Nach einem Sturz war er auf den Rollstuhl angewiesen. Die Diagnose: Inkomplette Querschnittslähmung. Mit Hilfe einer Rückenmarkstimulation an der Uniklinik Köln kann er heute wieder aufstehen.
NeurochirurgieWie ein Querschnittsgelähmter wieder laufen lernt

Eine Elektrode im Wirbelkanal kann dazu führen, dass beschädigte Nervenbahnen überbrückt und so gezielte Bewegungen wieder möglich werden.
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Wenn John Baiden-Ghartey aufstehen will, drückt er erstmal auf die Fernbedienung. Jeder Knopf ist da einer bestimmten Bewegung zugeordnet. Die elektrischen Impulse sausen dabei seine Wirbelsäule entlang und helfen, die Nervenzellen zu aktivieren, die an der Bewegung beteiligt sind. Verbindungen, die durch eine Verletzung unterbrochen wurden, werden dadurch zwar nicht repariert. Doch die Stimulation kann dabei helfen, noch vorhandene Verbindungen besser zu nutzen, und so Bewegungen zu unterstützen, die John sonst kaum oder gar nicht möglich wären.
Dass Baiden wieder aufstehen und einige Schritte gehen kann, ist mühsam und gleicht doch einer Revolution. Denn eigentlich ist der 63-Jährige seit einem Unfall querschnittsgelähmt. Sein Rückenmark ist zwar nicht vollständig durchtrennt, einige Nervenbahnen zwischen Gehirn und Beinen übertragen noch Signale, man spricht von einem inkompletten Querschnitt. An Aufrichten und Laufen war dennoch einige Jahre gar nicht zu denken. Mit Hilfe der epiduralen elektrischen Stimulation sind wieder gezielte Bewegungsabläufe möglich. Aufstehen, sitzen, gehen.
Jeder einzelne Schritt, den Baiden schafft, verweist auf eine größere Frage der Neuroforschung: Lässt sich die Verbindung zwischen Gehirn und gelähmten Gliedmaßen technisch überbrücken? Brain-Computer-Interfaces (BCIs) sollen dazu irgendwann Bewegungsabsichten im motorischen Hirnareal erfassen und ans Rückenmark übermitteln. Solche Modelle sind noch Zukunftsmusik. Aber schon die vorprogrammierten Bewegungsmuster in Baidens Fall zeigen, welche neuen Möglichkeiten die Medizin in den Blick nimmt. Wo früher Patienten nicht sehr viel mehr übrig blieb, als Hilfsmittel wie den Rollstuhl zu nutzen und Einschränkungen zu akzeptieren, prüfen medizinische Teams nun, ob Bewegungssignale technisch einen neuen Weg zu den Muskeln finden können.

Nach einem Unfall konnte der 63-Jährige gar nicht mehr laufen. Sein Ziel jetzt: „Wenn ich längere Strecken auf Krücken laufen könnte, wäre das schon toll.“
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Wie groß die Revolution ist, hängt davon ab, ob Baiden sie mit der Zeit vor seinem Unfall vergleicht oder mit der danach. Vor seinem Unfall: Radfahren, Basketball, Schwimmen, Badminton. Seine Arbeit als Bürokaufmann bei einer Schifffahrtsgesellschaft. Tanzen, „meist Techno“, oft die ganze Nacht hindurch. „Immer Bumm, bumm, bumm“, sagt Baiden und lacht. Oder nach seinem Unfall: Vor sechs Jahren stürzte er beim Spazierengehen unglücklich und krachte mit dem Rücken auf eine Anhängerkupplung. „Ich habe mich nach Hause geschleppt, dachte, es würde sich nach ein paar Tagen sicher wieder geben. Erst nach einer guten Woche, als ich immer noch nicht gehen konnte und die Schmerzen nicht nachließen, konsultierte ich einen Arzt“, sagt Baiden. Dort wurde er sofort in die Klinik überwiesen, schließlich operiert. Die Diagnose: Inkomplette Querschnittslähmung. Als würde auf der Bühne nach einem lebhaften Theaterstück der Vorhang fallen. Bewegungslosigkeit. Arbeitsunfähigkeit. Und Stille.

Privatdozent Dr. Pablo Andrade-Montemayor macht dem Patienten Hoffnung: „Mit gezieltem Üben werden sich seine Fähigkeiten weiter verbessern.“
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Der Vorhang hat sich nach dem Einsetzen der Elektrode nun wieder gehoben. Wenn das Stück, das gerade läuft, auch eines aus dem eher gemächlichen Sujet zu sein scheint. Er kann wieder kochen, duschen und seit er in eine ebenerdige Wohnung gezogen ist, auch wieder eigenständig einkaufen oder zum Arzt gehen. Er liest viele Krimis, hört immer noch gerne Technomusik. Die Schmerzen sind noch da, wenn man sie auch dämpfen konnte. Die Beine sind schwach. Aber er kann aufstehen. Er kann einige Schritte gehen.
Und das vielleicht beste: „Mit gezieltem Üben werden sich seine Fähigkeiten weiter verbessern“, sagt Privatdozent Dr. Pablo Andrade-Montemayor, Oberarzt der Klinik für Stereotaxie und funktionelle Neurochirurgie an der Uniklinik Köln. Operativ hat er vor einem guten Jahr Elektroden in Baidens Wirbelkanal verlegt, also auf der Außenseite der Rückenmarkshaut. Sie speisen sich über eine Batterie, die man in das Unterhautfettgewebe oberhalb des Pos implantierte. Aufladen kann man sie per Induktion über ein Ladegerät in der Gesäßtasche. Eigentlich dient die Therapie eher Patienten mit chronischen neuropathischen Schmerzen als Schutzwall.
„Schmerzsignale aus dem Körper können wir dadurch blockieren, damit sie nicht ins Gehirn weitergeleitet werden“, erklärt der Mediziner im Gespräch mit dieser Redaktion. In Baidens Fall funktioniert die elektrische Leitung auch umgekehrt als Wegbereiter für neuronale Signale, die am Ende wieder eine Bewegung ermöglichen. Es ist eine Schnittstelle zwischen dem Gehirn und dem Computer, Hirnsignale können dadurch gezielt das Rückenmark reizen und damit beschädigte Nervenbahnen überbrücken. Stimuliert wird nicht im Dauermodus, sondern passgenau je nach Bewegungsabsicht. Etabliert ist dieser Einsatz noch nicht, sie funktioniert auch nicht als schnelles Reparaturkitt. Dennoch kann die Übung laut Andrade dazu führen, dass der Körper mit der Zeit lernt, die Nervenzellen wieder selbst zu nutzen. Wo ein Trampelpfad ist, könnte vielleicht dereinst auch wieder eine Schnellstraße entstehen.
Nervenwurzeln auf Knopfdruck anregen
Um die Knöpfe der Fernbedienung mit alltagstauglichem Programm zu hinterlegen, haben Andrade und seine Kollegen Muskelgruppen einzelnen Bewegungsabläufen zugeordnet und die Stimulation entsprechend ausgerichtet. Mal werden Nervenwurzeln angeregt, um die fürs Aufstehen nötigen Muskeln zum Arbeiten zu bringen, mal diejenigen, die dem Laufen dienlich sind. Während des Trainings kann Baiden quasi von einer Bewegung zur anderen umschalten. „Man kann nicht alle Muskeln gleichzeitig stimulieren, das würde nur Chaos auslösen“, sagt Andrade.
Die Erfolge sind lebensverändernd: „Meine Rückenschmerzen haben nachgelassen“, sagt Baiden. Inzwischen könne er sich gelegentlich komplett in die Horizontale strecken und auch kurze Strecken am Stock gehen. Für jemanden, der vor sechs Jahren die Diagnose Querschnittslähmung erhalten hat, ist das revolutionär. Ein Wunder ist es freilich nicht. „Meine Knie knicken immer wieder weg, ohne Halt kann ich nicht für längere Zeit verlässlich auf den Beinen bleiben.“ Jeder Schritt koste „unglaublich viel Kraft“. Aber Baiden muss am Ball bleiben. Dreimal in der Woche trainiert er mit einem Physiotherapeuten unter anderem auf dem Fahrrad und an der Beinpresse. „Alles, was meine Situation verbessert, ist gut“, sagt er. Eine Orthese, hofft er, könnte die Knie stabilisieren und das Training erleichtern.
Es ist keine Magie. Man muss schon arbeiten
„Es ist keine Magie“, gibt auch Dr. Andrade zu. „Man muss schon arbeiten.“ Außerdem wirke die Elektrode auf dem Rückenmark nicht bei allen Patienten gleich gut. An der Uniklinik hat man erst zwei Patienten in dieser Weise behandelt. Bei einer der beiden erfüllte die Testphase nicht den erhofften Nutzen, der Impulsgeber wurde deshalb gar nicht dauerhaft implantiert. Baiden ist damit der erste Patient der Uniklinik, bei dem sich die Kombination aus Schmerzlinderung und motorischem Training ausreichend bewährte. Es handelt sich zunächst also um eine frühe klinische Erfahrung, von einer etablierten Therapie ist man noch weit entfernt. „Unser Ziel ist, die Situation des Patienten so zu verbessern, dass er später unabhängiger leben kann“, sagt Dr. Andrade.
Für Baiden zählt der nächste Schritt, nicht die große Prognose. „Wenn ich längere Strecken auf Krücken laufen könnte, wäre das schon toll.“ Ob das gelingt, ist noch ungewiss. Nach Jahren mit wenig Bewegung müssen nicht nur Nervenbahnen wieder eine Verbindung finden. Auch Muskeln müssen Kraft aufbauen, die Gelenke sich wieder an die neue Belastung gewöhnen. Seine nächsten Schritte mit der Fernbedienung jedenfalls sollen Baiden nicht mehr zurück in die Vergangenheit vor dem Unfall führen. „Ich konzentriere mich auf die Zukunft.“ Wenn er da einen Wunsch nennen könnte, dann würde er gerne ein weiteres Programm über seine Fernbedienung ansteuern: Tanzen. Das gibt es bislang noch nicht.
Um „Die Zukunft der Neurochirurgie“ geht es bei einer Veranstaltung an der Uniklinik Köln am 21. Oktober von 15 bis 19 Uhr. Im Mittelpunkt stehen Brain-Computer-Interfaces und Neuroprothetik. Fachpublikum, das sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzen möchte, hat hier Gelegenheit, aktuelle Erkenntnisse und praktische Erfahrungen mit Spezialisten zu diskutieren. Anmelden kann man sich per Mail bei nicole.derkum@uk-koeln.de oder sarah.fahrner@uk-koeln.de.
