Die Jazzrausch Big Band macht das Erholungshaus mit hämmerndem Bass und Nebelschwaden zum Club.
Start-FestivalJazzrausch Big Band bringt Beats aus München nach Leverkusen

Die Jazzrausch Big Band und Joshua Williams begeistern beim Start-Festival im Erholungshaus mit einer energiegeladenen, lauten Mischung aus Jazz und Techno.
Copyright: Timon Brombach
Die Münchner Jazzrausch Big Band (JBB) macht beim Start-Festival der Bayer Kultur schon nach wenigen Minuten klar, dass sie nicht gekommen ist, um Jazztraditionen zu verwalten. Schon die ersten Stücke bauen einen Sog auf, dem man sich kaum entziehen kann. Ein pulsierender Beat legt sich unter die Musik, darüber schichten sich die Bläser zu immer neuen Klanggebilden. „Eins, zwei, drei“, zählt der Bandleiter, und der ganze Saal steht und tanzt.
Trompeten, Posaunen und Saxofone der JBB agieren dabei nicht als Solisten einer traditionellen Bigband, sondern wie einzelne Bausteine eines großen elektronischen Tracks. Die Musik folgt oft den Mechanismen elektronischer Tanzmusik, bleibt dabei aber jederzeit handgemacht und lebendig. Man sieht die Energie entstehen. Die Musikerinnen und Musiker reagieren aufeinander, treiben sich gegenseitig an und erzeugen eine Dynamik, die schnell den gesamten Saal erfasst.
Dabei gerät die musikalische Qualität nie zur Nebensache. Im Gegenteil. Gerade weil die Stücke oft so unmittelbar wirken, fällt auf, mit welcher Präzision das Ensemble arbeitet. Rasante Läufe wechseln sich mit monumentalen Klangflächen ab, komplexe Rhythmen wirken erstaunlich selbstverständlich.
Wenn die Tuba in Leverkusen zum Synthesizer wird
Besonders eindrucksvoll gelingt das Joshua Williams. Immer wieder übernimmt seine Tuba Rollen, die man eher von Synthesizer-Bässen erwarten würde. Mal treibt sie die Musik mit wuchtigen Tiefen voran, mal entwickelt sie überraschende Beweglichkeit und wird selbst zur melodischen Stimme innerhalb des Gesamtklangs. Der Tubist ist Teil der Start-Academy und wird von Bayer gefördert.
Auch Sängerin Patricia Römer setzt markante Akzente. Ihre Stimme bringt zusätzliche Wärme in den oft kraftvollen Sound der Band und erweitert das musikalische Spektrum um soulige und popmusikalische Farben. Dass die Übergänge zwischen den verschiedenen Stilwelten dabei so selbstverständlich wirken, gehört zu den großen Qualitäten der JBB. Die Band demonstriert ihre Virtuosität nicht. Sie nutzt sie, um musikalische Grenzen verschwinden zu lassen.
Das Licht illustriert die Musik nicht. Es denkt sie weiter. Fast jedes Stück erhält eine eigene visuelle Identität. Mal verdichtet sich die Atmosphäre zu einer clubartigen Dunkelheit, dann öffnet sich der Raum wieder in weite Lichtflächen. Selten wirkt eine Lichtgestaltung so eng mit dem musikalischen Geschehen verzahnt. Dazu kommt Roman Sladek, der den Abend mit jener trockenen, angenehm unaufgeregten bayerischen Art moderiert, die nie auf den schnellen Lacher zielt und gerade deshalb immer wieder für Heiterkeit sorgt.
Warum München an diesem Abend durch Leverkusen geistert
Die JBB ist längst mehr als ein erfolgreiches Ensemble. Im kommenden Jahr wird die Formation ihr 1000. Konzert spielen. Ihre Heimat hat sie inzwischen im Bergson Kunstkraftwerk in München gefunden, einem ehemaligen Heizkraftwerk, das zu einem der spannendsten neuen Kulturorte Deutschlands geworden ist. Wer die Band an diesem Abend erlebt, versteht schnell, warum das funktioniert. Die JBB bewegt sich selbstverständlich zwischen Jazz, Techno, Klassik, Pop und Clubkultur. Im Publikum sitzen Jazzliebhaber neben Technofans, langjährige Konzertgänger neben neugierigen Erstbesuchern. Niemand diskutiert darüber, welchem Genre diese Musik eigentlich zuzuordnen ist. Es spielt schlicht keine Rolle.
Gerade deshalb wirkt dieser Abend fast wie ein unerwarteter Kommentar zur aktuellen Diskussion um die Zukunft des Erholungshauses. Seit mehr als einem Jahrhundert wird hier Kultur nicht nur präsentiert, sondern finanziell ermöglicht. Lange bevor Begriffe wie kulturelle Teilhabe oder Audience Development die Debatten bestimmten, wurde von der Bayer AG ein Ort geschaffen, an dem Menschen unterschiedlichster Hintergründe mit Kunst und Kultur in Berührung kommen konnten. Während München derzeit erlebt, welche Strahlkraft ein bewusst, dick privat getragener Kulturort entwickeln kann, wird in Leverkusen noch immer darüber diskutiert, wie es mit dem Erholungshaus weitergehen soll. Ausgerechnet die Jazzrausch Big Band liefert mit diesem Abend ein starkes Argument dafür, warum solche Orte gesellschaftlich wichtiger werden und nicht weniger wichtig.
