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Doc Esser mit LobredeWarum Studierende in Kölns bester Bibliothek nicht lernen dürfen

Die ZB Med in Köln ist „Bibliothek des Jahres 2026“ geworden. Der bundesweite Preis wurde am Donnerstag feierlich verliehen. Die Festrede hielt TV-Arzt Doc Esser.

29.10.2026, Köln: Dietrich Rebholz-Schumann, Wissenschaftlicher Direktor und Miriam Albers, kommissarische Bibliotheksleiterin vor dem Eingang: Die ZB Med in Köln ist Bibliothek des Jahres (deutschlandweit) geworden. Warum sie wegen Mittelkürzungen dennoch keinen Vorort-Service mehr bieten kann und Studierende dort nicht mehr lernen können.  Foto: Arton Krasniqi

Dietrich Rebholz-Schumann, Wissenschaftlicher Direktor und Miriam Albers, kommissarische Bibliotheksleiterin, vor dem Eingang: Die ZB Med in Köln ist Bibliothek des Jahres (deutschlandweit) geworden.

Die Auszeichnung zur besten Bibliothek Deutschlands sollte eigentlich nur ein Anlass zur Freude sein. Doch dass bei der Preisverleihung am vergangenen Donnerstag auf dem Medizinischen Campus in Lindenthal auch Wörter wie „emotionale Achterbahnfahrt“, „starke Einschnitte“, „Herausforderung“ und auch „Zoff“ fielen, liegt an den Mittelkürzungen durch das Land NRW, die die Mediziner-Bibliothek ZB Med, das Informationszentrum Lebenswissenschaften an der Gleueler Straße, empfindlich treffen.

Die ZB Med ist als Stiftung öffentlichen Rechts organisiert und gilt als zentrale überregionale Anlaufstelle für Daten aus dem Bereich Medizin. Ihr Budget betrug im Jahr 2025 zwölf Millionen Euro. Erst im September 2025 seien sie darüber informiert worden, dass der vom Land NRW gestellte Etat im Jahr 2026 um 20 Prozent auf zehn Millionen schrumpfen würde, kritisieren Dietrich Rebholz-Schuhmann, wissenschaftlicher Leiter, und Miriam Albers, Leiterin der Bibliothek, im Vorfeld zur Verleihung.

ZB Med in Köln: Kein Vorort-Service mehr

„Und das war nicht die erste Kürzungsrunde. Davor wurden wir von 13,2 Millionen auf zwölf Millionen gekürzt. Wenn wir die Drittmittel in Höhe von 3,4 Millionen nicht hätten, hätten wir noch größere Schwierigkeiten“, sagt Rebholz-Schuhmann. Die Kürzungen haben ganz konkrete Folgen auf den Betrieb: Im Juli musste die ZB Med ihren Vorort-Service einstellen: Die direkte Ausleihe an der Theke fällt damit weg und Bücher werden mit der Post verschickt.

Drei Verträge des zuständigen Personals seien ausgelaufen und nicht erneuert worden. Entlassungen habe es immerhin keine gegeben, so die Verantwortlichen. Bis dahin waren die Räume vor allem auch begehrte Lernplätze für Medizin-Studierende. Wegen des Personalmangels darf sie niemand mehr nutzen. „Wir hatten immer die bestbewerteten Arbeitsplätze. Es ist ruhig, klimatisiert, es gibt genügend Steckdosen. Es sind die scheinbar einfachen Dinge, die für die Studierenden wichtig sind“, sagt Albers.

29.10.2026, Köln: Die ZB Med in Köln ist Bibliothek des Jahres (deutschlandweit) geworden. Warum sie wegen Mittelkürzungen dennoch keinen Vorort-Service mehr bieten kann und Studierende dort nicht mehr lernen können.  Foto: Arton Krasniqi

Seit Juli 2026 bleiben die rund 200 Lernplätze in der ZB Med leer.

Rund 200 Lernplätze seien durchweg belegt gewesen. Doch die Vorgabe des Ministeriums lautete: Die ZB Med müsse sich auf ihre Kernaufgabe fokussieren, nämlich Forschungsliteratur überregional zur Verfügung zu stellen – und nicht Lernplätze. Nun ist es leer in den Gängen des Gebäudes. Entsprechend irritiert reagiert eine Gruppe von Studierenden am Rande der Preisverleihung.

Stolz hat die Bibliothek Aufsteller mit orangefarbenen Plakaten, auf denen der Titel „Bibliothek des Jahres 2026“ prangt, vor den Eingang platziert. Medizin-Studentin Lara Heyser und ihre Kommilitonen zeigen ihren Unmut: Preise gewinnen, aber im Gebäude nicht mehr lernen dürfen: Das passt für sie nicht zusammen. „Hier auf dem Medizinischen Campus fehlt es an Lernplätzen. In der dritten Semesterwoche findet man nach den Kursen am Nachmittag nichts mehr. Und in den Lernbereichen der Uniklinik ist es immer laut“, sagt Heyser.

Zur Universitätsbibliothek zu fahren, sei auch keine Option: zu weit, zu voll. „Vor allem bin ich im Sommer darauf angewiesen, hier zu lernen. Die Räume sind klimatisiert, während in meinem Wohnheimzimmer bei 40 Grad Hitze herrscht.“

ZB Med: Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse rundum die Uhr

Die ZB Med ist eben auch eine analoge Bibliothek mit vollen Regalen zu Krankheiten und anderen Gesundheitsthemen: Zur Bewahrung des Wissens werden Bibliotheken auch als tatsächliche Orte weiterhin wichtig bleiben. So der Konsens. Doch gelobt wurde das Informationszentrum vor den 150 Gästen am Donnerstag vor allem dafür, dass die Bibliothek den digitalen Wandel erfolgreich vollzogen hat.

TV-Moderator und Arzt Doc Esser betonte in seiner Festrede gerade die Ortsunabhängigkeit und die allzeit verfügbaren Informationen. „Das ist für mich keine Nebensache, es ist ein fundamentaler Wandel. Früher musste der Mensch zu Informationen kommen, heute kann die Information zum Menschen kommen“, sagt Esser. Die moderne Bibliothek habe die Aufgabe „Wissen zugänglich, auffindbar, verknüpfbar und verlässlich zu machen“. Als Arzt wisse er, wie wichtig es ist, rund um die Uhr per Mausklick die neuesten medizinischen Erkenntnisse abrufen zu können.

Die Bibliothek wurde als Bibliothek des Jahres 2026 ausgezeichnet.

Die Jury des Bibliotheksverbandes, der den mit  20.000 Euro dotierten Preis auslobt, begründet ihre Entscheidung mit dem „Pioniergeist der Bibliothek beim Forschungsdatenmanagement“ und ihrem „Engagement für Open Science“, also dem Bemühen, Wissenschaft transparent, nachvollziehbar und für alle Gruppen zugänglich zu machen. Dass es schnell und kostenlos geht, sei letztlich auch für die Patienten wichtig, so Albers. „Es geht hier auch um die Gesundheit von einzelnen Menschen. Wenn ich Krebs hätte, würde ich wollen, dass mein Arzt oder meine Ärztin an die neueste Literatur dazu kommt.“

Außenfront der ZB Med auf dem medizinischen Campus von Uniklinik und Uni Köln

Außenfront der ZB Med auf dem medizinischen Campus von Uniklinik und Uni Köln

Digitale Souveränität europäischer Plattformen

Auch die „digitale Souveränität“ wurde in den Festreden betont: Mit ihrem Suchportal Livivio, das mehr als 80 Millionen Datensätze enthält, will die ZB Med sich ein Stück weit von US‑amerikanischen Plattformen wie Pubmed und der Willkür eines Trumps unabhängig machen. Von einer „großartigen Anerkennung für den Wissenschaftsstandort Köln“ sprach Bürgermeisterin Derya Karadag bei der Begrüßung. „Spitzenforschung braucht nicht nur exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sie braucht auch eine leistungsfähige Infrastruktur, und genau dafür steht ZB Med.“ ZB Med ist die erste wissenschaftliche Bibliothek in NRW, die diese Auszeichnung erhält, und die zweite Kölner Einrichtung: 2015 wurde die Stadtbibliothek „Bibliothek des Jahres“.

Miriam Albers hofft immer noch, dass sie mit dem Land NRW und der Uni eine Lösung für die Lernplätze finden kann. Alles andere sei eine Verschwendung, so Albers.