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Scouting beim 1. FC KölnDie Vermessung der Fußballwelt

6 min
Tim Steidten ist seit diesem Frühjahr Direktor Kaderplanung und Recruiting beim 1. FC Köln.

Tim Steidten ist seit diesem Frühjahr Direktor Kaderplanung und Recruiting beim 1. FC Köln. 

Wie der 1. FC Köln die klassische Spielersuche abschafft und mithilfe weltumspannender Datenbanken und dem neuen Kaderplaner Tim Steidten nach Spielern fahndet

Beim 1. FC Köln suchen sie mittlerweile Spieler ohne Namen, nicht einmal nach konkreten Positionen halten sie mehr Ausschau. Es geht nur noch um Rollen und Räume, die zu besetzen sind. Die Scouts schauen sich keine Spiele an, um zufällig auf einen Profi zu stoßen, für den sie möglicherweise Verwendung haben könnten. „Wir haben klare Profile, die wir in unsere Datenbanken geben“, wie Tim Steidten erklärt, seit dem Frühjahr Direktor Kaderplanung & Recruiting beim Bundesligisten. Die Datendienstleister liefern den Vereinen eine gigantische Datenfülle. Weltweit analysieren Bots Fußballspiele, von der Premier League bis in die australische A-League.

Derzeit läuft die Transferphase im europäischen Fußball, seit dem Ende der Weltmeisterschaft nimmt der Markt Fahrt auf. Die eigentliche Arbeit ist jedoch längst erledigt. Im Frühjahr beginnen die Scouting-Abteilungen damit, die Datenbanken zu durchsuchen. Es war zu dieser Zeit, als die Systeme am Geißbockheim anschlugen. Sie hatten vielleicht nicht den Messias, mindestens aber einen möglichen Bundesligaspieler auf der anderen Seite des Planeten entdeckt: Paul Okon-Engstler.

Zunächst spielten aber weder Name noch Herkunft eine Rolle, im Fall des 21-Jährigen wäre das auch ein interessanter Datensatz gewesen: Okon-Engstler kam in Belgien zur Welt, zog als Kleinkind nach Australien und als Jugendlicher von dort zurück nach Belgien, um sich später Benfica Lissabon anzuschließen. Als es im ersten Versuch nichts wurde mit der Karriere in Europa, ging er zurück nach Australien. Bis ihn ein Kölner Scoutingsystem aus der Datenwolke holte. „Das war der Weg, den ich für mich gewählt habe. Ich bin froh, dass es sich ausgezahlt hat und ich jetzt in Köln bin“, sagte Okon-Engstler im Trainingslager in Kitzbühel.

Die Kölner schickten Scouts zur WM nach Nordamerika, wo sie Okon-Engstler mit dem australischen Team beobachteten. Der Spieler wusste nichts davon, erst nach der WM eröffneten ihm sein Vater und sein Agent, dass es ein Angebot aus Köln gab. Er sei sehr froh über das Interesse eines Klubs wie Köln gewesen. Nun wolle er sich in der Bundesliga beweisen und sei dankbar für die Chance.

Sportchef Thomas Kessler, Kaderplaner Tim Steidten Director und Cheftrainer René Wagner stehen auch im Trainingslager in Kitzbühel ständig im Austausch.

Sportchef Thomas Kessler, Kaderplaner Tim Steidten Director und Cheftrainer René Wagner stehen auch im Trainingslager in Kitzbühel ständig im Austausch.

Das Datenscouting hatte anhand des Profils einen Spieler in Australien gefunden. Weil das Niveau dort nicht mit der Bundesliga vergleichbar ist, habe man sich Live-Eindrücke verschafft und später Gespräche geführt. Okon-Engstlers Laufvolumen etwa gilt als außergewöhnlich, auch spielerisch fiel er auf.

Für Steidten sind Transfers auch etwas Persönliches, allein wegen der Verantwortung, die er für die Profis und deren Karrieren übernimmt. Dennoch fiebert er nicht mehr mit. Die Überzeugung ist da, bevor ein Spieler auch nur einen Ball berührt hat. „Was die physischen Daten angeht, sind Spieler nahezu gläsern geworden“, sagt er, „gleichzeitig rekrutieren wir Menschen. Mentalität und Charakter sind natürlich extrem wichtig. Auch wenn ein Spieler datenbasiert top ist, kann es sein, dass man in den Gesprächen feststellt, dass es einfach nicht passt.“ Der Charakter der Kandidaten wird deshalb durchleuchtet, dann aktivieren die Scouts ihr Netzwerk: „Wir ziehen alles in Betracht, was möglich ist, das können Mitspieler sein, Trainer oder Staffmitglieder“, sagt Steidten.

In England ist es sogar möglich, sich Polizeiberichte schicken zu lassen, in Deutschland ist das nicht üblich. Es gibt auch Fragenkataloge, die in den Vorgesprächen abgearbeitet werden. Dass der FC nun einen Spieler in Australien fand, bestätigt, was Steidten sagt: Einen Zielmarkt gibt es nicht für die Kölner. Das könnte man sich gar nicht mehr erlauben als 1. FC Köln. „Wir müssen weltweit denken“, sagt Steidten.

Was die physischen Daten angeht, sind Spieler nahezu gläsern geworden. Ggleichzeitig rekrutieren wir Menschen. Mentalität und Charakter sind natürlich extrem wichtig. Auch wenn ein Spieler datenbasiert top ist, kann es sein, dass man in den Gesprächen feststellt, dass es einfach nicht passt
FC-Kaderplaner Tim Steidten

Steidten, gebürtiger Bremer, war mehr als zehn Jahre im Scouting des SV Werder beschäftigt. 2019 wechselte er zu Bayer 04 Leverkusen, zunächst als Leiter der Scouting-Abteilung, ab 2022 als Sportkoordinator. Bis Februar 2025 war er dann eineinhalb Jahre bei West Ham United als Technischer Direktor angestellt, die Position hatte der Klub für Steidten geschaffen – zuvor hatte man eher aus dem Bauch heraus Spieler verpflichtet. Auch der Klub-Eigner, der Milliardär David Sullivan, mischte sich regelmäßig ein und hielt auch weiterhin wenig vom technisch-deutschen Ansatz Steidtens. Wechselnde Trainer trugen dazu bei, dass der Deutsche in der Premier League nicht glücklich wurde. Weil ihm außerdem die Familie fehlte, ging er zurück in die Heimat.

Seine Hauptaufgabe sei es, mit seiner Abteilung Vorschläge zu entwickeln und Thomas Kessler sowie René Wagner Profile zu präsentieren, die sich aus der vorab definierten Spielweise ergeben. Auch deshalb verbrachte Wagner die erste Woche der Sommerpause mit den Scouts, bevor auch er in den Urlaub ging.

Als 1. FC Köln müsse man sich eine Identität zulegen. Um sich etwa als Standort zu etablieren, an dem sich junge Spieler entwickeln können. Das hat mit Jahmai Simpson-Pusey funktioniert, den der FC im Winter von Manchester City holte und der nun vor seinem Durchbruch in der Bundesliga steht.

Steidten war beteiligt, als Bayer 04 Leverkusen den Kölnern Florian Wirtz abjagte. Nachdem Wirtz debütiert hatte, seien Top-Talente aus ganz Europa gekommen, weil sie sich der Werkself anschließen wollten. Dasselbe sei nun beim FC passiert: Nach Simpson-Pusey holte Köln Reigan Heskey, den 18-jährigen Flügelstürmer, der als eines der größten Offensivtalente Englands gilt. Plötzlich ist Köln auf der Landkarte der Engländer, die grundsätzlich eher nicht wussten, dass es den 1. FC Köln überhaupt gibt. Nach Heskeys Verpflichtung darf Köln womöglich darauf hoffen, auf dem englischen Markt als Klub erkannt zu werden, dem man seine Talente anvertrauen kann.

So einfach ist es mit den jungen Spielern allerdings auch wieder nicht. Der 1. FC Köln kann es sich nicht leisten, Profis zu verpflichten und dem Nachwuchs zwei, drei Jahre Zeit zu geben. Die großen Klubs der Premier League etwa sammeln auf der ganzen Welt Talente ein, verleihen sie weiter, lassen sie im Nachwuchs spielen. Sie können es sich angesichts ihrer finanziellen Möglichkeiten leisten, abzuwarten. Die Kölner dagegen brauchen Personal, das rasch funktioniert. „Wir erwarten von allen Spielern das Maximum und haben den Glauben daran, dass sie dieses Maximum auch abrufen können. Sonst würden wir sie nicht verpflichten“, erklärt Steidten.

Keine Sorge wegen El Mala

Die Kölner Kaderplanung ist in diesem Sommer eine ungewöhnliche, da Said El Mala, der größte Star des Kaders, den Verein kurzfristig verlassen könnte. Doch sieht man im Verein offenbar vor allem das Luxusproblem: Entweder, der Klub geht mit einem außergewöhnlichen Offensivspieler in die Saison. Oder mit voller Kasse. Der Haken an der Geschichte ist allerdings, dass der Geldsegen sehr spät in der Transferphase über Köln niedergehen könnte. Doch Steidten sorgt sich nicht. „Das mag vielleicht komisch klingen, aber das ist bei uns gar nicht so ein großes Thema. Wir sind da absolut entspannt. Said ist Spieler des 1. FC Köln und er fühlt sich sehr wohl – und wir fühlen uns genauso wohl mit Said, insofern gibt es aktuell auch überhaupt keinen Grund, über etwas anderes zu sprechen.“

Womöglich schlummern in den Datenbanken noch ganz ähnliche Spieler wie Said El Mala. Nur bislang ohne Namen – und womöglich am anderen Ende der Welt.