Abo

Gerhart-Baum-PreisAnwältin Eren Keskin kritisiert Türkei und sagt: „Ich begehe gerade eine Straftat“

3 min
Preisträgerin Eren Keskin (Bildschirm), Moderatorin Bettina Böttinger, Politikerin Berivan Aymaz und Stifterin Renate Liesmann-Baum

Preisträgerin Eren Keskin (Bildschirm), Moderatorin Bettina Böttinger, Politikerin Berivan Aymaz und Stifterin Renate Liesmann-Baum

Die Kölner Politikerin Berivan Aymaz kündigt während der Preisverleihung an, erstmals seit acht Jahren wieder in die Türkei zu reisen. 

Der Stuhl von Eren Keskin, die am Sonntagmittag im Kölner Comedia-Theater den Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis erhielt, blieb leer: Die 67-jährige Menschenrechtsanwältin darf die Türkei seit fast zehn Jahren nicht verlassen. Mehr als 140 Strafverfahren hat die türkische Justiz gegen sie eingeleitet, die meisten, weil sie sexuellen Missbrauch staatlicher Sicherheitskräfte anprangert, weil sie die Vertreibung und Ermordung der Armenier vor mehr als 100 Jahren als Genozid bezeichnet und einen eigenen Staat für die kurdische Minderheit fordert. Dafür drohen der Juristin mehr als 26 Jahre Haft.

Präsent ist Keskin am Sonntag in Köln trotzdem: Sie ist per Video aus Istanbul zugeschaltet. Mit ihrem charakteristischen Lidstrich, dunkelrotem Lippenstift und mit ihrer kritischen Stimme, die sie trotz Repressalien und im Bewusstsein, jederzeit inhaftiert werden zu können, seit Jahrzehnten erhebt: Der Türkei wirft Keskin bei ihren Dankesworten „ein falsches Geschichtsverständnis“ vor: Der türkische Staat, den sie nur „die Region“ nennt, versuche, die verschiedenen Identitäten „in eine einzige türkisch-sunnitische Identität zu pressen. Wir leben aber in einer Region, in der der Völkermord an den Armeniern begangen wurde, in dem die Kurdenfrage ungelöst ist, all das prägt unser Bewusstsein“.

Eren Keskin erhielt bereits 2004 den Aachener Friedenspreis. (Archivbild)

Eren Keskin erhielt bereits 2004 den Aachener Friedenspreis. (Archivbild)

Die Türkei sei „ein totalitärer Staat“, sagte Keskin, „in dem auch viele Regimegegner aus Sorge, inhaftiert zu werden, rote Grenzen nicht überschreiten“. Sie selbst tat das während der Preisverleihung ganz bewusst: „Was ich hier heute sage, ist wahrscheinlich wieder eine Straftat, es wir Leute geben, die das hören, die Ermittlungen einleiten“, sagte sie. „Gibt es genug Widerstand in der Türkei? Meiner Meinung nach nicht. Aber man kann nicht von jedem verlangen, seine Freiheit aufs Spiel zu setzen.“

Der leere Stuhl der Preisträgerin ist Zeugnis für Eren Keskins Macht und die Angst des Staates vor einer unbeugsamen Frau
Murad Bayraktar, Journalist und Laudator

Der leere Stuhl der Preisträgerin sei „Zeugnis für Eren Keskins Macht und die Angst des Staates vor einer unbeugsamen Frau“, sagte Journalist Murad Bayraktar, der in Vertretung des kurzfristig erkrankten Osman Okkan die Laudatio hielt. Mit dem Kölner Politiker und Menschenrechtler Gerhart Baum, der im vergangenen Jahr gestorben war, „teilt Keskin die Haltung zu Menschenrechten, die nie nur eine Fußnote der Realpolitik sein dürfen“.

Dass es für die eigene Freiheit gefährlich sein kann, offen über die Geschichte zu sprechen und die eigene Meinung kundzutun, ist in Deutschland schwer vorstellbar. Viele Menschen im Publikum wie der für zehn Monate in der Türkei inhaftierte Adil Demirci, die aus dem kurdischen Dersim Musikerin stammende Musikerin Dilan Top (, die mit ihrem Trio den musikalischen Rahmen bildete) oder die Landtagsvizepräsidentin Berivan Aymaz (Grüne), wissen sehr gut, was das bedeutet. Viele sind bewegt von Keskins Worten. Gerhart Baums Witwe Renate Liesmann-Baum kündigt an, den Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis noch zu erweitern, um das Zeichen der internationalen Solidarität mit Menschen, die für die Freiheit ihre Freiheit aufs Spiel setzen, zu verstärken.

Gruppe mit Renate Liesmann-Baum, Bettina Böttinger, Berivan Aymaz, Murad Bayraktar, Dilan Top, Beate Wolff und Sertac Sanli

Renate Liesmann-Baum (Mitte, mit Blumen) kündigte an, den Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis weiter auszubauen.

Gerhart Baum habe so genau wie nur wenige andere gewusst, wie gefährlich es sein könne, sich für Menschenrechte einzusetzen, sagte Bürgermeisterin Derya Karadag in ihrem Grußwort. „Mit seinem Engagement gegen Überwachungsexzesse, für Freiheitsrechte und gegen Gleichgültigkeit war er eine moralische Stimme dieses Landes“. Der Preis für Eren Keskin sei ein „sehr starkes und wichtiges Zeichen“.

Berivan Aymaz kritisierte im Gespräch mit Moderatorin Bettina Böttinger, dass ein türkisches Gericht vor wenigen Tagen die Spitze der kurdischen Oppositionspartei CHP abgesetzt habe – vier Tage, nachdem der türkische Außenminister Hakan Fidan vom deutschen Außenminister Johann Wadephul empfangen worden war. „Worüber haben die beiden Männer gesprochen?“, fragte Aymaz. Acht Jahre ist die kurdischstämmige Politikerin nicht in die Türkei gereist – auch, weil sie befürchtete, dort wegen ihrer regimekritischen Haltung Probleme bekommen zu können. Den Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis werde sie zum Anlass nehmen, nach Istanbul zu reisen, kündigte sie an Eren Keskin gerichtet an. „Wir werden dort gemeinsam Freiheit erleben.“