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Caritas-Projekt„Hier kann ich ICH sein und wachsen“

7 min

BUGS-Leiterin Sarah Hannappel und Fadi sitzen im gemütlichen Jugendcafé der Caritas Köln.

Das BUGS-Jugendcafé in Köln unterstützt mit einem neuen Projekt belastete, junge Menschen ohne familiären Rückhalt.

Fadis Leidensgeschichte ist nichts für Zartbesaitete, verbraucht allein beim Zuhören einen Großteil des Mitgefühl-Kontingents und die sich dahinter verbergende Einsamkeit ist kaum zu ertragen. Gleichzeitig ist Fadis Werdegang enorm ermutigend und bestes Beispiel dafür, wie widerstandsfähig ein junger Mensch sein kann, wenn er zum richtigen Zeitpunkt, bestmöglichen Beistand erhält.

Fadi, heute 22, ist 13 Jahre alt, als er mit seinen Eltern und seinem vier Jahre älteren Bruder aus Syrien nach Deutschland flüchtet – und schließlich in der Nähe von Köln strandet. Der Teenager sieht sich von heute auf morgen mit einer gänzlich neuen Welt konfrontiert, einem fremden Land, einer unvertrauten Kultur, einer verwunderlichen Bürokratie und einem ungewohnten Wertesystem.

Vom eigenen Bruder verraten, von der Familie bespuckt und beleidigt

Zu allem Neuen, Ungewohnten, Fremden – und dem pubertätsbedingten biochemischen „Chaos im Körper“, mit dem andere Gleichaltrige allein schon gut ausgelastet sind, spürt Fadi zwei Jahre später, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt – wendet sich an seinen Bruder und outet sich als homosexuell. Der verrät Fadi bei den Eltern, woraufhin der Vater sein Handy konfisziert und Fadi damit von der einzigen Community ausschließt, zu der der Teenager zu dieser Zeit Zugang hat: Safe Spaces im Netz, also geschützte digitale Treffpunkte, in denen sich queere junge Menschen austauschen und beraten lassen können.

„Im realen Leben kannte ich niemanden, an den ich mich mit diesem Thema hätte wenden können und für meine Familie ist schwul zu sein eines der größten Tabus. Nachdem mein Bruder mich verraten hat, bespuckten, beleidigen, demütigten meine Angehörigen mich und belasteten mich auch anderweitig seelisch wie körperlich.“

Teenager muss verbotene Konversionstherapie ertragen

Zum Beispiel, indem der Vater Fadi bei einem syrischen Arzt vorstellt, der bei dem 15-Jährigen eine so genannte Konversionstherapie beginnt, um Fadis „Schwulsein“ zu „vertreiben“ und ihn zu einem heterosexuellen Menschen zu „machen“. Konversionstherapien, also medizinische und psychologische Interventionen, die darauf abzielen, die Geschlechtsidentität sowie die sexuelle Orientierung einer Person in Richtung Heterosexualität zu verändern – oder die Homosexualität zu unterdrücken – sind hierzulande bei Minderjährigen per Gesetz verboten.

Ein Psychiatrieaufenthalt kam für mich nicht in Frage, in meiner Vorstellung bedeutete das damals die totale Isolation, und die hatte ich bis dahin lange genug durchlebt.
Fadi, 22, Besucher des BUGS-Jugendcafés

Darüber hinaus lehnen sämtliche international führenden psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaften diese vermeintlichen Therapien strikt ab – denn allein schon die Bezeichnung ist irreführend, da das Wort Therapie nahelegt, dass es sich bei der sexuellen Orientierung einer Person um eine Krankheit handelt. Worüber spätestens seit dem Jahr 1990 kein Wort mehr verloren werden sollte. Da strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten – und damit gilt sie auch nicht mehr als psychisch Störung.

Vater droht seinem homosexuellen Sohn mit Zwangsheirat

Dennoch: Fadi muss eine Schocktherapie über sich ergehen lassen, ihm werden Antidepressiva verschrieben, der Vater versucht ihm auch zu Hause, wann und wo es nur geht, zu vermitteln, dass „er sich nicht so schwuchtelig zu verhalten habe, sondern stark, wie ein Versorger“ – ansonsten würde man ihn zwangsverheiraten.

Fadi sucht Rat. Beim Schuldirektor, bei der Schulseelsorgerin, beim Jugendamt, doch alle Lösungen laufen darauf hinaus, dass seine Familie informiert werden müsste, da er noch minderjährig ist. Fadi, der um sein Leben fürchtet, beschließt zu Hause durchzuhalten, bis er 18 Jahre alt ist. Und er hält durch. Genau bis zu seinem Geburtstag. Dann haut er ab. Schreibt über ein geliehenes Handy eine Freundin der Mutter an. Sie hilft ihm, dass er unter polizeilicher Begleitung seine sieben Sachen im Elternhaus abholen und bei ihr bleiben kann. Aber nur für einen Monat. An Weihnachten, dem Fest der Liebe und der Familie muss er das Haus wieder verlassen.

Zu überfordert mit dem Alltag, um fürs Abitur zu lernen

Fadi kommt bei Freunden unter, hält sich mit einem Mini-Job über Wasser, kämpft täglich damit, seinen Alltag zu bewältigen – und müsste eigentlich für sein Abitur lernen. Doch dass das in dieser Situation keine Option ist, dafür braucht es keine Worte. Schließlich findet er eine WG. Und schlechten Einfluss. Er kifft, trinkt, hat Suizid-Gedanken. „Ein Psychiatrieaufenthalt kam für mich nicht in Frage, in meiner Vorstellung bedeutete das damals die totale Isolation, und die hatte ich bis dahin lange genug durchlebt. Also blieb mir, um zu überleben, nichts anderes übrig, als mich selbst zu retten.“

Fadi sucht wieder Hilfe im Netz, recherchiert zum Thema Selbststärke, Selbstliebe, Resilienz – „all das, was meine Eltern mir nicht vermittelt haben“. Und kommt damit, wie er selbst sagt, vom Überlebensmodus ins Leben, wird aktiv, und stößt im Januar 2024 auf seine Google-Anfrage hin: „Was ist ein guter Aufenthaltsort für einsame Über-18-Jährige in Köln?“ auf die Adresse vom Jugendcafé BUGS in der Lindenstraße.

Ein Ort der Begegnung und der Alltagshilfe im Herzen von Köln

Fadi setzt sich kurz daraufhin in die S-Bahn und erreicht die Einrichtung der Caritas Köln zehn Minuten bevor sie schließt. „Niklas, ein Mitarbeiter des BUGS-Teams, begrüßte mich freundlich, nahm sich alle Zeit der Welt, wir kamen sofort ins Gespräch, er stellte die richtigen Fragen und ich spürte direkt: Das ist genau der Ort, den ich so lange gesucht habe. Hier treffe ich Menschen, mit denen ich gemeinsam reflektieren kann, was mir geschehen ist – und wie ich mir meine Zukunft vorstelle“, sagt Fadi.

Zwei Jahre ist es her, dass er Tür des einladenden, modern und von Jugendlichen selbst gestalteten Cafés im Herzen von Köln zum ersten Mal betreten hat – seitdem besucht er das BUGS so oft er kann, manchmal sogar täglich. Wie bis zu 40 weitere junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren, die pro Woche regelmäßig in die Lindenstraße 51 kommen.Um gemeinsam ihre Freizeit in gemütlicher Atmosphäre zu verbringen, Kicker, Billard oder Gesellschaftsspiele zu spielen, bei medienpädagogischen Angeboten mitzumachen oder kostenfreie Sport-, Musik- und Kochangebote zu nutzen – und dabei professionelle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner finden, die in Alltagsfragen helfen und sie bei Bedarf an entsprechende Fachstellen wie das Jobcenter, den Migrationsdienst oder ein Berufskolleg, weitervermitteln.

Caritas-Projekt: Stark im Alltag, selbstbestimmt im Leben

„Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit sind geschlechtsspezifische Angebote. Wir bieten jungen Menschen ein Umfeld, in dem ihnen eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, mit Rollenbildern und sexueller Bildung ermöglicht wird“, sagt Sarah Hannappel. Seit Januar 2026 bieten die BUGS-Leiterin und ihr Team ein neues Projekt an: „BUGS2grow. Stark im Alltag. Selbstbestimmt im Leben“ – das auch von „wir helfen“ finanziell unterstützt wird – richtet sich an junge Erwachsene, die beim Übergang ins selbstständige Leben ohne familiären Rückhalt auf sich gestellt sind.

Viele unserer jungen Besucherinnen und Besucher haben Fluchtbiografien, kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen, leben mit einer Behinderung oder psychischen Erkrankung. Sie sind häufig sozial isoliert, haben, wie Fadi, keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie
Sarah Hannappel, Leiterin des BUGS-Jugendcafés

„Viele von ihnen haben Fluchtbiografien, kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen, leben mit einer Behinderung oder psychischen Erkrankung. Sie sind häufig sozial isoliert, haben, wie Fadi, keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie. Auch zu bestehenden Hilfesystemen ist ihnen der Zugang erschwert, aufgrund von Altersgrenzen, mangelnden Informationen oder negativen Erfahrungen“, sagt Hannappel.

Alltagshilfe, Begleitung und stabile Beziehungen

Deshalb kombiniert „BUGS2grow“ regelmäßig vertrauliche Sprechstunden, praxisnahe Workshops, individuelle Begleitung zu Behörden oder Ärzten und ein DIY-Verleihsystem für Werkzeuge und Haushaltsgeräte. Mit dem Ziel, innerhalb der drei-jährigen Projektlaufzeit bis zu 400 jungen Menschen, die beim Übergang ins Erwachsenenleben auf sich allein gestellt sind, alltagspraktische Kompetenzen zu vermitteln, Vertrauen und stabile Beziehungen zu Bezugspersonen aufzubauen und ihre Selbstständigkeit zu fördern.

„Wenn ich darüber nachdenke, wie oft ich, nachdem ich von Zuhause auszog, meine Eltern um Rat gebeten habe: Wie wasche ich Kochwäsche? Wie bringe ich einen Nagel in eine Gipswand? Wie schreibe ich eine Jobbewerbung? Diese jungen Menschen aber haben keinen familiären Rückhalt, und ab 18 Jahren greift in den meisten Fällen auch die Jugendhilfe nicht mehr. Genau diese Lücke im System möchten wir schließen“, sagt Hannappel.

Ein Happy End dank des BUGS-Jugendcafés

Wie sehr das BUGS-Konzept, jungen Menschen ohne familiären Rückhalt einen bestmöglichen Start in ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, aufgeht, beweist Fadis „Happy End“: Er hat inzwischen sein Fachabitur gemeistert, studiert an der Katholischen Hochschule Soziale Arbeit und engagiert sich ehrenamtlich bei karitativen Projekten. „Vieles davon habe ich dem BUGS zu verdanken. Hier habe ich erfahren, wie sich Zugehörigkeit anfühlt, habe meine Ressourcen entdeckt und entfaltet. Hier ist jeder und jeder willkommen, egal mit welcher Geschichte, welcher Herkunft oder Gesinnung. So kann ich ich sein, weit fliegen und wachsen“, sagt Fadi.


So können Sie helfen

Auszug aus dem neuen wir helfen-Folder 2025_2026

  1. Mit unserer neuen Jahresaktion „wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen“ bitten wir um Spenden für präventive Projekte in Köln und der Region, die gefährdete Kinder und Jugendliche schützen, fördern und ihnen zu einer guten Zukunftsperspektive verhelfen.
  2. Die Spendenkonten lauten: wir helfen e.V."
  3. Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
  4. Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
  5. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, geben Sie bitte +S+ im Verwendungszweck an. Sollten sie regelmäßig spenden, ist auch eine jährliche Bescheinigung möglich. Bitte melden Sie sich hierzu gerne per E-Mail bei uns. Soll Ihre Spende nicht veröffentlicht werden, notieren Sie +A+ im Verwendungszweck. Möchten Sie anonym bleiben und eine Spendenbescheinigung erhalten, kennzeichnen Sie dies bitte mit +AS+.
  6. Bitte geben Sie in jedem Fall auch immer ihre komplette Adresse an. Auch wenn Sie ein Zeitungsabonnement der „kstamedien“ beziehen, ist Ihre Adresse nicht automatisch hinterlegt.
  7. Sollten Sie per PayPal spenden, beachten Sie bitte, dass Ihre Spende immer anonym ist. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung schicken Sie eine E-Mail an uns.
  8. Möchten Sie anlässlich einer Trauerfreier, einer Hochzeit oder eines Geburtstags zu einer Spendenaktion aufzurufen, informieren Sie uns bitte vorab per E-Mail über die Aktion. Sehr gerne lassen wir Ihnen dann, zwei Wochen nach dem letzten Spendeneingang, die gesammelte Spendensumme zukommen.
  9. Kontakt: „wir helfen e.V.“, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, Telefon: 0221-224-2789 (Allgemeines, Anträge, Regine Leuker, Meike Voyta) 0221-224-2130 (Geschäftsführung/Redaktion, Caroline Kron), wirhelfen@kstamedien.de
  10. Mehr Infos und die Möglichkeit, online zu spenden, finden Sie auf unserer Vereinshomepage, www.wirhelfen-koeln.de