William Odindo sah ein Spiel im Müngersdorfer Stadion — und gründete daheim einen Verein, der das Leben von vielen Menschen veränderte.
Nach Besuch im Müngersdorfer StadionWie ein Kenianer den 1. FC Köln nach Afrika brachte

Der FC Cologne Kisumu wird eine Spende des Frechener Vereins „Project One to One“ überreicht, im Hintergrund die Flagge des 1. FC Köln.
Copyright: Christian Pietschner
Es ist kurz nach fünf, als in der kenianischen Ortschaft Kajulu endlich angepfiffen wird — mit zwei Stunden Verspätung. Im Dorf ist jemand gestorben, viele Spieler des FC Cologne Kisumu nahmen an der Beerdigung teil und fanden erst danach ihren Weg aufs Feld. Alle warteten geduldig.
Zwischen Palmenblättern hängt eine Fahne des 1. FC Köln. In Rot spielen sie heute, die Männer des FC Cologne Kisumu, auf einem Ascheplatz, der einer Mondlandschaft gleicht — Krater, Hügel, Schlaglöcher. Tribünen gibt es keine. Die Zuschauer haben sich auf Bäumen niedergelassen, im Graben, am Spielfeldrand.

Während der Siele klettern die Zuschauer auf Palmen, um eine bessere Übersicht über das Spielgeschehen zu haben.
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Händler verkaufen getrocknete Minifische. Es ist Ende Januar, ein warmer Samstag in Kenia. So hat es eine Kölnerin geschildert, die in Kajulu als freiwillige Helferin im Einsatz war.
Nach Vorbild des 1. FC Köln
Die Geschichte des afrikanischen Vereins, der den 1. FC Köln als großes Vorbild sieht, ist eine außergewöhnliche — und sie beginnt Ende der achtziger Jahre, als die Mutter von Caleb Odindo mit seinem deutschen Stiefvater und seiner Schwester von Kenia nach Deutschland kommt.
Er wuchs in Frechen auf, machte das Fachabitur, eine Ausbildung zum Bürokaufmann, eine Weiterbildung zum Finanzbuchhalter. Er wurde Karnevalsjeck und großer FC-Fan. Sein Bruder William Odindo blieb in Kajulu, wuchs bei einer Tante auf, zog irgendwann in das Haus der Mutter, kämpfte sich durch. Kajulu ist eine dörfliche Gegend im äußersten Westen Kenias, etwa 15 Kilometer von der Hafenstadt Kisumu entfernt, die am Ufer des Victoriasees liegt. Nicht einmal Touristen verirren sich dorthin. Viele Jahre sehen sich die Brüder nicht.
Bis Caleb beschließt, etwas zurückzugeben. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Nachbarn baut er mit Spenden aus dem Bekanntenkreis eine Vorschule in Kajulu auf — die St. Raphael Nyawan Nursery School. 80 Kinder zwischen drei und fünf Jahren lernen dort Englisch, lesen, schreiben, rechnen, sie bekommen Mahlzeiten, die Lehrer unterrichten ehrenamtlich. So entsteht Project One to One im Jahr 2015: ein Frechener Verein, jeder gespendete Euro fließt eins zu eins in die Projekte vor Ort.

William Odindo, der Gründer des FC Cologne Kisumu
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Ende 2019 besucht William seinen Bruder zum ersten Mal in Frechen. Calebs Freunde nehmen ihn mit ins Müngersdorfer Stadion. Der 1. FC Köln gewinnt. Und weil das Team zuvor mehrfach verloren hatte, erklären sie lachend, William sei das Glück des Klubs. William nimmt den Scherz ernst. „Das hat mich inspiriert“, sagt er. „Ich wollte die Liebe, die Freundschaft der Menschen aus Köln ehren. Ich hatte Angst vor Rassismus — aber niemand zeigte mir das. Es war eine wunderbare Erfahrung.“ Er nimmt eine Fahne mit in sein Gepäck, ehe er sich Wochen später auf den Heimweg macht.
Corona-Pandemie versetzt Kenya in Alarmzustand
Dort trifft er zwei Tage nach seiner Rückkehr auf eine Welt im Ausnahmezustand. Die Regierung schließt wegen der Corona-Pandemie alle Schulen. Mädchen werden früh verheiratet. Andere schwanger. Manche leisten Zwangsarbeit. Auf einem alltäglichen Spaziergang durch Kajulu sieht William eine Gruppe Jungs zwischen zehn und 14 Jahren — sie spielen Fußball mit einem Ball aus alten Plastiktüten. Er kauft ihnen einen richtigen Ball. Immer mehr kommen dazu. Einen Namen braucht die Mannschaft. „Das Erste, was mir in den Sinn kam, war der 1. FC Köln. Ich habe das Team nach dieser Stadt benannt – als Erinnerung an einen schönen Ort mit warmherzigen Menschen.“

Gespielt wird auf einem Ascheplatz in der Ortschaft.
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So entstand der FC Cologne Kisumu. William baut eigenhändig eine vollständige Vereinsstruktur auf: Teammanager, Trainer, Sekretär, Kassenwart, Organisatoren — alle ehrenamtlich. Es gibt eine U 12, eine U 18, eine Frauenmannschaft und eine offene Mannschaft für alle Altersgruppen. Mittlerweile hat der Klub eine Regionalmeisterschaft gewonnen und spielt in der Sub-County-League Kisumu — dem kenianischen Pendant zur deutschen Verbandsliga.
Was der Verein leistet, lässt sich an einer Geschichte ablesen. Charles Opiyo, mit der Trikotnummer 5, Spitzname „Pablo“, wuchs als Waisenkind bei seiner Großmutter auf, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug. Mit 14 begann er, die Schule zu schwänzen, geriet in schlechte Gesellschaft.
Ein Freund brachte ihn zum FC Cologne Kisumu. Die Bedingung: regelmäßiger Schulbesuch, Disziplin im Training. Die Trainer wurden zu Mentoren — sie sprachen mit Lehrern, besuchten ihn zuhause, wenn er ausblieb. Binnen eines Jahres verbesserten sich seine Noten, er distanzierte sich von den alten Einflüssen. Mit 18 half er, jüngere Teams zu trainieren.
Aus dem Topf von Project One to One überweist Caleb dem Verein seines Bruders finanzielle Hilfen: für Bälle, Anmeldegebühren, das Nötigste. Kein Sponsoring kommt hinzu, keine Förderung, keine Infrastruktur. Wer zu einem Auswärtsspiel will, muss die Fahrtkosten oft selbst tragen — was talentierte Spieler aus ärmeren Haushalten schlicht ausschließt.
Trikots werden geteilt und geflickt, Bälle so lange benutzt, bis sie keinen Druck mehr halten. Einen eigenen Platz gibt es nicht, einen Fitnessraum erst recht nicht. Großstadtklubs ziehen die Sponsoren an, der FC Cologne Kisumu bleibt unsichtbar. „Es bringt die Leute eben zusammen“, sagt Caleb. „Man merkt: Die spielen von Herzen.“

Die Zuschauer versammeln sich während des Spiels an der Seite des Fußballfeldes.
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Zurück auf dem Platz in Kajulu. Man hat sich auf 60 Minuten geeinigt — sonst wird es zu dunkel. Einige Spieler laufen barfuß, weil sie keine Schuhe haben. In der sechsten Minute der zweiten Hälfte fällt das 0:1. Der FC Cologne Kisumu erarbeitet sich noch zwei, drei gute Chancen, doch die Niederlage bleibt. Zumindest auf dem Platz. Betrachtet man, was dieser Verein Menschen bietet, die sonst nur wenig hätten — einen Trainingsplatz, eine Mannschaft, eine Aufgabe —, dann ist allein seine Existenz ein Sieg. Mehr Informationen sind auf der Website www.project-one-to-one.com zu finden.