Covestro kooperiert nach dem Verkauf an einen arabischen Investor beim Ammoniak-Bezug mit Abu Dhabi. Das könnte Folgen für die Region haben.
Ammoniak aus Abu DhabiKonkurrenz für den Chemieverbund Dormagen-Worringen?

Dormagen ist Covestros größter Standort in Deutschland und arbeitet im Verbund mit anderen anässigen Unternehmen. Unter anderem erhält Covestro von dort größere Mengen Ammoniak – bisher.
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Seit Dezember 2025 hat der Kunststoffkonzern Covestro einen neuen Eigentümer: den staatlichen Ölkonzern Abu Dhabis, Adnoc. Ursprünglich hieß es aus Leverkusen, im operativen Geschäft werde sich dadurch nichts ändern. Covestro bleibe unabhängig. Der neue Besitzer habe keine Auswirkungen auf den Standort. Vorprodukte für die Kunststofffertigung, die häufig bei der Erdölverarbeitung gewonnen werden, werde man auch in Zukunft regional beziehen. Im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ erklärte Covestro-CEO Markus Steilemann noch im Oktober: „Adnoc produziert nicht an unseren Standorten. Es gibt auf dieser Seite also eigentlich keine Synergien.“
Covestro geht Ammoniak-Partnerschaft mit Abu Dhabi ein
Heute, gerade drei Monate nach Abschluss der Transaktion, scheint alles anders zu sein. Covestro hat kürzlich eine Partnerschaft mit Fertiglobe und TA’ZIZ verkündet, zwei Lieferanten von Ammoniak, den Covestro für die Herstellung von Schaumstoffkomponenten benötigt. Beide Unternehmen haben ihren Sitz in Abu Dhabi. Beide gehören zum Firmengeflecht von Neu-Eigentümer Adnoc.
Kommt also in Zukunft auch das Ammoniak, das Covestro in Dormagen bislang aus dem Chemieverbund bezieht, aus Nahost? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat das auf Kölns größtes Chemieunternehmen Ineos, das in Worringen Ammoniak produziert? Und überhaupt: Wie passt ein Ammoniaktransport über mehr als zehntausend Kilometer Seeweg mit der Nachhaltigkeitsstrategie von Covestro zusammen?
Covestro: Ammoniak aus Nahost nur „Ergänzung, nicht Ersatz“
Covestro relativiert die Befürchtungen um die Verbundproduktion in Dormagen-Worringen auf Anfrage. Die Zusammenarbeit mit Fertiglobe ziele darauf ab „zunächst die amerikanischen und asiatischen Standorte zu beliefern“. Die Leverkusener räumen aber ein, „perspektivisch wäre auch an europäischen Standorten eine Versorgung durch Fertiglobe denkbar“. Angesichts eines Bedarfs von 400.000 Tonnen Ammoniak im Jahr, seien die Lieferungen Fertiglobe aber nur als Ergänzung zu bestehenden Lieferantenverbindungen vorgesehen, nicht als Ersatz.
Zu konkreten Geschäftsbeziehungen will man sich auch bei Ineos nicht äußern. Die Kölner beklagen aber unfaire Wettbewerbsbedingungen. Während man in Worringen Jahr für Jahr hohe zweistellige Millionenbeträge an CO₂-Abgaben zahle und hohe Energiekosten verkraften müsse, fielen diese Kosten in anderen Weltregionen nicht an.
Auch Transport verursacht CO₂-Emissionen
Die Deindustrialisierung der chemischen Industrie in Deutschland führe zudem letztendlich nicht zu sinkenden, sondern zu steigenden CO₂-Emissionen, heißt es bei Ineos. „Die Produkte werden weiterhin hier benötigt und dann woanders mit meist höheren CO₂-Emissionen hergestellt und über die Weltmeere nach Europa transportiert. Auch das führt zu zusätzlichen CO₂-Emissionen im Vergleich zu einer lokalen Produktion“, erläutert Stephan Müller, Energy Commercial Manager bei Ineos, gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Ausgerechnet Klimaschutzerwägungen führt Covestro aber als entscheidenden Faktor für die Kooperation mit Fertiglobe an. „Covestro nutzt für die Produktion aktuell konventionellen Ammoniak“, heißt es von dort. Dieser Ammoniak stehe für knapp fünf Prozent der indirekten CO₂-Emissionen. „Die schrittweise Umstellung unserer Produktion auf Ammoniak mit einem geringeren CO₂-Fußabdruck ist also ein wichtiger Hebel zur Erreichung unserer Klimaziele“, so Covestro. Und genau dieses CO₂-freie Ammoniak soll nun eben aus dem Nahen Osten kommen.
Ammoniak von Fertiglobe nur teilweise „grün“
Wie „grün“ das Ammoniak von Fertiglobe tatsächlich sein wird, ist allerdings noch unklar. Das Unternehmen setzt bei der Gewinnung von klimaneutralem Ammoniak nämlich teilweise auf den Einsatz der Kohlenstoffspeichertechnologie. Dabei wird nicht das Entstehen von CO₂ verhindert, etwa durch den Einsatz von erneuerbaren Energien. Stattdessen wird das Klimagas eingefangen und in unterirdische Kammern, in der Regel unter dem Meeresgrund, verpresst. In Deutschland war das Verfahren bis vor kurzem in industriellem Maßstab noch verboten. Erst eine Gesetzesänderung im November lässt den Einsatz der Technologie nun auch hierzulande zu. Kritiker wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) oder Greenpeace warnen vor Umweltrisiken durch Speicherlecks. Zudem gelten die Anlagen als ineffizient, weil das Einspeichern der CO₂-Gase wiederum energieintensiv ist.
Covestro gibt an, Fertiglobe entwickle neben dem Ammoniak auf Basis der CO₂-Speicherung auch solches aus erneuerbaren Quellen. Die Leverkusener bekräftigen zudem, sie seien am Bezug beider Varianten interessiert, um die Produktion „komplett auf CO₂-neutrale Rohstoffe umstellen zu können.“ Covestro spricht hierbei aber von „langfristigen Perspektiven“.
Raffinerien in Abu Dhabi von Drohnen attackiert
Kurzfristig rücken andere Probleme in den Vordergrund, die mit einer künftigen Ammoniak-Versorgung aus Abu Dhabi in Verbindung stehen könnten. Denn während einer Sperrung der Meeresstraße von Hormus, wie sie derzeit angesichts des Iran-Krieges stattfindet, ist auch der Wüstenstaat von internationalen Seeverbindungen abgeschnitten. Fertiglobe-Anlagen in Al Ruwais im Emirat Abu Dhabi, wo unter anderem Ammoniak hergestellt wird, gerieten Anfang März gar unter den direkten Beschuss iranischer Drohnen. Medienberichten zufolge kam es zu einem Brand und wenigstens zeitweise zu einer Stilllegung einer der dortigen Raffinerien.
Covestro entgegnet, das Unternehmen setze auf ein „global diversifiziertes Lieferantennetzwerk“. Das werde sich auch bei einer Zusammenarbeit mit Fertiglobe nicht ändern. Zudem entwickle Fertiglobe Projekte nicht nur in Abu Dhabi sondern in unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel in Ägypten.
Covestro: „Produktionsverlagerungen nicht geplant“
Während Covestros neuer Kooperationspartner TA‘ZIZ (arabisch für „Stärkung/Konsolidierung“) bei der Verkündung des Deals verlauten ließ, das Unternehmen sehe „bedeutende Wachstumschancen entlang der Ammoniak-Wertschöpfungskette“ und die Vereinigten Arabischen Emirate positionierten sich damit „an der Spitze der künftigen Chemieproduktion“, beschwichtigt man in Leverkusen: „Produktionsverlagerungen in den Nahen Osten sind nicht geplant.“ Bis 2028 garantiert die Investitionsvereinbarung mit dem Neu-Eigentümer Adnoc Covestro ohnehin den Bestand seines Sitzes in Leverkusen. Genauso lange läuft auch das Arbeitspapier von CEO Markus Steilemann. Der hat seinen Abschied für die Zeit danach allerdings schon bekannt gegeben. Auch das beruhe „allein auf persönlichen Gründen“ und habe nichts mit dem neuen Eigentümer zu tun, sagt das Unternehmen.

