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Selten erkanntDeutschlands einzige Spezialambulanz behandelt Altersdepression in Köln

Vergesslichkeit und gedrückte Stimmung gilt im Alter oft als normal. Manchmal steckt eine behandelbare Krankheit dahinter.

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Eine spezielle Ambulanz im Uniklinikum Köln nimmt sich Zeit für Betroffene mit Altersdepression.

Eine spezielle Ambulanz im Uniklinikum Köln nimmt sich Zeit für Betroffene mit Altersdepression.

„Ach, die Oma, die ist halt alt, da wird man schon mal trübselig!“ Wenn sich jemand im Alter zurückzieht oder vergesslicher wird, scheint die Erklärung oft schnell gefunden: Das gehört eben zum Älterwerden dazu. Dabei kann hinter Traurig- und Antriebslosigkeit im Alter ein ernstzunehmendes Krankheitsbild stecken – eine Altersdepression. Sie gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter: „Mindestens 20 bis 30 Prozent der Menschen ab 60 Jahren sind betroffen, in Pflegeeinrichtungen sind es deutlich mehr, 40 bis 50 Prozent“, so Psychologin Forugh Salimi Dafsari. Sie leitet an der Uniklinik Köln eine Spezialambulanz, die sich ausschließlich mit Altersdepression beschäftigt. Laut Uniklinik Köln ist sie die einzige dieser Art in Deutschland. Denn häufig bleibt die Erkrankung unerkannt: Nur etwa ein Prozent der Betroffenen werde tatsächlich behandelt, so die Psychologin. Für Erkrankte kann das schwerwiegende Folgen haben.

Vor allem bei der Altersdepression sei das wichtig, denn die Symptome und Ursachen unterscheiden sich von denen im jungen Alter, erklärt die Psychologin. Manche Menschen erlebten ihre erste depressive Episode erst im höheren Alter, bei anderen könne die Depression im Zusammenhang mit einer körperlichen Erkrankung auftreten, zum Beispiel nach einem Schlaganfall. Wieder andere hätten schon früher im Leben Depressionen gehabt. Neben etwa gedrückter Stimmung falle oft etwas anderes zuerst auf: „Körperliche Beschwerden wie Übelkeit, Schmerzen, Schwindel und häufig auch Gedächtnisstörungen, die Menschen können sich nicht mehr so gut erinnern.“ Und diese Gedächtnisstörungen würden schnell mit Demenz verwechselt, dabei müsse man klar unterscheiden: „Im Rahmen der Depression sind die Gedächtnisstörungen in der Regel umkehrbar – im Gegensatz zu den voranschreitenden Veränderungen bei der Demenz“, so die Psychologin.

Ein Leben mit dem Tabu

Martina Neustein aus Köln ist 74 Jahre alt. Seit knapp 50 Jahren lebt sie mit Depressionen, hat eine Odyssee an Therapieversuchen hinter sich. Tageskliniken, Therapiestunden, verschiedene Medikamente: Die Erkrankung begleitet sie noch immer. „Es sind Episoden, mal geht es besser, mal schlechter und mal so schlecht, dass ich denke: Ich kann nicht mehr.“ Was sie auch begleitet, ist die ständige Stereotypisierung. Sie fühlt sich nicht ernstgenommen, die Erkrankung wird erst sehr spät erkannt. Neustein erzählt: „In meiner Generation ist das ein völliges Tabuthema. Kein Mensch hatte früher Verständnis dafür, so dass ich manchmal selbst nicht wusste: Spinne ich?“ Das habe es Neustein selbst viel schwerer gemacht, die Erkrankung auch als solche zu akzeptieren: „Manchmal wünschte ich, ich hätte ein gebrochenes Bein – dass ich zeigen kann, mir geht es wirklich nicht gut. Dann würde man sehen, dass ich krank bin.“

Auch die Leiterin der Spezialambulanz kennt diese Erfahrung aus ihrer Arbeit. Oft sei es für Patienten nicht leicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Viele haben ein Leben hinter sich, in dem sie viel geschafft haben – und deshalb die Vorstellung, dass sie das hier auch mit Willen und Kraft überwinden können.“

Dr. Forugh Salimi Dafsari ist leitende Oberärztin der Ambulanz für Altersdepression an der Uniklinik Köln

Dabei sind die Chancen auf Genesung gut: Viele Patienten würden nach ausgiebiger Behandlung wieder ganz gesund. „Die Depression im hohen Alter ist eine Erkrankung, die genauso behandelt werden kann wie jede körperliche Krankheit auch“, erklärt Forugh Salimi Dafsari. 

Wer glaubt, betroffen zu sein, dem rät die Oberärztin, sich am besten zuerst an den Hausarzt oder die Hausärztin zu wenden, an Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie oder an eine Spezialambulanz für Depressionen im höheren Lebensalter wie diese an der Uniklinik Köln. Jede Entscheidung über die Behandlung, also über Medikamente und Psychotherapie zum Beispiel, werde gemeinsam mit den Betroffenen getroffen. „Als Angehörige kann man Betroffenen, die ängstlich sind oder Bedenken gegenüber der Behandlung haben sagen: Es wird nichts über deinen Kopf hinweg entschieden“, so die Oberärztin.

Dass die Erkrankung möglichst früh erkannt wird, ist auch deshalb wichtig, weil sie gefährliche Folgen haben kann. Denn ganz besonders die Altersdepression sei mit einer sehr hohen Suizidrate verbunden, so Dr. Forugh Salimi Dafsari. „Ein Grund dafür könnte sein, dass im hohen Alter viele Risikofaktoren zusammenkommen: körperliche Erkrankungen, Einsamkeit, Verlusterfahrung, chronische Schmerzen oder soziale Isolation. Männer haben auch nochmal ein deutlich höheres Risiko als Frauen“, sagt die Oberärztin.

Ein Prozent der Betroffenen werden behandelt

Trotzdem werden viele Betroffene gar nicht oder erst sehr spät behandelt. Damit sich daran etwas ändert, brauche es mehr Behandlungsmöglichkeiten, mehr Aufklärung über die Ursachen und die Behandlung der Erkrankung und Weiterbildungsangebote, auch für Behandler, so die Psychologin. Martina Neustein erlebte selbst, wie schwer es sein kann, Hilfe zu finden. In einer Tagesklinik sei sie dann vielen älteren Menschen begegnet, die einsam waren. „Ich glaube, die älteren Leute, die trauen sich da nicht drüber zu reden, weil sie selber nicht wissen, dass es eine Depression ist. Und wenn du depressiv bist, fällt dir eh alles schwer.“ Aus ihren Erfahrungen heraus gründete sie schließlich eine Selbsthilfegruppe in Köln-Porz – ohne Altersgrenze.