Geflüchtete in Köln„Ich hatte auch in Köln noch Angst vor Bomben“

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Olga Kolozieva steht in einer Fußgängerzone.

Olga Kolozieva (34).

Köln – 11260 Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, hat die Kölner Ausländerbehörde bislang erfasst. 74 Prozent der Geflüchteten sind Frauen. Angekommen sind viele von ihnen noch nicht richtig. Sie haben Heimweh, sie sind traumatisiert - und fühlen sich zerrissen. Wir haben mit Dreien von ihnen gesprochen. 

Olga Kolozieva (34), aus Irpin

Ich komme eigentlich aus Luhansk. Im Jahr 2015, als die Russen die Region dort bombardierten, sind wir nach Kiew geflüchtet. Eine Woche, bevor am 24. Februar der Krieg begann, hatten mein Mann und ich eine Wohnung in Irpin gekauft, einem schönen Vorort von Kiew, in dem viele junge Familien leben.

Gerade Wohnung in Irpin gekauft

In unserer neuen Wohnung haben wir nur wenige Tage gelebt. Eingezogen sind wir einen Tag, bevor die ersten Bomben fielen. Zwei Tage nach unserem Einzug gab es kein Wasser mehr, drei Tage später keinen Strom.

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Am 28. Februar sind wir mit unserem sechsjährigen Sohn in den Westen der Ukraine geflüchtet. Irgendwann hatten wir kein Geld mehr, wir waren verzweifelt und sind zurück nach Irpin gefahren, am 1. Juni war das.

„Wir kannten die Massengräber nicht“

Wir wussten, dass Irpin stark zerstört wurde, hatten aber keine Ahnung, wie stark, wie viele Menschen die Russen dort getötet hatten. Wir kannten die Massengräber nicht. Die Umgebung rund um unser Haus ist komplett zerstört.

Überall lagen Minen und nicht detonierte Bomben, wir hatten sogar Angst, in den Supermarkt zu gehen. Mein Sohn hat sich nicht mehr getraut, meine Hand loszulassen, er war traumatisiert.

Wir haben gesehen, wie Menschen in ihren zerstörten Häusern weiterlebten – ich habe großen Respekt für sie. Viele Einwohner von Irpin leben im Moment in einem stillgelegten Zug. Viele sind tot, auch ein neuer Nachbar, den man nach einem Bombeneinschlag leblos im Keller gefunden hat.

Hilfe von Kölner Frauenverein

Ich bin mit meinem Sohn am 10. Juni nach Köln gekommen. Wir sind hier wunderbar aufgenommen worden, auch der Frauenerein „sei stark“ hilft uns sehr, wir machen Ausflüge mit dem Verein, es gibt ein Café zum Austausch, ich mache auch schon einen Sprachkurs. Mein Mann ist in Irpin geblieben, er hilft dem Militär, zum Beispiel bei der Beschaffung von Waffen. Sollte Irpin erneut überfallen werden, wird er helfen, die Stadt zu verteidigen. Wir sprechen jeden Tag über Whatsapp.

Wie im Albtraum

Oft habe ich das Gefühl, ich befinde mich in einem Albtraum. Kurz vor Ausbruch des Kriegs konnte ich nicht glauben, dass unser Traum einer eigenen Wohnung wahr geworden war. Jetzt kann ich nicht glauben, dass unser Traum von einem friedlichen Leben in Irpin zerstört ist. Obwohl ich auf der Flucht die ausgebrannten Panzer gesehen habe, die Bombenkrater in den Straßen, obwohl es jeden Tag neue, schreckliche Meldungen gibt.

Meine Mutter, die weiter in Luhansk lebt, glaubt weiter Putins Propaganda. Sie rief mich am 24. Februar an und sagte: „Keine Sorge, Olga, das ist nur eine Spezialoperation von Putin zu unserem Wohl.” Meine Mutter guckt nur russisches Fernsehen. Sie glaubt das noch immer, obwohl Luhansk von den Russen bombardiert wird. Die Fotos von den Massengräbern in Irpin hält sie für Fake, ukrainische Propaganda.

Angst vor Atomkrieg

Ich weiß, dass ich in Deutschland in Sicherheit bin, kann aber nicht zur Ruhe kommen. Ich habe Angst, dass Putin einen Atomkrieg anfängt, jeden Tag und jede Nacht. Anfangs hatte ich auch in Köln noch Angst, es könnte jederzeit eine Bombe einschlagen. Habe überlegt, wie ich sterben könnte, ohne zu leiden.

Hoffnung macht mir der Gedanke, dass der Krieg irgendwann vorbei sein könnte. Hoffnung macht mir das nette Pärchen in Nippes, sie Ärztin, er Professor, die uns aufgenommen haben. Und all die netten Leute, die uns helfen.

„Ich möchte mein Leben zurück“ 

Ich lebe gerade vor allem für meinen Sohn. Für ihn muss ich stark sein. Ich versuche, das neue Land als Chance zu nehmen – die Sprache, die Kultur. Aber das ist schwer. Ich vermisse meine Heimat und möchte mein Leben zurück.

Anastasia Liubimova (42) aus Kiew

Ich trage Tag und Nacht die Bilder des Krieges in mir. Wir haben uns gerade bei einer Stadtrundfahrt Köln angeguckt. Angekommen bin ich in Köln noch nicht.

Bei der Flucht haben meine zwei Kinder und ich fast nichts mitgenommen, wir dachten, wir kommen spätestens nach einem Monat zurück. Vielleicht hätten wir wissen können, dass das Wunschdenken war. Schließlich haben wir am eigenen Leibe erfahren, wie brutal dieser Krieg ist.

Nach Borodjanka geflohen - in die Hölle

Wir sind am 27. Februar nach Borodjanka geflohen, weil wir dachten, dort sicher zu sein. Tatsächlich wurden wenige Orte schwerer zerstört als Borodjanka. Wir haben dort tage- und nächtelang im Keller gelebt, hörten die Nachrichten, dass die Russen Borodjanka einnehmen wollen und hörten die Bomben einschlagen.

Die Lebensmittelvorräte gingen irgendwann zur Neige. Der Hunger kam. Es wurde still im Keller. Die Stille war das Schlimmste: Wie eine Vorahnung des Todes. Dabei hatten wir Glück: Ich habe in einer Käserei gearbeitet vorher, wir hatten daher noch Käsevorräte. Weil meine Schwester einen Job auf einer Hühnerfarm hatte, gab es auch noch Eier.

Flucht über die gefährlichste Straße 

Weil wir in Borodjanka abgeschnitten waren von jeglicher Versorgung, haben wir entschieden, zu fliehen. Weil es kaum Benzin gab, nicht mit drei Autos, sondern in einem. Mit sieben Menschen, zwei Katzen, einem Hund und anderen Tieren. Die Straße von Kiew Richtung Warschau war die gefährlichste überhaupt – also ließen wir uns durch Wälder und Feldwege lotsen. Wir haben zerbombte Autos gesehen, Schießereien und Detonationen gehört.

Nicht sicher in der West-Ukraine

Im Westen der Ukraine dachten wir, sicher zu sein. Aber es war töricht zu glauben, dass man sich vor dem Krieg verstecken kann. Wir haben dort zwei schreckliche Wochen verbracht. Eines Tages ging eine Sirene los und wir rannten aus dem Haus in den Keller. Ich drehte meinen Kopf und sah, wie eine Bombe in das Haus nebenan einschlug. Das werde ich nie vergessen.

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Mitte März sind wir mit dem Bus nach Polen gefahren. Wir mussten raus. Mein Mann ist in der Ukraine geblieben. Er ist eigentlich Anwalt, im Moment hilft er, die Toten von Irpin, Borodjanka und Kiew zu zählen.

Die Tränen sind geblieben

Wenn man die Grenze überschreitet, wird man von Gefühlen überwältigt. Ich habe mich von meinem Mann, von meinem Vater verabschiedet. Die Kinder weinten, ich weinte. Die Tränen sind geblieben. Am 25. März sind wir endlich nach Köln angekommen.

Ich war blass und hatte sehr stark abgenommen, konnte aber weder essen noch trinken. Während unserer ersten Woche in Köln gingen meine Tochter und ich spazieren und sahen ein Flugzeug. Es flog tief. Meine Tochter rannte voller Angst in die Büsche.

„Alles machte mir Angst“

Als ich nach Köln angekommen bin, war ich depressiv. Es zerreißt mich. Es machte mir alles Angst, sogar, dass die Deutschen Lebensmittel und Gasflaschen kauften. Ich war mit Seele in der Ukraine und habe ständig Nachrichten gelesen.

Ich war glücklich in der Ukraine.

Inzwischen geht es mir etwas besser. Ich habe Glück mit den Menschen, die ich hier getroffen habe. Sie haben mir geholfen, eine Arbeit zu finden. Ich mache gerade eine Schulung für die Arbeit in einem Käse-Laden in Köln. Ich bin froh, dass ich eine ähnliche Arbeit machen darf wie in der Ukraine.

Natalia Korytna (39) aus Kiew

Als wir kürzlich in einem Kölner Möbelhaus einen Schrank ausgesucht haben, sprach mein Mann die ganze Zeit davon, dass er sich freue, ihn in Kiew in unserer Wohnung aufzubauen, er sei hübsch. Mein Mann glaubt immer noch, der Krieg sei bald vorbei, er spricht jeden Tag davon.

Gefühl wie in einem Vakuum

Wir sind in Köln sehr gut aufgenommen worden, alle kümmern sich, die Kinder werden gut versorgt, die älteren gehen zur Schule. Aber ich fühle mich nach wie vor wie in einem Vakuum. Ich stehe auf, putze die Zähne, mache den Kindern Frühstück, koche, funktioniere tagsüber irgendwie, gehe schlafen. So ist es jeden Tag. Es gibt kein Ziel.

Es fühlt sich nicht so an, als sei es mein Leben. Höchstens wie ein Provisorium, mit dem ich fremdele. Ich möchte unser altes Leben zurück, ich möchte Frieden. Aber ich glaube, dass es den sobald nicht geben wird und wir noch lange in Köln sein werden.

Als wir am 6. März 2022 in Köln ankamen, wollten wir uns in ein Zimmer einschließen, mit niemandem sprechen. Wir hatten Angst, nach draußen zu gehen. In der Ukraine bestand immer die Gefahr eines Bomben- oder Raketenangriffs. Ein vorbeifliegender Hubschrauber oder ein Flugzeug hat bei mir in Deutschland Panik ausgelöst.

Kinder leben in der Gegenwart

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