Der Kantersieg gegen den krassen Außenseiter Curaçao ist vor allem eines: ein Erfolg für die Stimmung und Zuversicht.
Die Wirkung des 7:1Ein Sieg der Nationalmannschaft, der Lust auf mehr macht


DFB-Kapitän Joshua Kimmich (M.) mit seinen Teamkollegen Florian Wirtz (r.) und David Raum nach dem 7:1-Sieg in Houston gegen Curaçao
Copyright: IMAGO/Kirchner-Media
Man hatte die Worte noch im Ohr. Joshua Kimmich sprach sie 2022, nach dem blamablen frühen WM-Aus in Katar – als Führungsspieler, der die Verantwortung nicht von sich wies. „Es ist nicht so einfach zu verkraften, wenn man persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht wird.“ Kimmich wirkte damals fast wie das personifizierte DFB-Elend. Nun, nach dem 7:1 zum WM-Auftakt gegen Curaçao, sah man einen anderen, gelösten Bayern-Ehrgeizling, der mittlerweile der deutsche Kapitän ist.
Denn der Kantersieg ist vor allem eines: ein Erfolg für die Stimmung. Für die Zuversicht – innerhalb der Mannschaft, aber auch in einem Land, in dem die WM-Euphorie bislang kaum zu spüren war. Sieben Tore gegen den Außenseiter haben zumindest für einen Abend vieles überlagert. Die gute Stimmung in der Mannschaft scheint echt – und der Sieg nährt die Überzeugung, dass man etwas erreichen kann.
Aber was war das Schützenfest gegen die Nummer 82 der Weltrangliste sportlich wert?
Ein Vorrunden-Desaster wie in Russland oder Katar ist durch den hohen Auftaktsieg bereits weitgehend ausgeschlossen – zumal bei der WM 2026 die meisten Gruppendritten weiterkommen. Aber es ist auch die Untergrenze dessen, was vom vierfachen Weltmeister erwartet werden durfte. Es soll und muss noch mehr kommen. Der zehnte Länderspiel-Sieg in Folge hatte viele Gewinner: Felix Nmecha war stark, der zuletzt unglücklich agierende Jamal Musiala erzielte sein Tor, Nathaniel Brown sorgte links für Tempo, Kai Havertz traf doppelt und Deniz Undav glänzte als Joker. Julian Nagelsmanns Maßnahmen griffen überwiegend, für den zuletzt oft kritisierten Bundestrainer war der Erfolg Balsam.
Schon die kommenden Gegner haben ein ganz anderes Format als Curaçao
Doch es wurden auch Dinge deutlich, an denen gearbeitet werden muss. Das zwischenzeitliche 1:1 des kleinsten WM-Teilnehmers der Geschichte brachte Deutschland in einem klimatisierten Stadion kurz ins Wanken und zeigte: Ganz ohne Ordnung geht es nicht. Die Botschaft dahinter ist ernst zu nehmen: Bei aller Offensivpower muss für den großen Wurf die Balance stimmen. Vorne Torrausch, hinten kurzzeitig wacklig – das kann gegen stärkere Gegner nicht die Blaupause sein.
Leroy Sané, der am Sonntagabend vor allem durch Fehlschüsse auffiel, steht sinnbildlich für die offenen Fragen. Dass Nagelsmann den umstrittenen Offensivspieler danach ausdrücklich lobte, hatte wohl vor allem psychologische Gründe. Wie gerne hätte man Lennart Karl gesehen – das große, leider verletzte Talent wurde vermisst. Aber Nachtrauern bringt nichts.
Schon die kommenden Gegner Elfenbeinküste und Ecuador haben ein anderes Format als der Außenseiter aus einem Land, das so viele Einwohner hat wie die Kölner Stadtbezirke Lindenthal oder Mülheim. Doch das 7:1 kann emotional etwas auslösen. Es macht Lust auf mehr. Und es kann Rückenwind geben, wo bislang noch Flaute herrschte.
Vielleicht sieht man bald einen anderen, glücklicheren Kimmich in der Nationalmannschaft – einen, der seinen Erfolg auch dort haben darf.

