Bis tief in die Nacht feiert der Meister der Regionalliga West die Drittliga-Rückkehr.
Fortuna Kölns große AufstiegspartyZwei Tore, ein Sieg und 2400 Liter Freibier

Grenzenlose Freude: Die Fortuna-Profis lassen sich von den Ultras für die Drittliga-Rückkehr feiern.
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Mit einem Megafon in der Hand und Bier-geduscht steht Matthias Mink vor der brodelnden Fankurve und gibt ein Einpeitscher. „Gebt mir ein F! Gebt mir ein O! Gebt mir ein R! Gebt mir ein T! Gebt mir ein U! Gebt mir ein N! Gebt mir ein A! Gebt mir ein Ausrufezeichen“, brüllt Fortuna Kölns Trainer in Richtung der Ultras, ehe er das „Humba Täterä“ anstimmt und mit Fans und Spielern springt und jubelt.

Das Trainerteam mit der Meistertrophäe: Hamdi Dahmani (v. links), Matthias Mink, Martin Grund und Sven Bacher
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Im Anblick des Triumphs erlebt man Mink so emotional wie noch nie in den fast 35 Jahren, die man ihn in Zollstock kennt. Durch einen 2:1-Heimerfolg am vorletzten Spieltag im Südstadion über die Sportfreunde Siegen hat die Fortuna soeben die Regionalliga-Meisterschaft und die Drittliga-Rückkehr perfekt gemacht. Die sieben Jahre der Viertklassigkeit und des Träumens von der bundesweiten Bühne fanden am Samstag ein Ende – die Freude entlädt sich in Jubel, Gesängen und vereinzelten Tränen. „Die Fortuna ist mein Verein, schon als Spieler hatte ich eine hohe Identifikation“, sagt Mink, von 1992 bis 1999 Profi beim Südstadt-Klub, mit einem breiten Grisen. „Auch wenn der eine oder andere Kölner sagt, dass ich zu ruhig und vielleicht nicht emotional genug bin: Ich glaube, ich passe hier schon gut hin.“
Hanns-Jörg Westendorf wie einst Franz Beckenbauer
Ähnlich wie 1990 Franz Beckenbauer einsam seine Kreise auf dem Rasen des Römer Olympiastadions zog, um die Emotionen des Weltmeistertitels einzusaugen, ist Fortuna-Präsident Hanns-Jörg Westendorf wenige Augenblicke nach Abpfiff abseits der großen Jubeltrauben unterwegs. Der 61-Jährige, seit 2015 als Nachfolger des legendären Klaus Ulonska Vorsitzender des Vereins, kämpft im Angesicht der vorläufigen Krönung seiner Amtszeit mit den Tränen. „Für mich ist das ein Traum. Vor sieben Jahren standen wir hier vor einem Schrotthaufen. Und jetzt sind wir wieder da“, flüstert Westendorf mit tränenerstickter Stimme. „Ich muss das erstmal verkraften. Die sieben Jahre haben Kraft gekostet – aber es hat sich gelohnt.“

Fortunas Abwehrchef David Haider Kamm Al-Azzawe mit der Aufstiegsbrille
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2019 war die Fortuna nach fünfjährige Drittliga-Zugehörigkeit abgestiegen. Investor Michael Schwetje verabschiedete sich vom Klub und nahm alles mit, was zu seiner Spielbetriebs-GmbH gehörte und nicht niet- und nagelfest war. Der Südstadt-Klub war nur noch eine leere Hülle: Keine Spieler, kein Trainer, kein Inventar in den Büros. Es folgte der mühsame Neuaufbau in allen Bereichen. Viel wurde probiert, viel misslang. Doch 2025/26 standen die Sterne richtig. „Für mich ist es komplett surreal. 2019 haben wir hier vor einem Scherbenhaufen gestanden. Und jetzt haben wir es geschafft, komplett aus eigener Kraft“, jubelt Vize-Präsident Jürgen Drolshagen.
Fortuna Köln zeigt auf den letzten Metern Nerven
Die letzten Meter gestalteten sich allerdings zäher als erhofft. Bis zum 28. Spieltag hatte die Fortuna nur eine Pleite kassiert – ehe drei Auswärtsniederlagen in Serie folgten, zuletzt das 1:2 in Paderborn, dem ersten vergebenen Aufstiegs-Matchball. Am Samstag zeigen sich die Kölner abermals nervös, Siegen geht verdient durch Kevin Goden in Führung (25.). „Alle hatten Kopfkino“, sagt Vereinsikone Hamdi Dahmani, der 2014 als Spieler den Aufstieg feiern konnte und nun als Co-Trainer. „Aber wir konnten, wie so oft in dieser Saison, unsere Widerstandsfähigkeit beweisen.“ Torjäger Enzo Wirtz beruhigt in der 35. Minute mit seinem 1:1 die Nerven der über 7000 Fortuna-Fans im Südstadion ein wenig. Zwischenzeitlich ist im Parallelspiel jedoch Oberhausen mit 1:0 bei Mönchengladbach II in Führung gegangen. In dieser Konstellation hätte es einen Showdown am letzten Spieltag gegen Lotte gegeben. Ein Nervenkrimi, den die Fortuna um jeden Preis verhindern will. „Als ich in die Gesichter der Jungs geblickt habe, war mir klar, dass wir es noch schaffen“, berichtet Wirtz. Und dank einer feinen Einzelleistung seines Sturmpartners Hamadi Al Ghaddioui (62.) bleibt das große Zittern aus.

Präsident Hanns-Jörg Westendorf (mit Sonnenbrille) als Feierbiest, flankiert von Georg Strauch (l.) und Enzo Wirtz
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Mit Schlusspfiff gehen die Spieler zu Boden, Trainer und Betreuer stürmen aufs Feld. Präsident Westendorf umarmt seinen Sohn Timo, den Chef der Nachwuchsabteilung. Ein Platzsturm bleibt, wie von den Verantwortlichen erhofft, aus. „Perfekter kann der Tag nicht laufen“, sagt Geschäftsführer Niklas Müller, der nach eigenen Angaben „eine Woche nicht geschlafen hat“. Der 30-Jährige weiter: „Heute werde ich auch nicht früh schlafen, aber dafür gut. Dann hat das Träumen ein Ende und wir realisieren es.“
Bierduschen für Matthias Mink
Bevor die Aufstiegsfeier im Vereinsheim richtig Fahrt aufnimmt, ringt Trainer Mink auf der Pressekonferenz noch einmal um Worte. Als er das Wort ergreifen will, stürmen seine Spieler den kleinen Raum und entleeren weitere Bierflaschen über seinem Kopf. „Nie mehr Vierte Liga!“, skandiert das Team, verabschiedet sich dann mit einem trockenen „Weitermachen“ in Richtung Party. Mink prustet sich das Bier aus dem Gesicht und lässt die Saison Revue passieren. „Vor einem knappen Jahr hat unser Präsident hier am Rande eines starken Testspiels gegen den 1. FC Köln, vielleicht ein bisschen aus der Euphorie heraus, den Aufstieg als Ziel ausgegeben. Das fand ich damals zwar nicht vermessen, aber zumindest sehr offensiv gedacht“, berichtet Mink, deutlich gefasster als zuvor bei den Fans am Zaun. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass wir Schwarzwälder etwas bodenständiger sind und lieber kleine Schritte machen. Das war zu der Zeit aus meiner Sicht ein zu großer. Warum jetzt in dieser Situation zu sehr Druck aufbauen?“

Maskottchen Fred und die Aufstiegsmannschaft der Fortuna
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Doch Verein und Mannschaft entwickelten sich gut, blühten über weite Phasen der Saison unter der Erwartungshaltung auf. „Der Aufstieg ist verdient. Viele haben gesagt, und ich habe es auch zuletzt nochmal gelesen, dass es in dieser Saison nicht diese Übermannschaft in der Liga gab. Aber wer am vorletzten Spieltag aufsteigt, der ist dann vielleicht selbst diese Mannschaft gewesen, an der nur schwer vorbeizukommen ist“, sagt Mink. „Es ist auch für mich eine traumhafte Geschichte. Ich wollte schon immer mal Dritte Liga trainieren. In dem hohen Fußballalter hätte ich nicht gedacht, dass ich das nochmal hinbekomme. Es dann mit meinem Wunschverein zu schaffen, ist umso schöner.“
2400 Liter Freibier am Vereinsheim
Bis tief in die Nacht feiern Fans und Mannschaft, zunächst mit 2400 Litern Freibier am Vereinsheim, später noch in vielen Südstadt-Kneipen. Die künftigen Drittliga-Profis zieht es ins Heising & Adelmann, dem Szenelokal im Friesenviertel. „Das Vereinsheim sieht verheerend aus“, berichtet Präsident Westendorf am Sonntagmorgen, nach einer historischen Nacht im Kölner Süden, mit einem Grisen.
