Eine Schwurgerichtskammer des Kölner Landgerichts verhandelt den Fall eines 32-jährigen Beschuldigten.
„Eine tragische Geschichte“Mord in Kölner Klinik – Gefängnis droht dem Täter nicht

Auf der Intensivstation des Heilig-Geist-Krankenhauses in Longerich ereignete sich das Verbrechen.
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Er kam mit einer schweren Alkoholvergiftung auf die Intensivstation des Heilig-Geist-Krankenhauses in Longerich und wurde dort laut Staatsanwaltschaft zum Mörder. Der 32-jährige Chemielaborant soll einem sedierten Mitpatienten den Beatmungsschlauch gezogen und so dessen Tod verursacht haben. Seit Donnerstag muss sich der Beschuldigte vor einer Schwurgerichtskammer des Kölner Landgerichts verantworten. Eine Haftstrafe droht dem Mann aufgrund einer festgestellten Schuldunfähigkeit aber nicht – vielmehr steht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt oder der Psychiatrie im Raum.
Köln: Beschuldigter soll Mitpatienten attackiert haben
Nach seiner Einweisung in die Klinik hatte der Beschuldigte laut den Ermittlungen ein sogenanntes Alkoholdelirium mit starken Entzugserscheinungen entwickelt. Typische Symptome sind starke Verwirrtheit, Halluzinationen, Zittern oder Schweißausbrüche. Auf der Intensivstation teilte er sich das Zimmer mit einem krebskranken 75-Jährigen, der sich im künstlichen Koma befand und beatmet werden musste. In der Tatnacht im November vergangenen Jahres soll der Beschuldigte bei seinem Bettnachbarn den Beatmungsschlauch entfernt und eine Art Dichtungsring herausgerissen haben.

Der Beschuldigte mit seinem Verteidiger Markus Haupt beim Prozessauftakt im Kölner Landgericht
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Trotz sofort eingeleiteter Rettungsmaßnahmen verstarb der Senior kurz nach der Attacke. „Wir haben eine neue Trachealkanüle platziert, aber das hat nicht funktioniert, es gab kein Atemgeräusch“, so beschrieb es die damalige Stationsärztin im Zeugenstand. Auch eine Intubation über den Mund habe keinen Erfolg gebracht. Die Sauerstoffsättigung des Krebspatienten sei immer weiter abgefallen, schließlich habe man reanimieren müssen. „Die Luft ging leider nicht in die Lunge, sondern nur ins Gewebe“, erklärte die Medizinerin. Man habe die Wiederbelebungsversuche dann eingestellt.
Köln: Krankenpflegerin schildert dramatische Momente
Eine Krankenpflegerin schilderte im Gerichtssaal die Entwicklung der Tragödie. Der Beschuldigte sei ihr bei seiner Einweisung unangenehm aufgefallen, „halt die Fresse“ habe er zu ihr gesagt – weil er die Klinik direkt wieder verlassen wollte. „Ich bin seit sechs Jahren Pflegekraft, sowas schockt mich nicht mehr“, sagte sie. In den Folgetagen habe der Patient aber keine Probleme mehr gemacht. „Er hat mir von seinen Hobbys und seinem Hund erzählt“, so die Pflegerin. Dann schilderte sie die dramatischen Vorgänge in der Tatnacht – der Zeugin schossen dabei die Tränen in die Augen.
Am Abend zuvor habe der 32-Jährige die Klingel betätigt und um Entzugsmedikamente gebeten. Kurz nach Mitternacht habe es dann erneut geschellt. „Dann saß er da schon nackt an der Bettkante“, berichtete die Zeugin. „Legen Sie sich doch bitte hin“, habe sie da gesagt – in dem Moment habe der Patient plötzlich laut geschrien und sei auf die Pflegerin zugestürmt. „Ich habe mich erschrocken, selbst laut geschrien und bin aus dem Zimmer geflüchtet“, schilderte die Zeugin. Sie habe beim Verlassen noch ein Scheppern wahrgenommen. Dann sei der 32-Jährige auf den Flur gerannt.
Köln: Verteidiger spricht von tragischer Geschichte
Der Beschuldigte soll noch versucht haben, in ein anderes Patientenzimmer einzudringen. Mit Hilfe von Security habe man den Mann dann beruhigen und in sein Zimmer zurückbringen können. Dort fiel dem Pflegepersonal und den Ärztinnen der fehlende Schlauch beim Mitpatienten auf. Der Vorsitzende Richter Achim Hengstenberg fragte, ob womöglich auch ein anderer Patient heimlich das Zimmer betreten haben könnte. Die Zeugin verneinte. Es hätte einen Alarm ausgelöst, wenn Patienten sich von ihren Überwachungsgeräten gelöst hätten.
Der Beschuldigte wurde danach zunächst in die Uniklinik verlegt und schließlich in der LVR-Klinik Bedburg-Hau für psychische und neurologische Erkrankungen untergebracht. Hier wartet er jetzt auf den Ausgang des Strafverfahrens. Strafverteidiger Markus Haupt bezeichnete die Geschehnisse auf der Intensivstation in Longerich auf Anfrage unserer Redaktion als „sehr tragische Geschichte, natürlich für das Opfer, aber auch für meinen Mandanten“. Das Ziel des 32-jährigen Beschuldigten sei es, eine Möglichkeit zu finden, seine schwere Alkoholabhängigkeit zu bekämpfen und zu überwinden.
Köln: Schwere Alkoholsucht nach Mobbing entwickelt
Zu seinem Lebenslauf berichtete der Beschuldigte, zeitweise als Fitnesstrainer gearbeitet zu haben, schwere Rückenschmerzen hätten seine sportlichen Aktivitäten aber eingeschränkt. Er habe daraus Depressionen entwickelt. Nach einem abgebrochenen Studium der Geophysik habe er schließlich eine Ausbildung zum Chemielaboranten gemacht. Auf der Arbeit sei er vom Vorgesetzten schikaniert worden. Er habe sich krankschreiben lassen und immer mehr Alkohol konsumiert – bis zu einem Liter Schnaps pro Tag. Schon mehrfach habe er wegen Alkoholvergiftungen in der Klinik gelegen.
Das Kölner Landgericht muss nun entscheiden, ob der Beschuldigte weiterhin in der Entzugsklinik untergebracht werden soll – diese Maßnahme ist auf zwei Jahre befristet. Allerdings begleitet auch eine vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachterin das Verfahren. Sollte sich herausstellen, dass der Mann unter einer schwerwiegenden psychischen Krankheit leidet, könnte er auf unbestimmte Zeit in der forensischen Psychiatrie untergebracht werden. Entlassen werden Patienten nur, wenn sie von Ärzten nicht mehr als eine Gefahr für die Allgemeinheit eingestuft werden.
