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FC-Talk im AudizentrumFriedhelm Funkels unausgesprochener Wunsch

Der Ex-FC-Coach und Reiner Calmund sprechen vor 200 Gästen über die Profibranche, FC-Trainer René Wagner und das Kölner Duell am Sonntag mit Leverkusen

200 Gäste verfolgten den FC-Talk „E Levve lang“ mit Reiner Calmund und Friedhelm Funkel im Audi Zentrum Köln-Mitte.

200 Gäste verfolgten den FC-Talk „E Levve lang“ mit Reiner Calmund und Friedhelm Funkel im Audi Zentrum Köln-Mitte.

Der FC-Talk bei Fleischhauer in Ehrenfeld hat sich längst zu einem festen Treffpunkt für alle entwickelt, die über den 1. FC Köln debattieren wollen. Im Audizentrum Köln-Mitte luden Express und Kölner Stadt-Anzeiger zur jüngsten Ausgabe von „E Levve lang – der Talk zum FC“. Durch den Abend führten Christian Löer und Lars Werner vom Stadt-Anzeiger sowie Jürgen Kemper (Express). Auf dem Podium begrüßten sie zwei Männer, die zusammen weit mehr als ein Jahrhundert Branchenerfahrung verkörpern: Reiner Calmund, 77, und Friedhelm Funkel, 72. Die rheinischen Fußball-Granden sezierten die Lage eines Vereins, der sich nach acht Bundesliga-Spieltagen in leichter Melancholie eingerichtet hat. Trotz herzeigbarer Ergebnisse, darunter ein Derbysieg und der Einzug ins Pokal-Achtelfinale, herrscht am Geißbockheim gedrückte Stimmung. Im Stadion gab es bereits lautstarke Forderungen nach René Wagners Entlassung.

Der Vorwurf, die Mannschaft agiere unter Wagner zu zaghaft, stand wie ein unsichtbarer Gast im Raum – auch den rund 200 Gästen war in der Mehrzahl anzumerken, dass sie den jungen Trainer kritisch sehen. Die Debatte fiel in eine brisante Woche, denn am Sonntag steht für den FC das rheinische Duell mit dem Rivalen Bayer 04 Leverkusen in Müngersdorf an.

Friedhelm Funkel, der als Spieler und Trainer rund 1500 Profispiele erlebt hat und die Mechanismen des Geschäfts kennt wie kaum ein anderer, fungiert in Köln traditionell als Projektionsfläche für Sehnsüchte. Er führte den Klub 2003 und im Mai 2025 in die höchste Spielklasse und rettete ihn 2021 in der Relegation. Funkel kam am Dienstag direkt vom DFB-Campus in Frankfurt, wo er einen Lehrgang besucht hatte. „Auch mit Bundestrainer Jürgen Klopp habe ich mich ausgetauscht“, sagte er.

Funkel versprühte die Tatkraft eines Mannes, der den Ruhestand allenfalls als theoretisches Konzept begreift. „Ich habe nach wie vor Bock und viel Energie. Ich bin gesund, das ist die Grundvoraussetzung“, sagte er. „Und wenn jemand glaubt, dass ich helfen kann, höre ich mir das an.“ Ab Januar 2027 sei er bereit für neue Aufgaben. Mit seinem Auftritt auf dem Podium ließ der Trainer keinen Zweifel daran, nach wie vor die Kraft zu haben, eine Bundesligamannschaft zu führen.

Was ich mir wünsche, können sich viele, viele Menschen denken. Aber man darf Wünsche nicht immer aussprechen
Friedhelm Funkel zu seiner Zukunft

Als ein Zuschauer die unvermeidliche Frage stellte, ob Funkel für ein Engagement am Geißbockheim zur Verfügung stünde, grätschte Reiner Calmund gewohnt wortgewaltig dazwischen. Er versuchte, Funkel vor der Frage zu schützen: „Wenn SOS gefunkt wird, bin ich überzeugt, dass der Friedhelm einspringt. Wenn er sich aber jetzt äußern würde, wäre das nicht fair gegenüber dem aktuellen Trainer.“ Mit einem Schmunzeln vermutete Calmund ein paar „Drecksäcke“ im Publikum: Einige bohrten so sehr, dass sie besser als Zahnarzt arbeiten würden.

Funkel genoss die Schützenhilfe und wollte dann doch selbst noch antworten: „Das hat Calli super gemacht. Was ich mir wünsche, können sich viele, viele Menschen denken. Aber man darf Wünsche nicht immer aussprechen. Wenn es soweit kommen sollte, mache ich mir Gedanken, das habe ich immer gesagt.“

Friedhelm Funkel versprühte jede Menge Tatkraft – im Winter sei er bereit, sich Angebote anzuhören.

Friedhelm Funkel versprühte jede Menge Tatkraft – im Winter sei er bereit, sich Angebote anzuhören.

In der anschließenden Debatte über den modernen Fußball holte Funkel zu einer grundsätzlichen Kritik an der neuen Trainergeneration aus. „Ich habe das Gefühl, dass bei vielen jüngeren Trainern einiges verloren geht“, sagte er. „Wenn man nur auf Daten und Analysen setzt, geht viel Kreativität bei den Spielern verloren. Ich gebe drei, vier, fünf Dinge vor. Aber nicht 25.“ Weiter sagte er: „Die Spieler werden überfrachtet, dass sie gar nicht mehr genau wissen, was sie machen sollen. Sie müssen es aber selbst machen, und dann schauen sie nach draußen, da kann der Trainer auch nicht mehr helfen. Spieler müssen selbst Lösungen entwickeln, und dafür brauchen sie auch Freiheiten.“

Als Beispiel nannte Funkel seine letzte Station beim FC: „Was ich zu Luca Waldschmidt gesagt habe: Du kannst machen, was du willst, wenn du den Ball hast. Aber wenn der Gegner den Ball hat, musst du Dinge für die Mannschaft machen.“ Die Philosophie wünscht sich das Kölner Publikum derzeit auch von Said El Mala, dem jungen Nationalspieler, dessen Unbekümmertheit die Fans fasziniert. „Er dribbelt an – und wenn er dreimal hängen bleibt, trifft er eben beim vierten Mal“, sagte Funkel. „Das wollen die Fans doch sehen, nicht eine Mannschaft im taktischen Geflecht gefangen.“ Erfolg bedeute, in die Herzen der Spieler zu gelangen: „Respekt und Menschlichkeit sind mehr wert als Daten oder sonst irgendwas.“ Einen xG-Wert brauche er nicht: „Ich kann selbst sehen, wie viele Torchancen meine Spieler vergeben haben.“

Trotz der aktuellen Sorgen bemühte sich Reiner Calmund um eine rationale Einordnung der Kölner Lage. Die Leverkusener Manager-Legende rechnete vor: „Der 1. FC Köln hat nach acht Spieltagen neun Punkte. Wenn man das hochrechnet, ergibt das nach 34 Spielen eine Punktzahl von 38. Mit 38 Punkten ist in den letzten zehn, 15 Jahren noch nie einer Drittletzter geworden.“ Das reiche, obwohl Unzufriedenheit herrsche, immer zum Klassenerhalt. Drei Punkte beim jüngsten 1:1 im Stadion An der Alten Försterei wären zwar „Gold wert gewesen“, doch liege der FC im Soll.

Reiner Calmund präsentierte sich bestens aufgelegt und gut vorbereitet.

Reiner Calmund präsentierte sich bestens aufgelegt und gut vorbereitet.

Funkel sah das etwas anders: „Ich finde, Sie haben ein, zwei Punkte zu wenig. Vor allen Dingen jetzt das Spiel bei Union. Das hätte man einfach gewinnen müssen, weil die Unioner wirklich sehr, sehr schlecht waren.“ Gewonnen hätten die Kölner, so Funkel, „mit mehr Mut und mehr Zutrauen“.

Den Ausgleich bei den kriselnden Köpenickern hatte Malek El Mala erzielt, der ältere Bruder von Nationalspieler Said, der bei seinem Bundesliga-Debüt kurz nach der Einwechslung traf. Funkel lobte den Debütanten: „Er hat gezeigt, dass er auch in dieser Liga gefährlich sein kann. Er muss jetzt, wenn er weiterhin in den nächsten Wochen zu Einsätzen kommt, das bestätigen.“ Beordere der Trainer ihn wieder in die U23 zurück, müsse er in der Regionalliga weiter Gas geben und Tore schießen.

Ich hoffe, dass sie nicht zweimal hintereinander verlieren, sonst sind sie ganz schnell 16. oder 17. der Tabelle
Ex-FC-Trainer Friedhelm Funkel

Der Blick auf das kommende Duell mit Leverkusen offenbarte schließlich die unterschiedlichen Loyalitäten der beiden rheinischen Legenden. Calmunds Herz schlägt weiterhin für die Leverkusener, die er über Jahrzehnte prägte. Er tippte auf einen 3:2-Erfolg für die Werkself in Müngersdorf, wünschte dem FC dennoch den Ligaverbleib: „Ich drücke den Kölnern alle Daumen und Zehen und bin auch optimistisch, wenn ich die Konkurrenz sehe.“

Funkel, der vor dem Absturz auf Platz 16 oder 17 warnt, wählte die diplomatische Variante: „Ich hoffe, dass sie nicht zweimal hintereinander verlieren, sonst sind sie ganz schnell 16. oder 17. der Tabelle.“ Schließlich reist der FC nach dem Spiel gegen Bayer 04 zum Auswärtsduell bei Bayern München. Funkel wünscht sich zwar einen Kölner Heimsieg, tippte aus Vernunft jedoch auf ein 1:1. Der Kölner Fußballabend endete, wie er begonnen hatte: mit viel Hoffnung, reichlich Skepsis, großem Applaus für Calmund und Funkel und dem Wissen, dass erst das Derby am Sonntag eine Antwort gibt.