Die Kölner Moderatorin Anke Bruns und ihr Verein „Die jungen Wohngemeinschaften“ räumen mit Klischees über „Heimkinder“ auf.
Stigma „Heimkind“„Wir sind anders, als ihr denkt!“

Kochprojekt des DjW e.V. im Kinder- und Jugenddorf St. Heribert in Leichlingen mit Vorstandsvorsitzender und Moderatorin Anke Bruns.
Copyright: Caroline Kron
Dunkle, große Schlafräume, in denen dutzende Stockbetten steril aneinander gereiht stehen, mit Gittern verriegelte Fenster und täglich Erbsensuppe – diese sonderlichen Bilder von „Kinderheimen“ stammen aus dem Märchen oder einem fernen Jahrhundert – haben sich aber bis heute fest in vielen Köpfen verankert.
Mit ihnen einher gehen Klischees von Kindern, die schwierig, schwer erziehbar, faul, drogenabhängig oder gar kriminell sind. Womit viele der rund 130.000 Jungen und Mädchen, die hierzulande in einer Wohngruppe der stationären Jugendhilfe leben – so die korrekte Bezeichnung für das, was früher Kinderheim hieß – großes Unrecht erfahren.
Abgestempelt und zum Außenseiter gemacht
Viele von ihnen trauen sich aufgrund der hartnäckigen Vorurteile nicht, offen darüber zu sprechen, wo sie leben, weil sie dann abgestempelt, stigmatisiert und zu Außenseitern werden. Eine, die nicht länger hinnehmen wollte, dass diese Ressentiments bestehen bleiben, ist Anke Bruns. Gemeinsam mit Simone Steinke und Rolf Emmerich, die beide selbst „Heimerfahrungen“ gemacht haben, hat die Kölner Journalistin und Moderatorin im Frühjahr 2021 den Verein „Die jungen Wohngemeinschaften“ gegründet – mit dem Ziel, „gegen die vielen Vorurteile, unter denen Kinder, die in Wohngruppen leben stark zu leiden haben, ins Feld zu ziehen und die Klischees mit Hilfe von Aufklärung abzubauen“, sagt Bruns.
Ein Mädchen aus meiner Klasse sagt immer, dass im Kinderdorf nur Kinder leben, deren Eltern gestorben sind, das finde ich blöd. Ich lebe hier, weil meine Mama mich nicht gut behandelt hat
Und: Um jungen Bewohnerinnen und Bewohnern von Wohngruppen mit crossmedialen Kreativworkshops die Möglichkeit zu geben, auf kreative Art und Weise ihr Leben in einer Ersatzfamilie zu reflektieren, und sie dazu zu befähigen, ihre Geschichte aktiv mitzugestalten. Da die Ergebnisse der Workshops, etwa Videos, Fotos und Audios, anschließend in Ausstellungen und auf Social-Media-Kanälen präsentiert werden, eröffnen sie den jungen Menschen zeitgleich die Chance, der Öffentlichkeit ihre Lebenswirklichkeit nahezubringen – und Veränderungsprozesse anzustoßen.
Künstliche Intelligenz und Kochkünste
In den Osterferien waren Anke Bruns, Simone Steinke und „Kameramann“ David Ertl (Dave) mit einem KI- und einem Koch-Workshop zu Besuch im Leichlinger Kinder- und Jugenddorf St. Heribert. Dort leben derzeit 63 Kinder und Jugendliche ab fünf Jahren, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Familien sein können, in sechs Wohngruppen.
Dass Kinder und Jugendliche, die in Wohngruppen leben, oft mit heftigen Vorurteilen klarkommen müssen, war mir nicht klar. Schon gar nicht in dieser Dimension
An diesem letzten Ferien-Dienstag haben sich Dominik, 12, Angelissa, 12, und fünf weitere Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in der Trainingsküche des Kinder- und Jugenddorfs versammelt, um gemeinsam mit dem Team der „Jungen Wohngemeinschaften“ ein zuvor von ihnen ausgesuchtes Mittagessen zuzubereiten: Hähnchenschnitzel, Bratensoße, Gurken– und Obstsalat zum Dessert stehen auf dem Menüplan.

Zwei Bewohnerinnen bereiten das Mittagessen vor und werden dabei für ein TikTok-Video gefilmt.
Copyright: Caroline Kron
Während ein Teil der jungen Teilnehmenden unter Anleitung und mithilfe von Anke Bruns, Simone Steinke und ihrem Erzieher Benjamin Wickert Zwiebeln, Gurken, Kartoffeln, Obst schälen, Bratensoße zubereiten und Hähnchenbrüste panieren, hält ein zweites Team gemeinsam mit Dave die einzelnen Zubereitungsschritte per Videokamera fest – um daraus anschließend ein TikTok-Reel zu produzieren. „Kochen ist gerade auf TikTok sehr angesagt, wir hoffen, über das Thema junge Menschen zu erreichen und sie über den Alltag in Wohngruppen aufzuklären“, sagt Bruns.
Übers Kochen ins Gespräch kommen, via TikTok aufklären
Beim Schnibbeln und Schälen kommt die Sprache in den nächsten vier Stunden immer wieder auf Themen jenseits des Kochens – etwa darauf, was für die jungen Bewohnerinnen und Bewohner einen perfekten Erzieher oder eine perfekte Erzieherin ausmacht. „Die mich zu Hause lässt, wenn ich nicht zum Training möchte und die mir hilft, wenn ich in Schwierigkeiten bin. Die nicht einfach weggehört oder nur meint: Das wird schon besser“, sagt Angelissa – und fügt beherzt an: „Ich wohne in einem Haus mit wunderbaren Erziehern, die sich darum kümmern, dass wir uns wohlfühlen, dass wir auch eine bestimmte Zeit haben, in der wir außerhalb vom Kinderdorf unterwegs sein können und dass wir bei Freunden oder unserer Familie übernachten dürfen, wenn wir wollen.“
Von wegen Waisenkinder und andere Vorurteile
Auch das Thema Vorurteile bleibt nicht aus. Obwohl sich Tim (Name geändert), 9, im Kinder- und Jugenddorf sehr wohl fühlt, erzählt er nicht jedem, wo er lebt. „Ein Mädchen aus meiner Klasse sagt immer, dass im Kinderdorf nur Kinder leben, deren Eltern gestorben sind, das finde ich blöd. Ich lebe hier, weil meine Mama mich nicht gut behandelt hat. Sie hat mich aber von sich aus hier hingebracht, weil sie gemerkt hat, dass sie mich nicht weiter bei sich behalten kann“, sagt der Junge – und erzählt von weiteren Klischees, die ihn nerven.
Seine Botschaft: „Leute, jeder hat hier ein eigenes Zimmer, Spielsachen. Die Großen haben eigene Handys. Wir haben eine Playstation, viele Spiele und Bücher. Wir sind und leben anders, als ihr denkt!“
Manchmal sogar besser als zu Hause
Angelissa erzählt, während sie geduldig und konzentriert Kartoffeln schneidet, dass sie gemobbt wird, weil sie in einer Wohngruppe lebt – „aber das interessiert mich nicht. Ich höre weg, denn es geht mir hier genauso gut wie zu Hause. Manchmal sogar besser.“ Wenn Angie, 15, die seit mehr als acht Jahren im Leichlinger Kinder- und Jugenddorf lebt, erzählt, wo sie lebt, reagieren die meistens mit Mitleid, sagt sie. „Ich finde es trotzdem wichtig, anderen vom Leben im Kinderdorf zu berichten, denn wenn man die eigenen Erfahrungen erzählt, ist es für die anderen ja auch leichter, das zu verstehen.“
Ich werde öfter gemobbt, weil ich in einer Wohngruppe lebe, aber das interessiert mich nicht. Ich höre weg, denn es geht mir hier genauso gut wie zu Hause. Manchmal sogar besser.
Auch Babsi, 13, schämt sich nicht dafür in Leichlingen zu leben. „Ich kenne einige hier, die das tun, ich verstehe aber nicht, warum. Ich erzähle es gerne weiter, wo und wie ich lebe und die Leute sind dann immer erstaunt: Was, ihr habt ein eigenes Zimmer? Ich denk mir dann: Klar, wir haben eigene Sachen, Taschen- und Kleidergeld, mehr als genug zu Essen, machen gemeinsam Urlaub oder fahren ins Phantasialand.“
Seit Jahrzehnten die gleichen Klischees
Diese und viele weitere Vorurteile motivierten Bruns dazu, vor fünf Jahren den Verein „Die jungen Wohngemeinschaften“ zu gründen. „Dass Kinder und Jugendliche, die in Wohngruppen leben, oft mit heftigen Vorurteilen klarkommen müssen, war mir nicht klar. Schon gar nicht in dieser Dimension – bis wir in den Jahren 2017 und 2018 den Film ‚Wir sind doch keine Heimkinder ‘gedreht haben. Da erzählte mir die zehnjährige Leonora, dass eine Freundin sie in der Wohngruppe besuchen wollte, aber nicht durfte. Ihre Eltern hatten Angst, dass ihr dort etwas passieren könnte. Diese Gedankenkette Wohngruppe = Heim = Gefahr müssen wir dringend durchkreuzen. Durch mehr Aufklärung auf allen Ebenen“, sagt Bruns.
Die Filmdokumentation hat Bruns damals im Auftrag der Graf Recke Stiftung gedreht. Sie handelt vom „Leben im Heim damals und heute“. Es kommen Kinder und Jugendliche aus heutigen Wohngruppen zu Wort wie auch ehemalige „Heimkinder“, die in den 60er-Jahren in der Graf Recke Stiftung gelebt haben. „In den Interviews stellte sich heraus, dass die jungen Wohngruppen-Bewohnerinnen heute mit denselben Klischees konfrontiert sind wie die ehemaligen Heimkinder aus der Nachkriegszeit, dass sie als kriminell oder schwererziehbar abgestempelt werden und deshalb verschweigen, wo sie aufwachsen oder aufgewachsen sind – manche von ihnen sogar ihr Leben lang“, sagt Bruns.
Aus dem Schatten ins Licht
Seit seiner Gründung hat „Die jungen Wohngemeinschaften e. V.“ drei große, unter anderem von der Kämpgen-, Rhein-Energie-, und Marga-und-Walter-Boll-Stiftung unterstützte Projekte mit den schönen Titeln „Lebensträume“, „Aus dem Schatten ins Licht“ und „Zeigt der Welt, wer ihr seid“ auf die Beine gestellt. Dabei setzen sich Wohngruppen-Bewohnerinnen und Bewohner aus Köln und der Region schauspielerisch und musikalisch mit ihrem Alltag und ihren Zukunftswünschen auseinander, erstellen Videos, Audios und Fotos – und präsentieren die Ergebnisse zum Abschluss auf ihrem Instagram-Kanal (instagram.com/heimkinddigga) und bei TikTok (tiktok.com/@heimkinddigga) sowie in Ausstellungen – zum Beispiel vom 30. Juni bis 1. Juli in der Orangerie am Volksgarten. Interessierte erhalten dort einen Einblick in den wahren „Heimalltag“ und erfahren, dass junge Menschen wie Tim, anders sind, als man denkt.
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Auszug aus dem neuen wir helfen-Folder 2025_2026
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