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„Exorbitante Mengen“40 Tonnen Kokain geschmuggelt – Hohe Haftstrafen für Kölner Bande

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Zwischen Kisten mit Ananas und weiteren Waren versteckten Drogenschmuggler im aktuellen Fall insgesamt 40 Tonnen Kokain

Zwischen Kisten mit Ananas und weiteren Waren versteckten Drogenschmuggler im aktuellen Fall insgesamt 40 Tonnen Kokain

Es sei ein einzigartiger Fall, sagte der Vorsitzende Richter bei seiner Urteilsbegründung im Landgericht Köln.

Es war der wohl größte Drogenprozess in der Geschichte der Bundesrepublik: Hohe Haftstrafen hat das Kölner Landgericht am Donnerstag gegen die Mitglieder einer Bande verhängt, die am Transport von 40 Tonnen Kokain aus Südamerika nach Deutschland beteiligt waren – darunter frühere Mitglieder des berüchtigten Hells-Angels-Charters „Rhine Area“. Haupttäter Ümit D. muss vierzehneinhalb Jahre ins Gefängnis – er erhielt trotz Geständnisses die fast maximal mögliche Strafe. Einen Freispruch hatte sich ein Unternehmer erhofft, der Briefkastenfirmen für D. eröffnet hatte. Er muss elf Jahre in Haft.

Köln: Richter spricht von exorbitanten Mengen an Kokain

„Diese Mengen sind exorbitant und ragen extrem aus dem Normalgeschäft heraus“, sagte Richter Stephan Aderhold in Saal 210 des Kölner Justizgebäudes. Der Richter urteilt seit knapp 20 Jahren über Drogendelikte: „Ich hatte mal ein Verfahren mit 1,5 Tonnen Kokain, jetzt sprechen wir über 40 Tonnen.“ Der Straßenverkaufswert liegt bei 2,6 Milliarden Euro. Mehrere Kollegen hätten Aderhold, wohl eher im Spaß, zu dem Verfahren gesagt: „Das ist ja einfach: Jeder Angeklagte bekommt 15 Jahre.“ Eine höhere Straferwartung sieht das Strafgesetzbuch tatsächlich nur bei Tötungsdelikten vor.

Sieben Angeklagte mussten sich im Prozess um 40 Tonnen Kokain vor dem Landgericht Köln verantworten.

Sieben Angeklagte (im Saal mit Verteidigern, Dolmetschern und Wachtmeistern) mussten sich im Prozess um 40 Tonnen Kokain vor dem Landgericht Köln verantworten.

Dass der Hauptbeschuldigte Ümit D. nur sechs Monate unter dieser Maximalgrenze liegt, sei in Anbetracht des umfassenden Geständnisses und der geäußerten Reue sicher „bitter“ für den Angeklagten, so der Richter. Doch die Strafe müsse sich an der Menge der geschmuggelten Drogen orientieren. Aderhold: „Und dann fällt das Gewicht eines Geständnisses nicht mehr so hoch aus.“ Für gewöhnlich wird ein Geständnis erheblich strafmildernd gewertet – darauf hatten die Verteidiger Leonhard Mühlenfeld und Markus Loskamp spekuliert und nicht mehr als elf Jahre Haft gefordert.

Laut Urteilsbegründung hatte Ümit D. ab Mai 2022 Kontakt mit Hintermännern aus der Türkei, die wiederum im Austausch mit Drogenhändlern aus Südamerika standen. Während die Komplizen im Ausland für den Versand der Großmengen an Kokain auf dem Schiffsweg zuständig waren, sollte D. in Deutschland die Logistik steuern. Mehrere Männer hatte er laut Gericht angeworben – arbeitsteilig waren diese zuständig für Zollabfertigungen, Firmengründungen oder dem Umladen der heißen Ware auf LKW und den Abtransport vom Hamburger Hafen zu einem angemieteten Lager in Niedersachsen.

Köln: Drogen waren versteckt zwischen Bananenkisten

Das Kokain war versteckt in Lieferungen von Bananen, Ananas, Weizenmehl oder hochwertigen Holzplatten. Große Frachtschiffe können 24.000 Container transportieren – es ist daher für die Behörden praktisch unmöglich, alles zu kontrollieren. Durch vorherige Tipps konnte jedoch fast die gesamte Schmuggelware sichergestellt werden – in einem Fall entwischten die Täter jedoch mit fünf Tonnen der Droge. Über zehn Drogenlieferungen wurde im Landgericht verhandelt. Den größten Fund machten die Behörden im Juli 2023 – unter Sesam versteckt fanden sie 12,5 Tonnen Kokain.

In diesem Lastwagen stellten die Ermittler eine große Menge der Drogen sicher.

In diesem Lastwagen stellten die Ermittler eine große Menge der Drogen sicher.

Über ein undurchsichtiges Firmenkonstrukt hatte Ümit D. seine Identität zunächst verschleiert. Er hatte einen Unternehmer engagiert, der Firmen gegen Entgelt gründete und als Gesellschafter fungierte. Der sonst redlich tätige Geschäftsmann sei laut Richter in die Fänge des Bandenbosses geraten – und habe sich nicht mehr lossagen können, als er die kriminellen Machenschaften erkannt habe. Dass der Geschäftsmann nicht gewusst haben wollte, Drogengeschäfte zu unterstützen, nahm das Gericht ihm nicht ab. Zumal er selbst auch hohe Überweisungen nach Südamerika getätigt habe.

Als Kronzeuge galt im Verfahren der 32-jährige Habib I., der schon im Ermittlungsverfahren Ross und Reiter genannt hatte. Als einer der Hintermänner in der Türkei hatte er den früheren Kölner Rockerboss Kamil S. benannt. Inzwischen fürchtet I. um sein Leben – zuletzt wurde in Eitorf auf das Haus seines Bruders geschossen. Seine Aufklärungshilfe wurde laut Richter honoriert – trotzdem muss Habib I. elf Jahre in Haft. Rechtskräftig sind die hohen Strafen für die Angeklagten nicht. Dem Vernehmen nach erwägen mehrere Verteidiger die Einlegung von Revision zum Bundesgerichtshof.

Köln: Justizminister sprach von „Kinnhaken, der den Drogenbossen wehtut“

Den Anstoß zu den Ermittlungen in dem Fall gaben Hinweise kolumbianischer Behörden. Fahnder von Zoll und Landeskriminalamt Baden-Württemberg identifizierten insgesamt neun Frachtcontainer und veranlassten deren Abfangen. Geführt wurden die Ermittlungen gemeinsam vom Zollkriminalamt, dem Zollfahndungsamt Stuttgart, dem LKA Baden-Württemberg sowie einer bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf angesiedelten Sonderstelle zur Bekämpfung organisierter Kriminalität. Aufgrund der Wohnorte der Hauptbeschuldigten wurde der Fall letztlich in Köln verhandelt.

NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) sprach nach der Festnahme der Bande im Juni 2024 von einem „Coup“ der deutschen Sicherheitsbehörden. Die Sicherstellung und Vernichtung einer so großen Kokainmenge sei ein „präziser Kinnhaken, der den Drogenbossen wehtut“. Die Kartelle erwirtschafteten mit ihren illegalen Geschäften riesige Gewinne und unterhöhlten damit die legalen Wirtschaftsstrukturen. Der Leiter des Zollkriminalamts, Tino Ingelmann, betonte, es handele sich um die bislang größte in einem deutschen Ermittlungsverfahren sichergestellte Gesamtmenge Kokain.

Die von Jahr zu Jahr wachsenden Beschlagnahmemengen deuteten auf eine „anhaltende Kokainschwemme“ auf dem Schwarzmarkt hin. Allein im Jahr 2023 wurden in Deutschland rund 43 Tonnen Kokain abgefangen. Drogenkartelle transportieren Kokain aus südamerikanischen Anbauländern wie Kolumbien und Peru überwiegend in Containern über den regulären Seefrachtverkehr. Europäische Häfen wie Rotterdam, Antwerpen und Hamburg fungieren als zentrale Einfallstore. Zuletzt schlossen sich mehrere EU-Staaten zusammen, um dem entgegenzuwirken.