Ricarda Hofmann moderierte das Hauptprogramm des CSD in Berlin und war hinter der Bühne, als der Anschlag geschah. Im Interview berichtet sie von der Angst und warum Solidarität wichtiger ist denn je.
Kölnerin moderierte Berliner CSD-ProgrammRicarda Hofmann: „Wir müssen jetzt präsenter sein denn je“

Ricarda Hofmann ist erfolgreiche Podcasterin der ersten Stunde („Busenfreundin“) und als Queer-Aktivistin bekannt.
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Frau Hofmann, Sie haben am Samstag als queere Aktivistin und Podcasterin das Hauptprogramm des CSD in Berlin moderiert. Wie haben Sie den Moment erlebt, als Sie von dem Anschlag erfahren haben?
Als es passierte, war ich kurz hinter der Bühne. Ich habe Wasser getrunken und wusste, ich muss gleich wieder hoch für den nächsten Act.
Ricarda Hofmann Plötzlich kamen Leute auf mich zu, fast schon rennend, und sagten, dass wir abbrechen und das Bühnenprogramm vorbei ist. Es hieß, wir müssten runter vom Gelände, und da entstand natürlich in mir Panik. Wir wurden dann in Autos evakuiert und ich dachte in dem Moment, dass es sich wohlmöglich um einen Schützen handeln könnte. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich hatte Angst, weil ich dachte, das war es jetzt, irgendwer wird hier heute was machen. Wir sind dann Richtung Adlon Hotel und haben dort einen Unterschlupf gesucht. Wir wussten nicht, was los war. Ich habe die ganze Zeit mein Handy aktualisiert und die Nachrichten verfolgt. Das Schlimmste war diese Unwissenheit, die Ängste der Menschen zu spüren, die Sirenen und die Hubschrauber im Hintergrund zu hören. Ich habe eine Art Ohnmacht empfunden, die gepaart war mit Angst.
Der CSD Berlin hat aus meiner Sicht wirklich sehr gut die Situation gemeistert und großartige Arbeit geleistet. Das ist wahrscheinlich superschwer, das in so einer Situation hinzukriegen.

Das Bild zeigt Richarda Hofmann beim 48. Christopher Street Day 2026 am Brandenburger Tor - bevor sich der Anschlag ereignete.
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Wann wussten Sie, was passiert ist?
Ehrlicherweise kam eine Entwarnung erst, als der mutmaßliche Täter gefasst beziehungsweise erschossen wurde. An dem Abend des Vorfalls habe ich mit Menschen gesprochen, die gesagt haben, dass sie jetzt die U-Bahn nach Hause nehmen. Für mich war das ausgeschlossen. Ich habe mich das nicht getraut. Ich habe ein Uber in mein Hotel genommen. Die Stadt war voll und wir standen lange im Stau. Immer wieder hörte man Hubschrauber, Krankenwagen und Sirenen. Als ich im Hotel war, konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Ich habe viel geweint. Es ging mir super nah.
Als ich erfahren habe, dass eine Person getötet wurde, war das wirklich schlimm für mich. Es ist schlimm, dass jemand, der auf einer Demonstration für gleiche Rechte ist, sein Leben lassen muss. Ich finde keine Worte dafür. Am nächsten Tag, als ich in den Zug nach München gestiegen bin, ist die Polizei mit Maschinengewehren durch den ICE gelaufen. Als ich in München ausgestiegen bin, habe ich überall Polizeipräsenz gesehen. Auch das Bild von dem mutmaßlichen Täter … das macht was mit einem.
Merken Sie denjenigen, die beim CSD waren, noch immer eine Anspannung an?
Ich glaube, dass es was mit den Menschen macht, das Bild des mutmaßlichen Täters überall zu sehen. Ich verstehe, dass die Leute und auch die queere Community Angst haben. Aber ich glaube, dass wir jetzt Ruhe bewahren müssen und jetzt nicht einknicken und nicht weggehen dürfen. Wir müssen sichtbarer denn je sein. Und das ist etwas, was nicht leicht ist. Für mich auch nicht. Eine der ersten Dinge, an die ich gedacht habe an dem Tag nach dem Anschlag, war: Was mache ich mit meiner Tour? Ich bin ab Herbst auf Tour und rede über queere Themen. Muss ich Angst haben? Muss ich die aufhören zu veranstalten? Muss ich eine Konsequenz daraus ziehen? Nein. Jetzt erst recht. Das ist für mich wichtig, diese Haltung jetzt einzunehmen.
Was hat der Tag mit Ihnen gemacht?
Es ist nicht selbstverständlich, sichtbar zu sein. Der Tag hat mich insofern verändert, dass ich mich frage: Muss ich Angst haben, um auf eine Großdemonstration zu gehen und für meine Rechte einzutreten? Ich habe das in den letzten Monaten für selbstverständlich gehalten, dass ich öffentlich über Queerness reden kann und ich einen queeren Podcast mache. Aber nein, ist es nicht. Es ist für einige Menschen kaum ertragbar, dass ich auf der Straße Händchen haltend mit meiner Freundin langlaufe. Für Menschen, die sichtbar queer sind, transidente Menschen, ist es noch viel schlimmer.
Was wünschen Sie sich jetzt von queeren und nicht queeren Menschen?
Wir müssen jetzt präsenter sein denn je. Wir müssen alles in unserer Macht tun. Ganz wichtig sind Allies (Verbündete), also konkret auch nicht queere Menschen in diesem Fall. Es ist wichtig, dass alle Menschen, die Hass, Gewalt und die Spaltung unseres Landes nicht tolerieren, auch auf den CSD gehen. Dass sie auch präsent sind und queere Menschen unterstützen. Auch in den Kommentarspalten. Das hat so eine Macht. Wir müssen versuchen, Hass, den wir sehen, sofort zu melden. Ich würde sagen, in erster Linie ist es wichtig, dass Menschen, die nicht queer sind, sich jetzt mit den queeren Menschen solidarisieren.
Zur Person
Ricarda Hofmann moderiert seit 2018 den LGBTIQ-Podcast „Busenfreundin“. Unter anderem schrieb sie für „Nightwash“ (Sat.1) und „Princess Charming“, Staffel 1 (RTL+). Im Juni wurde sie mit dem Verdienstorden des Landes NRW für ihr herausragendes Engagement für queere Sichtbarkeit ausgezeichnet. Im Herbst 2026 plant sie eine Deutschlandtour mit ihrem Programm „Special Interest“. Sie lebt in Köln.
