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„Es ist beschämend“Drogenszene in der Keupstraße – Schandmal statt Mahnmal in Mülheim

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27.02.2026, Köln: Auf der Keupstraße Ecke Schanzenstraße verkommt ein Gelände mit alten Fabrikhallen zu einem Hotspot von Drogenabhängigen. Ursprünglich sollte an dieser Stelle eine Gedenkstätte für die NSU-Opfer entstehen. Foto: Arton Krasniqi

Einblick ins Innere der alten Industriehallen.

Dort, wo ein Mahnmal an die Opfer des Nagelbombenattentats erinnern soll, haben sich Obdachlose und Drogensüchtige niedergelassen. Es gibt Kritik an der Stadt.

Dort, wo ein Mahnmal an die Opfer des Nagelbombenattentats in der Keupstraße erinnern soll, stinkt es nach Fäkalien. Die Räume sind zugemüllt, ein Zimmer dient als Toilette. Auf dem Boden: Blutspuren. Menschen rauchen hier Crack und spritzen Heroin, essen, trinken, schlafen – und hinterlassen alles.

Ein Teil der Kölner Drogenszene hat das Industrieareal an der Keupstraße, Ecke Schanzenstraße, das dem Düsseldorfer Immobilienentwickler Gentes gehört, für sich entdeckt. Vor einem Jahr sollen es zunächst vier oder fünf gewesen sein, inzwischen sind es Anwohnern zufolge mindestens 15. Die Stadt Köln spricht auf Anfrage von „obdachlosen, drogengebrauchenden Menschen, die mehrere Gebäudeteile als Schlafstätte und zum Konsum nutzen“. Mitarbeitende des Aufsuchenden Suchtclearings gehen davon aus, dass es sich um Menschen aus Mülheim und Kalk handelt.

Drogenszene in Mülheim – viele Süchtige wohl aus Kalk

Die Polizei hält es für möglich, dass ein Teil der Szene vom Wiener Platz in den leerstehenden Räumen schläft, die Stadt schreibt auf Anfrage, dass es sich dem Vernehmen nach „überwiegend um Menschen aus Kalk“ handele. In der Neuerburgstraße in Kalk sollte schon im vergangenen Jahr ein neuer Drogenkonsumraum eröffnen. Ein Empfangstresen, Plätze zum Konsum und Ruheraum sind längst eingerichtet. Die Stadt zahlt dafür mehr als 4600 Euro Monatsmiete.

Warum der Raum noch nicht eröffnet worden sei? Die eingereichten Unterlagen zur Betriebserlaubnis seien noch nicht abschließend geprüft, teilt eine Stadtsprecherin mit. Ein Eröffnungstermin steht noch nicht fest. „Angestrebt ist aber ein Betriebsbeginn noch in diesem Frühjahr.“ Vorläufig bleibt es eine Hängepartie. Wie in der Keupstraße. 

Attentat auf Keupstraße ist bald 22 Jahre her

Muhammet Agazgün steht vor dem Gebäude und schüttelt den Kopf. Am 9. Juni ist es 22 Jahre her, dass die NSU-Attentäter mit dem Fahrrad durch die Keupstraße fuhren und einen Sprengsatz vor dem Friseursalon von Özcan und Hasan Yildirim ablegten. Agazgün hat sie gesehen, er stand auf der anderen Straßenseite. Die Detonation der mit Zimmermannsnägeln gefüllten Bombe hat sein Trommelfell zerstört, drei Nägel prasselten auf seinen Kopf und verletzten ihn. Die Straße war voller Blut.

27.02.2026, Köln: Auf der Keupstraße Ecke Schanzenstraße verkommt ein Gelände mit alten Fabrikhallen zu einem Hotspot von Drogenabhängigen. Ursprünglich sollte an dieser Stelle eine Gedenkstätte für die NSU-Opfer entstehen. Foto: Arton Krasniqi

Der Vorstand der IG Keupstraße ist entsetzt.

Agazgün ist seitdem auf dem rechten Ohr fast taub. „Die Politik hat uns jahrelang versprochen, dass wir ein Mahnmal bekommen, einen Raum zum Erinnern“, sagt er. „Es ist noch immer nicht da, in allen anderen Städten mit Opfern der NSU-Morde gibt es Mahnmale oder Orte des Gedenkens. Ich verstehe das nicht. Und ich verstehe nicht, dass die Politik zulassen kann, dass der Ort, der für uns so wichtig ist, stattdessen so verkommt.“

Immer noch kein Mahnmal in der Keupstraße

Im Jahr 2014 hatte der Stadtrat beschlossen, ein Mahnmal zu planen, Ende 2016 wählte eine Jury den Entwurf des Berliner Künstlers Ulf Aminde aus. Zehn Jahre später steht das Mahnmal auch deswegen noch immer nicht, weil das Gelände im Dreieck Schanzenstraße/Keupstraße nicht der Stadt gehört. Zunächst gehörte das Gelände einer Eigentümergemeinschaft um den früheren BAP-Musiker Bernd Odenthal. Später kaufte die Düsseldorfer Gentes-Gruppe das Grundstück, 2021 einigte sie sich mit der Verwaltung darauf, dass sie der Stadt eine Fläche am südöstlichen Ende des Areals für das Mahnmal überlässt.

Gentes wollte dort nach eigenen Angaben 320 Wohnungen bauen, 30 Prozent davon öffentlich gefördert. Zudem sollten Flächen für Handel und Büros entstehen. Das Unternehmen reichte allerdings zunächst Klagen vor dem Verwaltungsgericht ein, es sah seine Interessen durch die Planungen des Investors Nidya gefährdet, der auf dem Nachbargelände ein 5-Sterne-Hotel plante. Auch Nidya klagte. 

Auf Fragen zum Status Quo äußert sich das Immobilienunternehmen zunächst nicht und verweist auf laufende Abstimmungen mit den Behörden. Einen Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs habe man noch nicht gestellt, teilen Vorstand und Geschäftsführung von Gentes mit – eine solche Anzeige aber wäre notwendig, damit das Gebäude geräumt werden könnte, sagt ein Polizeisprecher. Auf eine weitere Nachfrage, ob die Fläche wie vermutet wieder verkauft werden soll, teilt das Unternehmen mit, man plane weiter, auf dem Gelände zu bauen.

Auf die Frage nach der möglicherweise unzureichenden Sicherung des Geländes schreibt Gentes: „Was uns betrifft, haben wir das Grundstück gesichert durch eine umfassende Bauzaunanlage.“

„Trauriger Zustand“

Den Bauzaun gibt es, er ist allerdings nicht verschlossen, sondern einfach aus den Angeln gehoben. Auch durch eine nicht verschlossene Tür kann jeder das leer stehende Gebäude betreten. „Ganz offensichtlich kommt das Unternehmen seinen Pflichten zur Sicherung des Geländes nicht nach“, sagt Vincent Morawietz, Bezirksbürgermeister von Mülheim. Zweimal habe er Gentes geschrieben, dass die Sicherungsmaßnahmen nicht ausreichten, das erste Mal Anfang Dezember. „Dort soll ein Mahnmal entstehen, jetzt haben wir ein Schandmal“, sagt Morawietz. „Das ist ein trauriger Zustand, der mir für die Menschen sehr leidtut – und den wir nicht hinnehmen.“

„Es ist nicht nur traurig, es ist beschämend“, sagt Bünyamin Köksoy, Vorsitzender der IG Keupstraße. „Wir erleben auf der Keupstraße jetzt Menschen, die halbnackt herumlaufen, die schreien, aggressiv sind und die Straße als Toilette benutzen.“ Und das, nachdem die Ordnungsbehörden viel getan hätten, um die Straße sicherer zu machen: Die Kolonnen von Schwarzarbeitern, die morgens abgeholt worden waren, seien nicht mehr da. „Wir haben auch weniger Straftaten, die Menschen fühlen sich wieder sicherer. Und jetzt das.“

Polizei spricht nicht von „Kriminalitätsschwerpunkt“

Polizeisprecher Christoph Gilles bestätigt, dass es zuletzt immer wieder zu Straftaten dort gekommen sei, allerdings nicht in einer Größenordnung, die den Ort zu einem „Kriminalitätsschwerpunkt“ machen würden. Anwohner und Geschäftsleute beschwerten sich vor allem über „Verunreinigungen im Nahbereich und ruhestörenden Lärm“.

27.02.2026, Köln: Auf der Keupstraße Ecke Schanzenstraße verkommt ein Gelände mit alten Fabrikhallen zu einem Hotspot von Drogenabhängigen. Ursprünglich sollte an dieser Stelle eine Gedenkstätte für die NSU-Opfer entstehen. Foto: Arton Krasniqi

Muhammet Agazgün wurde beim Nagelbombenattentat in der Keupstraße schwer verletzt. Er kritisiert die Politik, ihr Versprechen für ein Mahnmal nicht einzuhalten.

„Wenn nichts passiert, wird die Situation dort eskalieren. Für die Menschen, die auf der Keupstraße leben und dort ihre Geschäfte führen, ist die Situation sehr beunruhigend“, sagt Sandra Jasper, Sozialraumkoordinatorin für Mülheim-Nord/Keupstraße. Jasper hat Anfang Dezember die Stadt Köln informiert – die inzwischen auch vor Ort war. „Es ist sehr traurig zu sehen, wie es derzeit um den Standort des geplanten Mahnmals steht. Ein Mahnmal für sich.“

Die Menschen hätten mit der Stadt und der Politik sehr viel Geduld gehabt, sagt Bünyamin Köksoy. „Es ist ja bekannt, dass viele von uns durch falsche Verdächtigungen der Behörden jahrelang retraumatisiert worden sind.“ Auch Muhammet Agazgün war von Zivilfahndern verfolgt worden und hatte immer wieder Verhöre über sich ergehen lassen müssen. „Ich bin noch heute in Angst, wenn ich ein Fahrrad auf der Keupstraße sehe“, sagt Agazgün. „Ein Erinnerungsort würde auch helfen, dass wir unseren Frieden machen können.“ Henriette Reker hatte im vergangenen Jahr als Oberbürgermeisterin erklärt, dass es zwar schrecklich sei, es aber auch im Jahr 2026 kein Mahnmal geben werde.

Ein großes Bündnis hatte von der Stadt und dem Unternehmen gefordert, den Platz bis zum Baubeginn, der in den Sternen steht, als Ort des Gedenkens zu nutzen, beispielsweise für die Ausstellung eines digitalen Archivs und Informationsveranstaltungen. Die Stadt würde das begrüßen, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Bloß müsste der Investor dann dazu gebracht werden, zu handeln und die alten Industriegebäude endlich abreißen zu lassen. 

An den Fenstern der leerstehenden Gebäude des Areals Alte Feuerwache prangen Plakate mit den Lettern: „Wann kommt das Mahnmal?“ „Ja, wann?“, fragt Köksoy. „Wir hatten im Wahlkampf gute Gespräche mit Torsten Burmester. Jetzt hoffen wir, dass der OB sich an uns erinnert – und Druck macht auf den Investor, der die Fläche wahrscheinlich nur teuer verkaufen möchte.“

„Ein Projekt mit Verantwortung, entwickelt im Dialog und mit Respekt. Im Spiegel der Symbolkraft des Ortes, gewachsen am Diskurs mit der Nachbarschaft“, schreibt der Immobilienentwickler Gentes auf seiner Homepage über das Areal. Das Ziel sei „ein Quartier mit Vergangenheit und Zukunft. Synergien aus Erinnerung, Kultur, Medien und Diversität. Geprägt von Urbanität und Miteinander“. Der Status Quo ist das Gegenteil – eines, das Menschen retraumatisiert, verunsichert, ohne Dialog, ohne Respekt.