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Schalke-Chef Clemens Tönnies
„Ich kenne den Präsidenten Putin gut“

Clemens Tönnies

Clemens Tönnies

Köln – Herr Tönnies, man sagt, Sie machen gute Geschäfte mit Russland und hätten ausgezeichnete Beziehungen zum russischen Präsidenten Putin. Verstehen Sie noch, was Putin in der Ukraine treibt?

Das ist auch bei intimer Kenntnis russischer Befindlichkeiten schwer einzuschätzen. Wo die wahren Gründe für diese verheerende Entwicklung liegen, kann glaube ich, keiner beurteilen, der nicht unmittelbar in die Entscheidungen einbezogen ist. Meine Erfahrung ist: Die Wahrheit kommt immer heraus. Aber das ist nicht mein Thema. Es gibt viele Betroffene. Das sind auf allen Seiten die Menschen und das reicht natürlich in die Wirtschaft hinein. Wir müssen nach vorne blicken. Die Beteiligten haben alle ihre Befindlichkeiten – auch Putin. Ich sage nur so viel: Er kann nicht nur agiert haben, er reagiert auch.

Wie meinen Sie das?

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Ich bin nicht allein in der Einschätzung: ich empfehle Zurückhaltung bei der möglichen Versuchung, die Ukraine in die EU zu holen.

Welche Risiken sehen Sie bei der Ukraine?

Ich kenne das Land gut, die Strukturen, die Menschen und ihre Lebensumstände. Hier fehlt gegenüber staatlichen Autoritäten, der Politik und den Behörden das Vertrauen. Sie haben wenig oder kein Vertrauen in die Regierung, die Polizei, die Justiz oder die Finanzbehörden. Sie in die Europäische Union zu holen, würde beide Seiten völlig überfordern. Und jetzt werden sie hin- und hergerissen.

Clemens Tönnies, geboren am 27. Mai 1956 in Rheda-Wiedenbrück, ist Geschäftsführer der Unternehmensgruppe „Tönnies Fleisch“, Besitzer der „zur Mühlen-Gruppe“ und seit 2001 Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04. Der Umsatz der Tönnies-Gruppe lag im Jahr 2013 bei rund 5,6 Milliarden Euro. Clemens Tönnies ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder. (ksta)

Das heißt, wir sollen sie aufgeben?

Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil: Sie brauchen unsere Hilfe, dieses Vertrauen in den nächsten Jahrzehnten wieder aufzubauen. Für den Weg von Besetzung und Annexion darf es kein Verständnis geben. Das ist eine Selbstverständlichkeit.

Sie haben Verständnis für den russischen Präsidenten?

Auf mich und mein Verständnis kommt es weniger an. Ich kenne den Präsidenten gut. Wichtiger ist, dass Angela Merkel erkannt hat, dass eine vernünftige Lösung in dem Konflikt nur mit Putin im Dialog zu erreichen ist. Das liegt im deutschen und europäischen Interesse. Sie macht da im Zusammenspiel mit dem Außenminister einen tollen Job.

Sie setzen sich also nachdrücklich für eine Deeskalation ein?

Tönnies: Unbedingt! Noch einmal: ich bin kein Politiker, ich beobachte das wie Sie von außen, habe aber auch viele unmittelbare Begegnungen mit den Menschen, mit ihren unterschiedlichen Interessen und in ihren unterschiedlichen Funktionen. Da bin ich sehr froh, dass unser Außenminister Frank-Walter Steinmeier sein diplomatisches Bemühen um eine friedliche Lösung nicht aufgibt. Russland braucht die EU, sicher. Aber Deutschland und die EU brauchen auch Russland.

Kommen wir zum Tönnies-Imperium. Wie geht es jetzt nach dem Urteil des Oberlandesgerichtes Hamm weiter, das Ihr doppeltes Stimmrecht kassiert hat?

Das Wort Imperium mag ich nicht. Wir sind ein national und international erfolgreiches Lebensmittelunternehmen. Die Entscheidung zum Stimmrecht hat für das operative Geschäft und für die weitere Entwicklung unseres Unternehmens keine größere Bedeutung. Wir sind so aufgestellt, dass wir alle Entscheidungen treffen können. Ich habe im Übrigen, bis der Gesellschafterstreit begann, auch nicht von meinem doppelten Stimmrecht Gebrauch machen müssen. Wir haben uns letztlich immer geeinigt im Sinne des Unternehmens.

Aber Ihr Neffe Robert will noch mehr, er will seine Ihnen geschenkten fünf Prozent Gesellschaftsanteile zurück.

Dem sehe ich gelassen entgegen. Die vermeintlichen Vorwürfe sind konstruiert. Das hat sich in Teilen ja auch schon gezeigt, etwa bei der Anteilsübertragung, die ich mit meinem Bruder vereinbart hatte. Da gab es schon entsprechende gerichtliche Statements. Wie gesagt: die Wahrheit kommt am Ende immer raus. Und eines ist auch klar: Das Unternehmen hat sich in den vergangenen 20 Jahren komplett verändert und erneuert. Bei aller großen Dankbarkeit, die ich für das Lebenswerk meines Bruders Bernd empfinde, hat Tönnies 2015 nur noch ganz wenig von der Firma Tönnies im Jahr 1994, als mein Bruder starb. Damals waren wir in einer sehr schwierigen Situation und wirtschaftlich nicht sehr stabil. Heute stehen wir sehr gut da.

Wie lange müssen Sie noch mit dem Streit leben, wann kehrt Ruhe ein?

Vielleicht dauert es noch ein Jahr, vielleicht noch fünf, vielleicht zehn Jahre, wer weiß das schon genau. Das liegt einzig bei meinem Neffen und seinen Anwälten.

Können Sie sich noch eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Neffen in der Firma vorstellen?

Ich bin weiterhin gesprächsbereit. Auch die Mitarbeiter erwarten zu Recht, dass die Gesellschafter Mitspieler oder Mannschaftsspieler sind, auf keinen Fall aber Gegenspieler. Aber an meinen Neffen Robert kommt anscheinend niemand heran, er wird komplett abgeschirmt von seinen Anwälten.

Wie nah geht Ihnen der Familienzwist?

Ich habe es vorher nicht gekannt, dass in unserer Familie gestritten wird. Mit meinem großen Bruder Bernd habe ich öfter um die Sache gezankt, aber Streit hatten wir nie, es gab immer eine Lösung.

Kennen Sie ein vermeintliches Strategiepapier Ihres Neffen, das es geben soll?

Die einzige Strategie scheint zu sein, dass ich aus dem Unternehmen gedrängt werden soll, um es dann an Investoren zu verkaufen. Das hat ja Methode.

Sie stehen sicher noch unter dem Eindruck des Schalker 4:3-Sieges bei Real Madrid?

Ich bin unheimlich stolz auf die Jungs und habe jeden Spieler nachher in den Arm genommen. Ich hatte vorher schon das Gefühl, dass bei Real etwas geht. Nach der Schlappe gegen Dortmund und deutlichen Worten auch von mir hat die Mannschaft das Gesicht gezeigt, das wir sehen wollen.

Auf Schalke wird seit Jahrzehnten von der Deutschen Meisterschaft geträumt. Sind Titelgewinne noch möglich gegen die Macht des Geldes in München oder der Werkklubs in Wolfsburg, Leverkusen und Leipzig?

Zunächst einmal glaube ich, dass Bayern München nicht auf Jahre der Bundesliga-Konkurrenz außer Sichtweite davoneilen wird. Bei den Bayern werden auch wieder etwas schwächere Zeiten kommen, wie wir sie gerade bei Real Madrid oder zuvor bei Barcelona auch erlebt haben. Dennoch wird es für den Rest der Liga immer schwerer, gegen die scheinbar unbegrenzten finanziellen Mittel einiger Vereinssponsoren zu bestehen.

In England sind die TV-Einnahmen der Klubs in der Premier-Liga auf über sieben Milliarden Euro gestiegen ...

... was für uns bedeutet, dass die Spielergehälter weiter steigen. England wird mit wahnsinnigen Summen Spieler locken, die auch für uns interessant sind. Schalke wird dann einen Lizenzspieleretat von 130 statt 85 Millionen Euro benötigen, wenn wir regelmäßig Champions League spielen wollen. Auf der anderen Seite ist auch klar, dass Klubs mit einem Etat von 35 Millionen gegen den Abstieg spielen.

Und dann sammeln Sie von jedem Vereinsmitglied 1000 Euro ein und können mithalten?

Nein. Ich bin doch nicht bekloppt und verlange von jedem Mitglied aus dem Fanblock 1000 Euro. Zumal ich immer die Freiwilligkeit und die Zustimmung der Mitglieder zu meinem Vorschlag betont habe. Aber ich glaube, es gibt Vereinsmitglieder, die bei ihren Einkommensverhältnissen gerne und problemlos 1000 Euro oder mehr für Schalke geben würden, um dafür die Vereinsstruktur zu erhalten.

Es gibt auch andere Finanzierungsmöglichkeiten wie zum Beispiel als Aktiengesellschaft.

Wir sind und bleiben ein eingetragener Verein, alles andere kommt aus meiner Sicht nicht in Frage. Ohnehin können wir doch im Ruhrgebiet stolz sein, wenn zwei große Clubs wie Schalke und Dortmund mit 30 Kilometer Distanz sich in der Spitze des deutschen Fußballs etabliert haben.

Den Schlachthof Gausepohl in Dissen haben Sie kürzlich nicht übernommen, aber gleichwohl wollen Sie im Segment Rindfleischproduktion wachsen. Wo suchen Sie neue Schlachthof-Standorte für Rinder?

Nach der BSE Krise ist das Verbrauchervertrauen zurück und die Deutschen verzehren wieder mehr Rindfleisch. Wir suchen derzeit nach einem neuen Standort für einen Schlachthof. Es kann sein, dass wir in Norddeutschland fündig werden.

Das Mindestlohngesetz greift seit Beginn des Jahres. Sehen Sie in Ihrem Unternehmen und der gesamten Branche bereits erste Auswirkungen?

Der Mindestlohn ist auch in unserer Branche vollkommen richtig. Wir haben ihn aktiv mit nach vorne getrieben, weil die gesamte Branche aus der Ecke raus muss, die Menschen nicht gut zu behandeln. Wir haben uns aber dafür eingesetzt, dass wir noch weiter gehen und im Bereich der Werkverträge auch feste Vereinbarungen treffen über die Unterkünfte, die Mieten und die Integration der Menschen. Wir brauchen und wollen diese Arbeitnehmer dauerhaft. Entsprechend müssen wir sie behandeln.

Sie setzen sich auch für bessere Haltungsbedingungen der Tiere und für deren Wohl allgemein ein. Wie sieht das neue Bündnis von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel aus?

Die Initiative im Bereich Tierwohl ist ein Novum. Die Idee kam aus unserem Hause. Ich bin sehr froh, dass es mir gelungen ist, den gesamten Handel hinter diese Initiative zu bringen. Erstmals haben wir es damit geschafft, die Wertschöpfungskette vom Bauern bis zum Händler für ein gemeinsames Vorgehen zu gewinnen. Am Ende sollen sich die Haltungsbedingungen der Tiere flächendeckend immer weiter verbessern. Der Erzeuger, der das mit macht, bekommt zusätzliche Einnahmen, die der Handel und damit letztlich auch der Verbraucher bezahlen. Damit haben wir einen Meilenstein geschaffen.

Das Gespräch führten Peter Pauls, Ralf Geisenhanslüke, Thomas Seim und Jörg Wagner

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