Menschen mit Suchterkrankungen leben und sterben auf der Straße. Alex (35) ist einer von ihnen. Dies ist seine Geschichte.
Tod im AgnesviertelDie Geschichte eines Suchtkranken

Alexander als Kleinkind und auf einem Bild kurz vor seinem Tod. Er starb mit 35 Jahren auf der Straße im Agnesviertel. Fotos: privat
Copyright: Privat
Du hast ihn gesehen, nahezu täglich. Mehr als zwei Jahre an seinem Stammplatz vor den Eingängen zu den Supermärkten im Agnesviertel. Auf der Neusser Straße am Ebertplatz, mal an der Ecke Niehler Straße. Zuletzt am Eigelstein. Der Eigelstein ist das härteste Pflaster.
Jeder kannte ihn, aber die wenigsten kannten seinen Namen: Alexander. Du warst erleichtert, wenn er mal ein Buch in der Hand hielt. Oder sein Smartphone mit der Box gekoppelt war und er Musik hörte. Und wenn Du ehrlich bist, hast Du Dich gefragt: Wie kommt so einer an ein Smartphone?
Du hast miterlebt, wie das Leben auf der Straße immer tiefere Spuren in sein Gesicht zeichnete. Wie er immer mehr verwahrloste. Irgendwann nicht mehr ansprechbar war. Vor sich hin brabbelte. Es hat Dich nachdenklich gemacht, verunsichert, es hat Dich entsetzt, manchmal auch angewidert. Wenn er zugedröhnt war, nicht mehr bei Sinnen. Dann wieder in sich gekehrt, apathisch, menschenunwürdig. Das sagt sich so leicht. Wo endet die Würde des Menschen?
Dann kommst Du am Morgen auf dem Weg zum Bäcker am Supermarkt vorbei, siehst ein Bild, Kerzen, ein paar Blumen. Alexander ist tot. Gestorben am 8. Juli. Auf der Straße vor dem Rewe am Ebertplatz. Er wurde 35 Jahre alt.
Gut drei Wochen später nehmen rund 200 Menschen in der Agneskirche Abschied. Alex’ Eltern, Antje N. und Ulrich H., haben sich für einen Trauergottesdienst entschieden, der in einem gemeinsamen Essen auf dem Kirchplatz unter freiem Himmel mündet. Sie wollen ein Zeichen setzen, sich bei denen bedanken, die sich um ihren Sohn gekümmert haben.
„Wir waren überwältigt von der Anteilnahme“, sagt der Vater. „Damit hatten wir nicht gerechnet. Es hat uns gezeigt, wie viele Menschen im Agnesviertel Alexander beachtet und geholfen haben, auch wenn er auf der Straße lebte: Das hat uns tief berührt.“
Die potenziellen Eltern wollten ein klinisch reines Kind wie aus dem Katalog. Als sie absprangen, haben wir uns entschieden, dass Alexander bei uns bleibt
Die Eltern entschließen sich nach reiflicher Überlegung, die Lebensgeschichte ihres Sohnes zu erzählen. Die beiden kennen sich seit ihrer Studentenzeit, leben schon immer im Agnesviertel.
Antje N. studiert Medizin und kommt im praktischen Jahr in der Kinderklinik des Universitätsklinikums zum ersten Mal mit Kindern in Kontakt, deren Eltern drogenabhängig sind.
Das Paar entscheidet sich, Säuglinge kurzzeitig in Pflege zu nehmen, bis sie in eine Pflegefamilie vermittelt werden können. „Es ging immer nur darum, ein paar Wochen zu überbrücken. Solche Kinder erfahren neben der Pflege kaum Zuwendung und entwickeln sehr schnell Hospitalismus-Erscheinungen.“

Die Eltern Antje N. und Ulrich H. sind dankbar für die Unterstützung, die ihr Sohn bei seinem Leben auf der Straße immer wieder erfahren hat.
Copyright: Berger
Im Praktischen Jahr, dem letzten Schritt vor dem dritten Staatsexamen, kehrt Antje N. an die Uniklinik zurück. Dort erfährt sie von Alexander. Geboren am 1. November 1990. Seit drei Wochen liegt er auf der Intensivstation. Er ist das Kind schwerstdrogenabhängiger Eltern. Eine Hypothek, die er sein Leben lang mit sich herumschleppen wird. Der Säugling hat schwerste Heroin-Entzugssyndrome und neurologische Auffälligkeiten.
„Ein Kollege, mit dem ich damals in einer Lerngruppe war, musste diesen Fall vorstellen. Es gab noch kaum Erfahrung mit der Drogenbehandlung von Säuglingen in Deutschland“, sagt Antje N. „Die Ärzte haben sich die Medikamentenschemata aus Amerika schicken lassen. Heute weiß ich, wovon ich spreche. Aber damals gab es das noch nicht. Die erste Studie über Schädigungen bei Säuglingen von Heroin abhängigen Müttern habe ich erst 15 Jahre später bei einer Vortragsrecherche entdeckt.“
Antje N. und Ulrich H. entscheiden sich, Alexander in Kurzzeitpflege zu nehmen. Da ist er zehn Wochen alt. In ihrer Studentenwohnung in der Weißenburgstraße wird das Baby mit einem Monitor überwacht. Sie lernen, wie man den Säugling im Ernstfall reanimiert, machen mehrmals täglich mit ihm Krankengymnastik, „weil man uns gesagt hat, es könnte sein, dass er sonst nicht laufen lernen wird“, sagt Antje N. Beiden ist bewusst, dass auch Alexander sehr schnell zur Adoption freigegeben wird. „Wir hatten das ja schon zweimal hinter uns.“
Diesmal kommt es anders. „Die potenziellen Eltern hatten offenbar Beziehungen und durften sich das Kind vorher anschauen. Das hatte es noch nie gegeben.“
Antje N. macht das heute noch fassungslos. „Sie haben gesagt, dass sie Alexander erst nach sechs Monaten adoptieren wollen, wenn der zweite HIV-Test durch ist. Die wollten ein klinisch reines Kind wie aus dem Katalog. Mit Brief und Siegel. Als sie dann kalte Füße bekamen und schließlich absprangen, haben wir uns entschieden, dass er bei uns bleibt. Es hätte auch keine Alternative gegeben, weil es damals kein Heim gab, dass Säuglinge mit Monitor hätte aufnehmen können. Wir sagen immer, Alexander hat sich uns ausgesucht.“
Seine leibliche Mutter wird der Junge nie kennenlernen. Sie stirbt nicht einmal ein Jahr nach seiner Geburt an einer Überdosis Heroin auf dem Neumarkt. Der Vater sitzt in Haft, versucht zunächst, Hafturlaub zu bekommen und Kontakt zu seinem Kind aufzunehmen. „Das wären immer Treffen im Jugendamt gewesen. Er ist aber nie erschienen und mit 33 Jahren auch an einer Überdosis Heroin gestorben.“ Da ist Alexander drei Jahre alt.
Wir haben immer gespürt, dass er keinen festen inneren Kern hat
Von seiner Ursprungsfamilie lernt Alexander nur die Oma väterlicherseits und den Bruder seines leiblichen Vaters kennen. „Der kam mal zum Geburtstag, die Großmutter war bei seiner Kommunion dabei. Für Alexander war immer klar, dass er zu unserer Familie gehören wollte.“
Im Alter von sechs Jahren gelingt Antje N. und Ulrich H. im zweiten Anlauf die Adoption. Da sind sie längst eine Familie. „Er war immer ein strahlendes Kind, konnte jeden um den Finger wickeln.“ Was so positiv klingt, hat auch eine Schattenseite.
Antje N. kann das beurteilen. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Chefärztin einer Suchtabteilung an einer Klinik im Rheinland.
„Bei Kindern, die schon im Mutterleib geschädigt sind oder keine frühe Bindung erfahren haben, ist das auch eine Überlebensstrategie. Sie entwickeln Mechanismen, um auf sich aufmerksam zu machen. Alexander wäre mit jedem mitgegangen. Er hat jeden Handwerker angestrahlt, der zu uns kam. Wir haben immer gespürt, dass er keinen festen inneren Kern hat.“
Mit Hilfe von Ärzten und Therapeuten gelingt es den Eltern, zahlreiche Schwierigkeiten und Konflikte im Kindergarten oder der Grundschule an der Balthasarstraße zu meistern. Alexander entwickelt sich zu einem fröhlichen und robusten Jungen. Bis zur Pubertät gibt es kaum Probleme. „Für ihn war das Leben ein einziges Abenteuer“, sagt der Vater. „Er hat alles ausprobiert, Klavierunterricht, Schlagzeug und Eishockey, sogar Reiten.
Auch mit der Schule läuft es zunächst recht gut. Seine Grundschullehrerin, die um seine Herkunft weiß, gibt ihm klare Strukturen vor und versucht gleichzeitig, seine Stärken herauszuarbeiten. Die Eltern folgen diesem Beispiel „Alexander hatte die Neigung, sich selbst und alles, was er leistete, schlecht zu machen.“
Als er sechs oder sieben Jahre alt ist, erzählen sie ihrem Sohn etwas über seine leiblichen Eltern. „Das hat ihn eine Zeit lang sehr beschäftigt. Einmal hat er zu uns gesagt, irgendwann werde er Bomben in die Drogenfabriken schmeißen.“

Nach der Trauerfeier in der Agneskirche sprechen Anwohner und Trauergäste auf dem Kirchplatz miteinander
Copyright: privat
Der Bruch zeichnet sich ab, als ihr Sohn, eingestuft als Förderkind, nach der Grundschule in eine Schule für Erziehungshilfe kommt. „So hießen die Förderschulen damals. Heute spricht man von Einrichtungen für emotionale Entwicklung“, sagt die Mutter. „Da hat er dann aufgedreht, weil er glaubte, jetzt muss ich allen zeigen, dass ich nicht normal bin.“
Es kommt zu ersten Erfahrungen mit Cannabis, mit zwölf Jahren eine Mutprobe, auf den Gleisen durch einen U-Bahntunnel zu laufen. Die Abstände, in denen es Auffälligkeiten gibt, werden immer kürzer.
„Wir haben versucht, mit einem Psychologen Alexanders Herkunftsgeschichte und die Grundtraumatisierung aufzuarbeiten. Aber das hat sich damals niemand zugetraut. Man zog es vor, nur verhaltenstherapeutisch zu arbeiten, das Kind also an die Bedingungen der Gesellschaft anzupassen, anstatt die eigentlichen Ursachen des Problems anzugehen“, sagt der Vater.
Es folgen Aufenthalte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seinen jüngeren Geschwistern gegenüber zeigt sich Alexander als der große beschützende Bruder. Die Befürchtung, er könne sie abweisen oder eifersüchtig werden, bewahrheitet sich nicht. „Er hat sich ganz liebevoll um sie gekümmert.“
Der Bruch mit der Familie kommt völlig unerwartet. Die Einschulung seines Bruders ist nach der Erinnerung der Eltern das letzte Ereignis, „als die Familie noch einigermaßen intakt war“, sagt Ulrich H.
Einmal hat er uns gesagt, irgendwann werde er Bomben in die Drogenfabriken schmeißen
Kurz darauf kommt es zu ersten Straftaten. „Mit einem seiner Kumpel aus der Schule hat er etwas im Media-Markt gestohlen. Alexander hat dabei eigentlich nur Schmiere gestanden, weil er immer ein Angsthase war.“
Die beiden werden erwischt. Die Polizei bringt Alexander in eine Notaufnahmestelle für Jugendliche. Die Eltern hatten sich schon zuvor wegen der vielen Konflikte Hilfe beim Jugendamt und bei einer Familientherapeutin geholt. Die rät dazu, Alexander aus der Familie herauszunehmen und in eine Einrichtung zu bringen, die ihm klare Strukturen vermittelt und Grenzen setzt.
Endgültig schrillen die Alarmglocken, als die Eltern erfahren, dass ihr Sohn sich gegenüber Freunden äußert, er würde sich irgendwann „abschießen und einen goldenen Schuss setzen“. Auf Anraten des Jugendamts kommt der 15-Jährige kommt in eine Wohngruppe in einer Jugendeinrichtung in der Eifel.

Menschen versammeln sich bei derTrauerfeier am 1. August in der Agneskirche
Copyright: Foto: privat
Dennoch bleibt Alexander Teil der Familie. Die Wochenenden und Ferien verbringt man gemeinsam. Die Hoffnung, der räumliche Abstand zur Kölner Drogenszene könne ihn vor dem Schicksal seiner leiblichen Eltern bewahren, trägt die Familie ein paar Jahre.
Zwar kommt es immer wieder zu kleineren Delikten, die mit Gerichtsverfahren enden, dennoch scheint es aufwärtszugehen. Eine Maurerlehre bricht Alexander ab, doch später gelingt es ihm, seine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer abzuschließen und damit gleichzeitig den Hauptschulabschluss nachzuholen. Die Hoffnung, ihr Sohn könne vielleicht doch ein nahezu normales Leben führen, stärkt die Eltern.
Acht Jahre lebt Alexander mit seiner Freundin in der Eifel und arbeitet in seinem Beruf. Zum ersten Mal seit der Grundschule scheint er sein Leben selbstbestimmt, gestalten zu können.
Doch das wird nur eine kurze Phase bleiben. Alexander gerät an die falschen Freunde. Nach einer Schlägerei, an der er gar nicht beteiligt war, wird er fälschlicherweise verdächtigt und mitangeklagt, aber freigesprochen, weil er seine Unschuld beweisen kann.
„Er konnte sich aber nicht darüber freuen, begann nachts Stimmen zu hören, wähnte fremde Leute in der Wohnung und ist dann mit dem Auto seiner Freundin mit 140 vor einen Baum gerast, weil die Stimmen ihm das befohlen haben“, sagt sein Vater. „Dass er das überlebt hat, ist mehr als ein Wunder.“
An einen Selbstmordversuch glaubt der Vater nicht. „Das war eine drogeninduzierte Psychose. Er hat Wahnvorstellungen entwickelt.“
Es gibt in den Ämtern Menschen, die handeln, empathisch sind und gucken, was notwendig ist
Die Beziehung zu seiner Freundin scheitert vor allem wegen des Drogenkonsums. Nach der Trennung und einem Umzug an die Ahr entgleitet Alexander das Leben.
Die Sucht hat ihn bald fest im Griff, eine immer stärker werdende Psychose als Folgen des Drogenkonsums kommt hinzu. Er schottet sich zunehmend ab, lässt die Rollläden runter, dreht die Musik bis zum Anschlag auf, verliert erst seinen Job, dann seine Wohnung und landet schließlich auf der Straße.
Zum ersten Mal wird ihm ein Betreuer zur Seite gestellt. Später bezieht Alexander eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit.
Irgendwann steht er wieder bei den Eltern vor der Tür, teilt ihnen mit, er werde aber weiter vorerst auf der Straße leben. „Er konnte hier essen, schlafen, duschen. Auf dem Gästebett. Das haben wir ihm angeboten“, sagt der Vater. „Er hat das angenommen, ist aber nie wieder bei uns eingezogen.“
Ziellos wechselt Alexander die Orte, kommt in Vorführhaft wegen Schwarzfahrens, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Drogenkonsums. „Das war eine Phase, da wollte er nichts mehr mit uns zu tun haben.“
Zwischen 2022 und 2023 kehrt Alexander ins Agnesviertel zurück, meidet aber den Kontakt zu den Eltern. „Wenn ich ihm begegnet bin, hat er mich beschimpft und hinter mir her gespuckt“, sagt sein Vater. Das auszuhalten, sei ihm nicht leicht gefallen. Dennoch geben die Eltern ihren Sohn nicht auf. „Ich habe ihm nur gesagt, dass ich da bin, wenn er etwas braucht.“
Vor zwei Jahren sei Alexander dann tatsächlich angekommen. „Irgendwann stand er völlig zerlumpt vor der Tür und sagte: Papa, wir müssen reden. Ich habe gedacht, ich hätte das im Griff. Ich könnte irgendwas nehmen und genauso wieder absetzen. Ich könnte das alles steuern. Ich kann das aber nicht. Dann hat er mir auch erzählt, was er alles konsumiert. Neben Alkohol in Massen, Cannabis und Amphetaminen eben auch Crystal Meth und Heroin. Alles, wirklich alles.“
Die Familie reagiert sofort. „Ich habe bei der Drogenhilfe angerufen, ich habe die Termine ausgemacht, bin mit ihm hingegangen. Mehrfach sind wird dort gewesen“, sagt sein Vater. „Er war auch bei einem Arzt, der ihn begutachten sollte, ob er substituiert werden kann.“ Weitere Termine gab es, weil sein Sohn auch keinerlei Papiere mehr hatte, beim Einwohnermeldeamt wegen eines neuen Personalausweises und beim Jobcenter.
„In den meisten Fällen stand ich allein da. Bei Schwerstabhängigen braucht es manchmal zehn Anläufe, damit es vielleicht ein einziges Mal funktioniert. Daher hat uns das nicht sonderlich geschockt.“
Im Verlauf des Jahres 2025 setzen die Eltern noch einmal alles in Bewegung, versuchen ein weiteres Mal, ihrem Sohn „Wurzeln und damit den Halt zu geben, der ihm von Beginn an gefehlt hat“, wie sie es bei der Trauerfeier formulieren.
Schließlich gelingt es ihnen doch, einen Betreuer zu organisieren, der sich für Alexander einsetzt, um ihn zur Not auch gegen seinen Willen in eine Klinik einweisen zu können. Auch die Bewährungshilfe ist eingeschaltet.
„Der Begutachter ist auf die Straße gegangen, hat ihn angehört, sein Gutachten geschrieben. Weil klar war, dass eine Vorladung zur Anhörung nichts bringt, haben sich der Verfahrenspfleger und der Richter sogar persönlich auf den Weg zum Rewe gemacht, um dort die Unterschrift einzuholen.“
Viele hätten sich für Alexander eingesetzt. „Es gibt in den Behörden und in den Ämtern Menschen, die handeln, die empathisch sind, die auch nicht bürokratisch denken, sondern gucken, was notwendig ist“, sagt Antje N.
Am Ende erweisen sich die Hürden doch als unüberwindbar. Das neue Grundsicherungsgeld, das im Juli das Bürgergeld abgelöst hat, beinhaltet strengere Mitwirkungspflichten.
„Wer drei Termine beim Jobcenter verpasst, fliegt nach vier Wochen automatisch auch aus der Krankenversicherung. Für psychisch Kranke gibt es zwar Ausnahmen, aber das weiß leider kaum jemand“, sagt Antje N.
Alexander hat in seinem Leben gearbeitet, Steuern bezahlt, in die Rentenkasse eingezahlt. Er war krankenversichert. Bis er alles verloren hatte. Könnte das nicht jedem von uns passieren?
Auch in ihrer Klinik würden seither täglich Menschen eingewiesen mit Psychosen, betrunken, verwahrlost, die alle keine Krankenversicherung mehr haben. „Das sind Notfälle und müssten am nächsten Tag wieder gehen, weil wir sie nicht behandeln dürfen. Das ist ein Teufelskreis. Da muss sich auch keiner mehr über die zunehmende Verelendung und die Obdachlosen auf der Straße beschweren“, sagt Antje N. „Alexander hat in seinem Leben gearbeitet, Steuern bezahlt, in die Rentenkasse eingezahlt. Er war krankenversichert. Bis er alles verloren hatte. Könnte das nicht jedem von uns passieren?“
Nach Alexanders Tod haben die Eltern seinen Betreuer informiert. „Er hat sich mächtig aufgeregt und gesagt, dass er unseren Sohn beim Jobcenter angemeldet hat, damit der Grundsicherung bekommt. Angeblich hat man ihm ein ganzseitiges Schreiben geschickt mit einer langen Liste von Unterlagen, die er beizubringen habe. Woher sollte er die nehmen, nach Jahren auf der Straße?“
Alexander habe im vergangenen Jahr lange darauf hingearbeitet, seinen 35. Geburtstag am 1. November zu erleben, sagt Ulrich H.. „Er hat sich in seiner Krankheit eingeredet, dass er der Erbe von Aral sei und dann acht Milliarden Euro ausgezahlt bekomme. Eine Sozialarbeiterin hat mir erzählt, er habe danach seine Strategie verändert, weil die Sache mit Aral ja offensichtlich nicht funktioniert hat.“
Sein Sohn habe sich aber als sehr erfindungsreich erwiesen. „Die neue Geschichte habe ich dann selbst erlebt“, erinnert sich der Vater. „Alexander ist auf seinem Platz vor dem Supermarkt zunehmend vermüllt. Ich habe ihn gebeten, seinen Abfall wenigstens wie früher in den Mülleimer zu werfen, damit er keinen Ärger bekommt. Das war nämlich gar nicht seine Art.“ Das sein nicht nötig, ihm gehöre die AWB. Das war seine Antwort. AWB. Alex weiß Bescheid. Das war so skurril. Da musste ich wirklich lachen.“
Zahlen
47.000 Menschen leben dauerhaft auf der Straße
Die Bundesregierung geht davon aus, dass mehr als 531.000 Menschen in Deutschland im Jahr 2025 wohnungslos waren, davon sind rund 47.000 ganz ohne Dach über dem Kopf und schlafen auf der Straße. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. vermeldet deutlich höhere Zahlen. Nach ihrer Schätzung waren im Verlauf des Jahres 2024 in Deutschland knapp 1,03 Millionen Menschen obdachlos. Davon lebten rund 56.000 ganz ohne Unterkunft. Die Zahlen weichen deshalb so stark voneinander ab, weil das Statistische Bundesamt jährlich zum Stichtag 31. Januar die institutionell untergebrachten wohnungslosen Menschen erfasst, während die Wohnungslosenhilfe über eine Hochrechnung auf Basis der NRW-Daten alle Menschen zählt, die im Verlauf eines Jahres wohnungslos waren.
2150 Drogentote im Jahr 2025, davon 80 in Köln
2150 Drogentote in Deutschland im Jahr 2025 sind ein Rekordwert. Fast jeder vierte Drogentote ist jünger als 30 . Bei den unter 20-Jährigen hat sich die Zahl der Todesfälle laut Bericht des Bundes-Drogenbeauftragten innnerhalb von vier Jahren fast verdoppelt. Bei ihnen seien auffällig oft Medikamente im Spiel gewesen. Zum Beispiel Psychopharmaka oder opioidhaltige Schmerzmittel. Sie werden oft zusammen mit Alkohol, Kokain oder Cannabis konsumiert. In Köln starben 80 Menschen, acht weniger als 2024. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil nur Fälle erfasst werden, bei denen ein offensichtlicher Zusammenhang zum Drogenkonsum besteht.
Stadtrundgang mit Wohnungslosen am 20. November
Wohnungslose Menschen erzählen am Freitag, 20. November, ab 15 Uhr bei einem öffentlichen „Sozialen Stadtrundgang“ durch Köln als „Experten auf der Straße“ aus ihrem Leben.
Bei dem Termin soll speziell an Menschen erinnert werden, die – wie Alexander – in den vergangenen Monaten auf der „Platte“ gestorben sind.
Mit dabei sind neben den Straßenzeitungsverkäufern Khan und Mike, die Streetworkerin Friederike Bender, Oase-Mitarbeiter Dirk Richter und die Chefredakteurin der Obdachlosenzeitung „Draussenseiter“, Christina Bacher.
Karten zum Preis von 20 Euro gibt es bei Köln-Ticket. Die Einnahmen des Erinnerungsspaziergangs, der unter dem Titel „Sterben auf den Straßen von Köln“ steht, kommen Einnahmen kommen den Stadtführern, dem Verein Oase Benedikt Labre e.V. und dem Straßenmagazin „Draussenseiter“ zugute. Treffpunkt ist vor dem Brunnen am Ebertplatz.
Die Oase in Deutz ist seit 40 Jahren eine Anlaufstelle für wohnungslose Menschen. Neben dem niedrigschwelligen Beschäftigungsprojekt „Draussenseiter“ gibt es eine Kleiderkammer, einen Offenen Treff, ambulante Begleitung und eigenen Wohnraum.
