Köln – Ein Teil der Faszination Fußball besteht aus der Unvorhersehbarkeit der Spiele. Überraschungen lauern nicht an jeder Ecke, sind aber jederzeit möglich. Eine frühe Rote Karte oder ein glückliches Tor, schon ist der vermeintliche Favorit in Bedrängnis. Auf dem Papier chancenlose Mannschaften wachsen über sich hinaus, überlegene Teams unterschätzen den Gegner. Das ist der Stoff für denkwürdige Partien. Dabei geht es nicht nur um Titel und Pokale. Einige Relegationsspiele, die über Aufstieg oder Klassenerhalt entscheiden, stehen in ihrer Dramatik großen Endspielen in nichts nach.
Bereits vor Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga gibt es Aufstiegsrunden. Relegationsspiele, wie sie der 1. FC Köln nun erstmals in der Vereinsgeschichte zu bestreiten hat, gibt es seit der Saison 1981/82. Es trifft der Drittletzte der Bundesliga auf den Drittplatzierten der 2. Liga. Wie zur Premiere 1982, als sich Bayer 04 Leverkusen mit 1:0 und 2:1 gegen Kickers Offenbach durchsetzt. Zwischen 1982 und 1991 besteht sogar die Möglichkeit eines Entscheidungsspiels, sofern nach Hin- und Rückspiel kein Sieger feststeht. In drei von zehn Paarungen kommt es zu einem solchen Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.
Sekunden fehlen
Eines der größten Dramen spielt sich bei Fortuna Köln 1985/86 ab. Im Südstadion schlägt die Fortuna Borussia Dortmund mit 2:0. Beim Rückspiel im Westfalenstadion geht die Mannschaft von Trainer Hannes Linßen erneut mit 1:0 in Führung. Doch der BVB kommt zurück. Ausgerechnet Jürgen Wegmann erzielt wenige Sekunden vor Ende das 3:1 für die Dortmunder. Die „Kobra“, so rufen die Fans den Stürmer, wird vom Publikum während des Spiels gnadenlos ausgepfiffen, will er doch zum Erzrivalen Schalke 04 wechseln. Fortunas Günter Hutwelker ist nach dem Spiel untröstlich: „Der pfeift einen Elfmeter, der gar keiner war und dann lässt er drei Minuten nachspielen, wo es keinen Grund gibt“, echauffiert sich der Fortuna-Profi nach Abpfiff.
Da es keine Auswärtstor-Regelung gibt, muss also ein Entscheidungsspiel her. Aufgrund einer Magen-Darm-Erkrankung von gleich 13 Profis der Fortuna muss das Spiel um eine Woche verlegt werden. In Dortmund wittert man dahinter eine Verzögerungstaktik. Am Spieltag aber fehlen noch immer sieben Spieler gesperrt oder verletzt respektive erkrankt. Jarecki, Schlösser, Gede und Helmes sitzen angeschlagen auf der Bank. Somit tritt Fortuna dieses so wichtige Spiel im Düsseldorfer Rheinstadion mit nur elf gesunden Spielern an. Eine halbe Stunde wehrt sich der Verein aus der Südstadt tapfer, ehe Dirk Hupes Führungstor den Widerstand bricht. Kurz nach der Pause erhöht Zorc auf 2:0. Am Ende wird es ein Desaster, die Fortuna geht mit 0:8 unter. Der Traum vom zweiten Aufstieg wird brutal beendet.
Showdown in Gelsenkirchen
In der vorerst letzten Relegationsrunde 1990/91 treffen die Stuttgarter Kickers auf den 16. der Bundesliga, den FC St. Pauli. Trotz eines überlegen geführten Spiels kommen die Hamburger im Hinspiel am heimischen Millerntor über ein 1:1 nicht hinaus. Im Rückspiel gehen die Kickers, die vom Waldau-Stadion ins größere Neckarstadion umgezogen sind, vor 32.000 Zuschauern in Führung. Zudem ist St. Pauli nach einer Roten Karte gegen Dirk Zander ab der 38. Minute in Unterzahl. Dennoch gelingt Andé Golke der Ausgleich. Dabei bleibt es.
Es kommt zum finalen Showdown im Gelsenkirchener Parkstadion. Von den 18.000 Zuschauern halten es gut 10.000 mit den Braun-Weißen aus Hamburg. Darunter etliche Fans des 1. FC Köln, die die zu dieser Zeit noch gelebte Fanfreundschaft mit den Anhängern des Kultklubs pflegen. Doch trotz der großen Unterstützung für St. Pauli sind die Stuttgarter Kickers an diesem Tag die bessere Mannschaft. Zwar kann Peter Knäbel kurz nach dem 2:0 der Schwaben den Anschlusstreffer erzielen, doch nach Dirk Fenglers 3:1 in der 42. Minuten hat St. Pauli nichts mehr entgegenzusetzen und muss den Gang in die 2. Liga antreten.
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Nach fast zwei Dekaden Unterbrechung werden in der Saison 2008/09 die Relegationsspiele wieder fester Bestandteil des Spielplans. Eine Entscheidung soll nun aber nach Hin- und Rückspiel feststehen, notfalls nach Verlängerung und Elfmeterschießen. Überraschend deutlich fegt der Zweitligist 1. FC Nürnberg im ersten Duell nach Wiedereinführung den FC Energie Cottbus mit 3:0 und 2:0 vom Platz und somit aus der Bundesliga. In der darauffolgenden Saison sind die Nürnberger als Erstligist erneut in der Relegation. Gegner ist der FC Augsburg. Wieder gelingt dem Club ohne Gegentor die Qualifikation für die Bundesliga.
Relegation als Chance
In der Winterpause der Saison 2010/11 sieht Borussia Mönchengladbach wie ein sicherer Absteiger aus. Erst am letzten Spieltag springen die Fohlen auf den Relegationsplatz, nachdem sie den Großteil der Spielzeit auf einem direkten Abstiegsplatz verbracht haben. Relegations-Gegner ist der VfL Bochum mit Trainer Friedhelm Funkel. In buchstäblich letzter Sekunde gewinnt die Borussia ihr Heimspiel durch einen Treffer von Igor de Camargo in der Nachspielzeit mit 1:0.
Im Ruhrstadion egalisiert ein Eigentor das Hinspiel-Ergebnis bereits nach 24 Minuten. Bochum ist am Drücker. Nach der Pause bleibt es spannend. Ein Tor von Reus wird wegen Abseits nicht gegeben. In der 72. Minute ist es dann doch soweit. Wieder versenkt Reus den Ball im Netz, diesmal zählt der Treffer. Nun braucht der VfL Bochum zwei Tore, um den Aufstieg zu schaffen. In der Folge gelingt der Mannschaft aus dem Ruhrgebiet kein weiteres Tor. Borussia Mönchengladbach bleibt in der Bundesliga und hat seit diesem knapp vermiedenen Abstieg viel richtig gemacht. So bitter es für den 1. FC Köln und seine Anhänger ist: Vom Erzrivalen könnte man sich ruhig ein paar Scheiben abschneiden.
Aufstieg mit Nachspiel
Am 34. Spieltag der Saison 2011/12 rettet sich Hertha BSC durch einen Heimsieg gegen Hoffenheim auf den Relegationsplatz. Möglich ist das nur, da der 1. FC Köln zeitgleich im Rhein-Energie-Stadion dem FC Bayern mit 1:4 unterliegt und seinerseits direkt absteigt. Gegner der Hertha in der Relegation ist Fortuna Düsseldorf. Vor 68.000 Zuschauern im Olympiastadion unterliegen die Berliner mit 1:2.
Das Rückspiel ist von Beginn an turbulent. Nach 25 Sekunden geht Düsseldorf in Führung. Mitte der ersten Halbzeit gleicht Hertha BSC durch Ben-Hatira aus. In der 54. Minute muss der Torschütze nach Gelb-Rot vom Platz. Nur fünf Minuten später geht Fortuna erneut in Führung. Wegen massivem Einsatz von Pyrotechnik seitens der Gästefans wird das Spiel minutenlang unterbrochen. Kurz darauf mischen die Düsseldorfer Fans bei dem Spektakel mit. Vereinzelt fliegen bengalische Fackeln auf das Spielfeld.

Zu früh gefreut: Fans von Fortuna Düsseldorf stürmen vor Abpfiff den Platz.
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Nachdem sich die Situation beruhigt hat, wird das Spiel fortgesetzt. Düsseldorf verteidigt den Vorsprung. Fünf Minuten vor dem Ende gelingt den Berlinern der Ausgleich. Erneut muss das Spiel unterbrochen werden, da wieder Bengalos auf den Platz fliegen. Polizei zieht vor dem Gästeblock auf.
In der Folge wird es unübersichtlich. Trotz Ordnungskräften sind vor Spielende etliche Fans der Fortuna im Innenraum. In der irrigen Annahme, die Partie sei beendet, stürmen sie schließlich den Platz. Erneut wird Pyrotechnik gezündet und die Fans beginnen sich Souvenirs aus dem Rasen zu schneiden. Es gelingt das Spielfeld zu räumen. Nach einiger Zeit erklärt sich Hertha bereit, die Begegnung zu Ende zu spielen.
Vor dem DFB-Bundesgericht wird der Einspruch der Berliner gegen die Wertung des Spiels schließlich endgültig abgelehnt. Fortuna Düsseldorf kann erst zehn Tage nach dem Spiel den Aufstieg in die Bundesliga feiern, den die Fans selbst noch einmal ernsthaft in Gefahr gebracht haben.
Der Dino wankt
Als letzter Verein wehrt sich der Hamburger Sport-Verein gegen seinen ersten Abstieg aus der Bundesliga. Bevor es den letzten Bundesliga-Dino in der Saison 2017/18 letzten Endes erwischt, kann er sich in der Relegation noch zweimal behaupten. Am Ende der Saison 2013/14 ist der HSV dem Abgrund so nahe wie nie zuvor. Im Hinspiel kommen die Rothosen über ein 0:0 im heimischen Stadion nicht hinaus. Die Spielvereinigung Greuther Fürth macht dem Bundesliga-Urgestein das Leben schwer. Im Rückspiel allerdings kann Pierre-Michel Lasogga bereits nach 14. Minuten das so wichtige Auswärtstor erzielen. Zwar gelingt den Franken kurz nach der Halbzeit der Ausgleich, mehr jedoch nicht. Erleichterung in Hamburg.
Nur ein Jahr später ist die Erleichterung noch viel größer. Erneut gelingt dem HSV im Heimspiel kein Sieg. Im Gegenteil. Nur mit Mühe und etwas Glück erreichen die Hanseaten gegen den Karlsruher SC ein 1:1. Beim Rückspiel im Karlsruher Wildpark steht der Aufstiegssekt kurz vor dem Abpfiff schon bereit. Seit der 78. Minute führt der KSC durch den ehemaligen Kölner Reinhold Yabo mit 1:0. Es läuft bereits die Nachspielzeit. Nur noch Sekunden trennen Karlsruhe von der Bundesliga.
Dann geschieht das Unfassbare aus Sicht des Zweitligisten. KSC-Spieler Jonas Meffert bekommt einen Schuss aus kurzer Distanz an den Unterarm. Schiedsrichter Manuel Gräfe entscheidet zum Entsetzen der Badener auf Freistoß an der Strafraumkante. Statt des zu erwartenden Rafael van der Vaart schießt überraschend Marcelo Diaz – und trifft. Es gibt Verlängerung, doch die Moral der Karlsruher ist gebrochen und die Mannschaft scheint keine Kraft mehr zu haben. In der 115. Minute erlöst Nicolai Müller die Fans des HSV mit seinem Tor zum 2:1 und vollendet das Drama für Karlsruhe. Freud und Leid trennen manchmal nur Augenblicke. Fußball ist Faszination, die Relegation ein Drama – zumindest für eine Mannschaft.



