Beim 1:2 in der Hansestadt zeigt Wagners Mannschaft gegen extrem defensive Gastgeber erneut Schwächen in der Verteidigung – und vergibt zu viele Torchancen
FC vor der LänderspielpauseKessler versucht, die Nerven zu behalten

Hamburg jubelt, die Kölner um Jahmai Simpson-Pusey und Ellyes Skhiri trauern.
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Jahmai Simpson-Pusey glaubte genau zu wissen, an wem es gelegen hatte. Nämlich an ihm selbst. Der junge Engländer sitze „extrem niedergeschlagen in der Kabine und fühlt sich verantwortlich“, berichtete Thomas Kessler nach dem 1:2 (0:1) des 1. FC Köln beim Hamburger SV. Der Innenverteidiger hatte in der 49. Minute versucht, einen Konter der Hamburger abzufangen; er stürmte zu forsch auf Albert Grönbaek zu. Der Angreifer legte den Ball an Simpson-Pusey vorbei, erwischte den Kölner auf dem falschen Fuß und passte quer in den Strafraum zu Yussuf Poulsen, der den Ball zu seiner eigenen Verblüffung im Kölner Tor unterbrachte.
Dass die Gastgeber damit 2:0 führten, lag insgesamt sehr viel weniger an Simpson-Pusey, als er selbst glaubte. Dem englischen U21-Nationalspieler bleibt zu wünschen, dass er das einsieht – und seinen Ärger rasch überwindet.
FC-Trainer René Wagner entließ seinen Spieler indes nicht ganz aus der Verantwortung; der Fehler war zu offensichtlich gewesen. „Wenn er jetzt fröhlich in der Kabine sitzen würde, wäre etwas falsch. Er geht in der Situation einen Schritt zu viel nach vorn und lässt sich dann im Rücken schlagen, darum ist er enttäuscht. Aber das gehört dazu, er ist ein junger Spieler, der knapp neun Monate bei uns ist“, wie Wagner mitteilte.
Das offenbarte eine Qualität des Trainers: Wagner sprach die Dinge auf der Sachebene an, ohne den Spieler grundsätzlich infrage zu stellen. Im Gegenteil hob er Simpson-Puseys Talent hervor. „Er wird immer besser, er wird daraus lernen. Trotzdem entscheiden in der Bundesliga kleine Situationen, und dann knallt es. Es kommt zum unglücklichen Zeitpunkt kurz nach der Halbzeit. Darüber ist der Junge natürlich nicht froh.“
Dass ein Hamburger Konter überhaupt zustande kam und der HSV kurz vor der Halbzeit in Führung ging, bleibt das Mysterium dieses frühherbstlichen Tages im Volksparkstadion. Nach dem indiskutablen Saisonstart mit 0:12 Toren und null Punkten wählten die Gastgeber eine defensive Variante, um endlich einen Weg in die Saison zu finden. Die Hamburger zeigten großen Respekt vor den Kölnern und ihren Individualisten Mikey Moore und Said El Mala, die erstmals gemeinsam in der Startelf standen.

Trainer René Wagner musste am Wochenende in Hamburg unangenehme Wahrheiten verbreiten.
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Der HSV hatte vor ausverkaufter Kulisse nicht im Sinn, das Publikum zu begeistern. Merlin Polzins Mannschaft schien ausschließlich darauf bedacht, die Nerven zu wahren und keine weitere Packung zu kassieren. Nach dem Abpfiff glänzte alles; selten ließ sich besser beobachten, welchen Unterschied das nackte Resultat ausmacht. „Wenn du ein Spiel gewinnst, lässt sich immer alles leicht schönreden und erklären. Die Wahrheit liegt dann immer irgendwo dazwischen“, hob Polzin nach dem Schlusspfiff an. Der 35-Jährige, dessen Vertrag der Verein inmitten der Ergebniskrise in der vergangenen Woche verlängert hatte, offenbarte ein feines Gespür für die Abgründe seines Berufs. Polzin hatte jede Menge Angst zu moderieren gehabt. „Die Mannschaft hatte nach den vielen Gegentoren den Plan, Sicherheit reinzubekommen. Wir haben es geschafft, unser Tor mit allem zu verteidigen, was wir haben“, erklärte er.
In der Folge verteidigte der HSV vom Anstoß an ausschließlich den eigenen Strafraum. Die Spieldaten nach einer halben Stunde ergaben ein drastisches Bild. Köln kam auf durchschnittlich mehr als 70 Prozent Ballbesitz; die Gastgeber befreiten sich nie. Es folgten Gelegenheiten der Gäste: El Mala und Moore schossen gefährlich von der Seite. In der 38. Minute vergab Thijs Dallinga nach Mensahs Flanke eine freie Kopfballchance aus fünf Metern – ein sicheres Tor. Wäre Köln mit einer Führung in die Pause gegangen – Polzin hätte sich fragen lassen müssen, wie um Himmels willen er geglaubt hatte, auf diese Weise bestehen zu können.
Immer wieder Standards
Doch es kam anders. Mit einer dramatisch schlecht verteidigten Standardsituation reichten die Kölner dem Gegner die Hand, hoben ihn aus der Krise und hauchten ihm Mut ein. Nicht nur das Stadion erwachte. Die Hamburger hatten plötzlich nichts mehr gemein mit den Nervenbündeln der vergangenen Wochen. „Dann bist du im Spiel, dann glaubst du wieder an dich. Dann ist dieses Stadion für die Mannschaft da. Es findet eine Magie statt, die nicht auf dem Rasen beginnt oder auf der Tribüne, sondern irgendwo dazwischen“, wie Polzin beinahe andachtsvoll darstellte.
Die Kölner haben in dieser Saison mehrfach gezeigt, wie zuverlässig sie Rückschläge bewältigen können; am Samstag bewiesen sie diese Qualität erneut. Kurz nach Wiederanpfiff setzte sich El Mala mit einem Dribbling auf der linken Seite durch, spielte in den Rückraum und fand Moore, der den Ball über das Tor jagte.
Aufgrund der Leistung wäre viel mehr dringewesen, aber wir fahren mit null Punkten nach Hause. Damit werden wir uns akribisch auseinandersetzen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen
Der Moment hätte dem Spiel eine neue Richtung geben können. Stattdessen traf Poulsen drei Minuten später zum 2:0. Angesichts der Vorgeschichte des Treffers dürfte jedem außer Jahmai Simpson-Pusey klar sein: An diesem Zwischenstand trugen viele FC-Profis die Schuld. Keiner trug sie allein.
Die Kölner agierten nun schwer getroffen; es folgten die schwächsten zwanzig Minuten der bisherigen Saison. Erst um die 70. Minute fand Wagners Elf wieder Momente in der Offensive; doch die Drangphase erstickte Polzin mit zwei präzisen Wechseln. Dem FC gelang lediglich noch der Anschlusstreffer durch Ragnar Ache, der Skhiris Flanke per Kopf sicher versenkte. Die Niederlage schmerze, wie Skhiri nach der Partie mitteilte. Es sei „nur ein Spiel“ gewesen; die Mannschaft müsse das Verhalten bei den Standards „analysieren und korrigieren“. Der Tunesier wirkte nicht ratlos; eher schien er sich darauf zu freuen, tiefer in die Saison zu gehen und mit seinen jungen Kollegen an Verbesserungen zu arbeiten.
Kessler sagte hinterher, er sei „entspannt“, wenngleich ihn die Niederlage ärgerte. „Aufgrund der Leistung wäre viel mehr dringewesen, aber wir fahren mit null Punkten nach Hause. Damit werden wir uns akribisch auseinandersetzen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.“ Der Kölner Geschäftsführer hatte die Stimmung im Stadion wahrgenommen. Pfiffe hatten die Kölner verabschiedet; die Kommentarlage unter den FC-Fans ist verheerend – und richtet sich vor allem gegen Trainer Wagner. Ganz anders in Hamburg, wo Polzin auch nach dem Sieg einen Zähler weniger gesammelt hat als sein Kollege. „Man hat es hier geschafft, nach drei sehr schlechten Spielen eine Stimmung zu erzeugen, in der die Leute sehr wohlwollend damit umgegangen sind, dass sich der HSV im eigenen Stadion im 5-4-1 gegen den 1. FC Köln hinten reingestellt hat. Das ist auch ein Teil der Wahrheit“, sagte Kessler ein wenig genervt, aber noch immer tapfer.
Er ist fest entschlossen, vorerst die Nerven zu behalten. „Wir sind überzeugt davon, dass diese Mannschaft die Klasse halten wird und in der Lage ist, eine stabile Saison zu spielen. Wir hätten es auf jeden Fall verdient gehabt, mit mehr als vier Punkten in die Länderspielpause zu gehen.“


