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Rechtsschutzriese AragMachen Sie Kunden zu Prozesshanseln, Herr Dirksen?

7 min
Arag-Chef Renko Dirksen

„Wirtschaftlich betrachtet sind Köln und Düsseldorf bedeutende Versicherungshochburgen, die gemeinsam auf Augenhöhe mit München aktiv sind“, sagt Arag-Chef Renko Dirksen.

Der Chef der größten Rechtsschutzversicherung der Welt über die Zunahme von Unsicherheiten in Zeiten multipler Krisen, und wie die Menschen nach mehr Sicherheit streben

Herr Dirksen, würden Sie sagen, Rechtsschutzversicherer sind Krisengewinner?

Renko Dirksen: Nein, das würde ich nicht sagen. Für uns hat die Medaille immer zwei Gesichter. Natürlich ist die Nachfrage nach Rechtsschutzversicherung aktuell höher. Ich sehe aber gleichzeitig auf der Schadenseite, dass wir unseren Kunden deutlich häufiger helfen. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir Gewinner sind. Wir sind relevanter geworden durch die Situation, die wir haben. Es gibt eine derartige Vielzahl von Krisen - Vieles hätten wir vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten. Und das macht etwas mit den Menschen.

Wie zeigt sich das bei Ihrer Kundschaft?

Wir merken auch bei unseren Kundinnen und Kunden, dass es eine erhöhte Verunsicherung gibt und dadurch natürlich auch einen erhöhten Bedarf, sich abzusichern. Da sind wir mit unseren Produkten wie Rechtsschutz, aber auch Krankenversicherung genau da, wo die Kunden uns brauchen. Es geht um zentrale Fragen. Die Absicherung der Arbeit zum Schutz der Einkünfte, aber auch Wohnen und Gesundheit gehören dazu.

In welchen Bereichen sind die Leute denn verunsichert?

Wir sehen, dass zum Beispiel der Arbeitsmarkt deutlich härter wird. Wir zählen in den vergangenen fünf Jahren über 60 Prozent mehr Fälle im Arbeitsrechtsschutz. A


Renko Dirksen ist promovierter Jurist und kam 2005 zur Arag, damals als Assistent des langjährigen Vorstandschefs Paul-Otto Faßbender. 2008 übernahm er die Leitung der Hauptabteilung Konzernentwicklung, 2009 zusätzlich den Bereich Marktforschung/Kundenmanagement. Dirkens stieg 2013 in den Vorstand der Konzerntöchter Arag Lebensversicherung und Arag Krankenversicherung auf, 2015 wurde er in den Konzernvorstand berufen. Dort war Dirkens für das Ressort Kapitalanlage/Konzernentwicklung/Betriebsorganisation zuständig, bevor er 2020 Vorstandssprecher wurde. Seit Juli 2025 trägt er den Titel Vorstandsvorsitzender. Dirkens ist verheiratet und hat zwei Kinder.


60 Prozent mehr Arbeitsrechtsschutz? Nachfrage oder Fälle?

Fälle. Hinzu kommen über 70 Prozent mehr im Bereich von Wohnen und Miete im gleichen Zeitraum. Das zeigt natürlich, dass es nicht nur den Bedarf gibt, sondern dass immer mehr Menschen Anlass haben, ihre Rechte wahrzunehmen.

Wird der Rechtsweg schneller bestritten oder sind die Streitsummen gewachsen?

Das geht in zwei verschiedene Richtungen. Im Bereich der Miete sind unsere Kundinnen und Kunden eher bereit, sich um etwas kleinere Beträge zu streiten, als es vielleicht früher der Fall war. Im Bereich der Arbeit sehen wir allerdings, dass sich die Situation heute deutlich verschärft hat. Der Anstieg der Fälle im Arbeitsrechtsschutz betrifft mittlerweile fast alle Einkommensklassen – auch Menschen mit mittleren und höheren Einkommen nehmen verstärkt Arbeitsrechtsschutz in Anspruch. Da geht es vor allem um Kündigungsschutzklagen, Vertragsaufhebungen und Gehaltsfragen.

„Rechtsschutz ist ein Hochfrequenzprodukt“

Wie viel Prozent der Rechtsschutzkunden nehmen ihre Police denn in Anspruch, insbesondere beim Arbeitsrecht?

In dem Moment, in dem ich als Arbeitnehmer einen Arbeitsrechtsschutz habe, kann ich mit meinem Arbeitgeber auf Augenhöhe diskutieren. Das nimmt mir nicht die Sorge um den Arbeitsplatz. Es gibt mir aber das Gefühl, dass ich mich wehren kann. Deswegen sprechen wir gerne von Empowerment – und dieses Empowerment entsteht allein durch den Abschluss der Police. Natürlich wird sie dann auch genutzt. Wir rechnen damit, dass jeder Kunde etwa alle sieben Jahre seine Police nutzt. Rechtsschutz ist ein Hochfrequenzprodukt.

Wie entwickelt sich denn die Zahl der abgeschlossenen Policen im Arbeitsrechtsschutz oder im Mietbereich?

Als Konzern haben wir in den letzten vier Jahren unsere Beitragseinnahmen um über 50 Prozent gesteigert. Im deutschen Rechtsschutzbereich ist es etwas mehr als ein Drittel. Dazu gehört ein leicht ansteigender Anteil von Arbeitsrecht und Mietrecht.

Die Zahl der gerichtlichen Auseinandersetzungen steigt. Ist das einfach Zeitgeist oder entwickeln sich Ihre Kunden zu Prozesshanseln?

Unsere Kundinnen und Kunden sind das sicherlich nicht. Sie wollen ein Problem lösen, keinen Rechtsstreit führen. Vielmehr gibt es eine erkennbare soziale Inflation. Damit beschreiben wir eine wachsende Konfliktbereitschaft in wirtschaftlichen Krisen. Zudem erleben wir eine immer stärkere Durchrechtlichung der Gesellschaft, eine stärkere Durchrechtlichung auch von Konflikten. Das führt auch dazu, dass man häufiger mal fragen darf, auch fragen sollte, welche Rechte ich in einer bestimmten Situation eigentlich habe. Dann kann ich sie auch wirklich wahrnehmen.

„Es gibt eine soziale Inflation: eine wachsende Konfliktbereitschaft in wirtschaftlichen Krisen“

Sie wollen seit Jahren als Versicherung eigene Kanzleien betreiben oder selbst Rechtsberatung geben, was aber in Deutschland verboten ist. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?

Wir möchten, dass die Benachteiligung der Kundinnen und Kunden in Deutschland endlich ein Ende findet. In Deutschland ist es so, dass wir als Rechtsschutzversicherung weder eine Kanzlei besitzen dürfen, noch unsere Kundinnen und Kunden rechtlich beraten dürfen. Also gar keinen Rechtsrat geben dürfen. Ebenso dürfen wir keine Vertretung vor Gericht übernehmen. Das Monopol der Anwälte ist in Deutschland so stark ausgestaltet wie in kaum einem anderen europäischen Land. In Österreich, der Schweiz, Belgien dürfen wir mit unseren Juristen Kundinnen und Kunden außergerichtlich vertreten. Aber es gibt noch die Niederlande, Norwegen, Schweden und Großbritannien, wo wir unsere Kunden vor Gericht begleiten. Dieses Monopol der Anwälte ist ein nationaler Anachronismus. Er passt nicht mehr in die Zeit und ist hoffentlich nicht ein Symptom für eine Reformmüdigkeit des Staates. Unsere Nachbarn sind da deutlich weiter als wir und bieten den Menschen viel mehr Wahlmöglichkeiten.

Woher kommt das deutsche Vorgehen?

Das ist ein historisches Überbleibsel. Es gab in den 60er Jahren eine Rechtsprechung, die vielleicht damals die Situation richtig wiedergegeben hat. Allerdings hat sich in den letzten 65 Jahren die Welt auch ein bisschen weitergedreht. Zumindest, wenn wir über die Grenzen blicken.

Wie realistisch ist denn, dass diese Regelung liberalisiert wird zu Ihren Gunsten?

So weit wie heute waren wir noch nie. Heute ist diese Regelung offizieller Bestandteil der politischen Diskussion. Das bayerische Justizministerium hat das Thema aufgegriffen. Ich denke, dass der Freistaat Bayern eine Reform weiterverfolgen wird. Es zeigt sich, dass es natürlich Beharrungskräfte gibt und Interessen, die wahrgenommen werden. Das ist auch nachvollziehbar. Am Ende muss es aber darum gehen, was für Bürgerinnen und Bürger das Beste ist. Sie brauchen eine breitere Auswahl um sich rechtlich beraten lassen zu können. Denn wir sehen schon heute, dass das Monopol der Anwälte die Menschen bei kleineren Fällen mehr und mehr im Stich lässt und sie Probleme haben, überhaupt einen Anwalt zu finden, der sie vertritt. Es rechnet sich schlicht nicht für die Anwälte.

Wie sähe denn eine Welt aus, in der das Anwaltsmonopol fällt? Der konkrete Vorschlag von Bayern ist ja, dass Rechtsschutzversicherungen außergerichtlich beraten dürfen?

Richtig, wir wollen zumindest außergerichtlich beraten dürfen. Wir müssen eigentlich nur nach Österreich blicken. Wenn dort Kundinnen und Kunden am Telefon ihr Anliegen schildern, dann sagen wir nicht ‚Sorry, das ist ein Rechtsrat. Wir können Ihnen nicht weiterhelfen.‘ Wir können dort eine Erstorientierung geben oder auch rechtlichen Rat. Ebenso können wir auch mal ein erstes Schreiben an die Gegenseite aufsetzen. Wir nennen das die „nullte Instanz“.

Erklären Sie das bitte.

Die Sache ist die: Wenn Sie Ärger haben und Sie Ihren Anwalt einschalten, dann fühlt sich  die andere Seite irgendwie gedrängt, auch einen Anwalt einzuschalten. Das schaukelt sich hoch und wird teuer.

Wir können in der nullten Instanz direkt viele Probleme lösen, denn häufig sind es Kommunikationsprobleme. Das entlastet auch die Gerichte. Ebenso entlastet es die Anwaltschaft von den vielen kleinen Fällen, an denen der Anwalt nichts mehr verdient. Die Welt sähe dann so aus, dass man direkte rechtliche Hilfe bekommen könnte.

Wichtiger Punkt: In Österreich gilt die freie Anwaltswahl - wie in vielen anderen Ländern auch. Das heißt, wenn unser Kunde mit dem rechtlichen Rat nicht zufrieden ist, oder mit dem Vorgehen, kann er immer zu dem Anwalt seiner Wahl gehen.

„Perspektivisch werden wir eine anwaltliche Unterversorgung erleben. Vielleicht nicht in Köln, aber in der Eifel kann das anders aussehen“

Sie fürchten also kein Anwaltskanzleiensterben?

Ein Kanzleisterben würde einsetzen, wenn es keine Rechtsschutzversicherungen mehr geben würde. Was ich eher befürchte, ist ein demografisches Problem. Perspektivisch werden wir eine anwaltliche Unterversorgung erleben. Vielleicht nicht in einer Großstadt wie Köln, aber in der Eifel kann das anders aussehen.

Wie wird KI Ihr Unternehmen verändern?

KI wird unser aller Arbeit beeinflussen. Für uns von besonderer Bedeutung ist natürlich die rechtliche Beratung und die Deckungsprüfung im Rechtsschutz. Da können wir außerhalb Deutschlands sehr viel machen. Wir lassen unsere Anwältinnen und Anwälte durch KI in der Fallbearbeitung unterstützen. Das ist kein Zukunftsthema, sondern bereits Realität in den internen Prozessen. Das beginnt bei der Erfassung des Sachverhaltes, bei der Auswertung von Dokumenten, aber auch beim Verfassen von Schreiben an unseren Kunden. KI ist noch fehleranfällig, aber wir übernehmen die Qualitätssicherung mit unserer Rechtsexpertise.

Versicherungen waren früher eher steife Läden. Duzen Sie inzwischen ihre Kollegen und werden geduzt, gibt es einen Anzugs-Knigge bei der Arag?

Wir duzen uns. Wir haben das Du am 1. Juli 2020, eingeführt, mit einer Art Widerspruchsregelung. Das normale Ansprechen ist per Du und wer das nicht möchte, der soll Bescheid sagen. Das ist akzeptiert. Ich entschuldige mich dann, falls ich Menschen duze, die eigentlich zu siezen wären. Ich habe es aber noch nicht erlebt. Tatsächlich hat das zu einer 99-prozentigen Abdeckung des Duzens geführt.

Wie redet man in einem Bewerbungsgespräch miteinander?

Ich frage immer höflich, ob ich auch in einem Bewerbergespräch duzen darf. Das wird in der Regel bejaht. Denn ich möchte die andere Person kennenlernen. Und da ist es eigentlich immer ganz gut, wenn man Distanz abbaut.

Was die Kleiderordnung angeht, gibt es keine. Und da sind wir tatsächlich frei. Bei uns in den Vorstandssitzungen tauchen die Menschen in den unterschiedlichsten Kleidungen auf. Wobei die meisten ordentlich gekleidet sind, wenn sie in die Sitzung des Konzernvorstandes kommen. Allerdings ist das auch nicht vorgeschrieben.

Dann noch ein ganz kleiner Exkurs, weil wir eine Kölner Zeitung sind. Wie blicken Sie auf die wirtschaftliche Entwicklung Kölns?

Die Arag hat eine enge Verbindung nach Köln. Der Firmengründer Heinrich Faßbender war gebürtiger Kölner aus Köln-Pesch. Später hat er bis zu seinem Tod in Braunsfeld gelebt. Die Europa-Versicherung, die ihren Sitz an Melaten hat, ist auch eine Gründung von Heinrich Faßbender. Wir haben schon eine historische emotionale Verbundenheit zur Stadt Köln. Wirtschaftlich betrachtet sind Köln und Düsseldorf bedeutende Versicherungshochburgen, die gemeinsam auf Augenhöhe mit München aktiv sind.