnis so schnell selbst konterkariert. Eine abschließende Entscheidung in der Trainerfrage ist noch nicht gefallen. Die Gremien tendieren wie Befürworter Kessler grundsätzlich in Richtung Wagner — doch nach Informationen dieser Zeitung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Trainermarkt wird sondiert.
Denn die Fragen, die sich die Entscheider stellen müssen, sind drängender denn je: Ist ein unbelasteter Neustart mit Wagner überhaupt noch realistisch? Hat er seinen Kredit bereits aufgebraucht? Verfügt er über die nötige Autorität? Besitzt er das Standing und die Kommunikationsstärke, die ein Verein von der emotionalen Wucht und Größe des FC benötigt?
Doch Wagner ist der sechste Übungsleiter in drei Jahren. Die Misere scheint tiefer verwurzelt: im Kader, in der Mentalität. Auch die Mannschaft muss sich hinterfragen — gerade an einem Tag, an dem drei Mitspieler und langjährige FC-Profis verabschiedet wurden. Stattdessen: Gleichgültigkeit auf dem Rasen. Tritt so eine Mannschaft auf, die unbedingt mit ihrem jungen Trainer weitermachen will? Bereits nach dem sehr dürftigen 1:1 bei St. Pauli sollen einige Spieler mal wieder das Nachtleben ausgiebig erkundet haben. Nun kommen ein Disziplinvorfall um den jungen, frischgebackenen Vater Jahmai Simpson-Pusey und unerklärliche Aussetzer auf dem Platz hinzu. Das alles wirft Fragen über die Einstellung zum hochbezahlten Traumjob auf.
Viele Fans haben indes ihr Urteil in der Trainerfrage längst gefällt. Die Stimmung gegenüber Wagner hat sich merklich gedreht. Entscheidungsträger dürfen sich von solchen Stimmungen freilich nicht direkt leiten lassen — Fans urteilen bisweilen zu schnell, zu emotional, zu sehr im Moment gefangen. Aber ignorieren darf die Vereinsführung diese Signale ebenfalls nicht. Der FC lebt von seinen Anhängern, mehr als manch anderer Klub.
Eine erneute Trainer-Debatte im Frühstadium der neuen Saison wäre fatal
Was unter allen Umständen verhindert werden muss: dass der FC in die neue Saison startet und schon nach wenigen Wochen wieder in dieselbe Diskussion schlittert. Eine erneute Trainer-Debatte wäre fatal. Die Unruhe, die dann entstünde, kennt man zur Genüge — und man weiß, wohin sie führt. Sollten die Bosse zu dem Schluss kommen, dass Wagner nicht der richtige Mann ist und man einen anderen, vielleicht erfahreneren Trainer will, muss diese Entscheidung rasch fallen — klar und konsequent. Es ist die Gretchenfrage.
Der FC hat sich schon zu oft im Ungefähren verloren. Zu oft gewartet, gezögert — und am Ende zu spät reagiert. Diesmal wäre für einen mittlerweile in vielen Bereichen gut aufgestellten Klub die Gelegenheit, es besser zu machen.
