Sasa Hanten ist Rechtsanwältin, Kunst-Expertin und bezeichnet sich als „Cowboy-Elfe“. So schillernd wie sie selbst ist auch ihr erster Roman „Talent zum Glück“.
Debütroman von Sasa HantenWer Köln nicht liebt, der liebt gar nix

Sasa Hanten in ihrer Wohnung im Kölner Agnesviertel.
Copyright: Lukas Beck
„Talent zum Glück“ heißt Sasa Hantens erster Roman, und tatsächlich ist dieses Buch randvoll mit Glück. Nicht auf die übliche Wohlfühlliteratur-Art, bei der die Hauptfiguren nach einer langen Heldenreise irgendwann die Erkenntnis übermannt, dass sie einfach nur „sie selbst“ sein müssen. Das hat Sasa Hantens Hauptfigur Eberhard, genannt Eby, gar nicht nötig. Er ist schon immer er selbst. Und glücklich – Fabrikeinstellung. Mit diesem Glück ist er großzügig. Selbst für die, die es eigentlich nicht verdient haben. Ebys große Liebe Georg zum Beispiel. Den er überschüttet mit – ja, Liebe eben. Und zurückkommt lange Zeit so gut wie nichts. „Ich mag Dich“ ist das allerhöchste der Gefühle. Irgendwann macht Georg dann Schluss. Und Eby? Ist tieftraurig. Aber sein Talent zur Liebe, sein Talent zum Glück – das trägt nur ein paar kleine Kratzer davon.
Kernkompetenz: Liebe
Knapp 500 Seiten lang wartet man vergebens auf Abgründe, die große Krise, dunkle Vergangenheiten, Familien-Dramen. Weil man es so gewohnt ist von den meisten Romanen. Und dieser Eby scheint ja auch einfach viel zu gut, um wahr zu sein. Aber es gibt ihn offenbar tatsächlich: Er ist groß, blond, eine Frau um die 50 und lebt im Kölner Agnesviertel und in Wien: „Der Eby im Buch – das bin natürlich ich“, sagt Sasa Hanten, als wäre es das Natürlichste der Welt. Dabei hat auf den ersten Blick eine andere Figur im Roman viel mehr mit ihr gemeinsam: Ebys beste Freundin Charlotte, sehr schlau, Juristin, modebegeistert. Wie die Autorin selbst, die all das ist – und noch viel mehr. Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei in Köln zum Beispiel, an der Schnittstelle zwischen Recht und Kunst. Nebenbei hat sie auch noch die private Kunstsammlung ihrer Familie kuratiert und leitet das Atelier einer Bildhauerin und Objektkünstlerin. Klingt so, als wäre der Tag damit ausgefüllt. Aber Sasa Hanten hält auch noch Vorträge, schreibt Fachtexte, Essays, Theaterstücke, Romane und auf Auftrag auch Liebesbriefe. Denn Liebe ist, wie wir jetzt wissen, ihre eigentliche Kernkompetenz. Sasa Hanten ist ein Paradiesvogel – wobei sie sich selbst lieber als „Cowboy-Elfe“ bezeichnet. Und das passt zu der schmalen Frau, die sich gerne auffällig kleidet und für noch mehr Elfen-Appeal ihre Wimpern weiß tuscht. Der Cowboy in ihr steuert noch Kampfgeist und ein bisschen Anarchie bei.
Maximalismus statt Minimalismus
Journalisten empfängt Sasa Hanten zum Gespräch über ihr Buch in ihren Gemächern im Kölner Agnesviertel. In diesem schönen Altbau voller Kunstwerke spielt auch ihr Roman. Zumindest teilweise, denn Ebys Familie residiert auch noch in Wien, genau wie die der Autorin. Nicht nur Glück, auch Geld ist in diesem Roman im Überfluss vorhanden – hängt vielleicht auch irgendwie zusammen. Charlotte stammt aus einem Bäckerei- und Feinkostimperium. Ebys Familie ist mit einem Schausteller-Unternehmen reich geworden, unter anderem auf dem Wiener Prater. Natürlich macht es das für Eby einfach, großzügig zu sein. Aber das ist bei ihm mehr als eine Attitüde. Er lebt diese Großzügigkeit genauso, wenn es um Gefühle geht. Auch ihr sei wichtig, „dass man nicht an der Liebe spart“, sagt Sasa Hanten. Man kann sich die selbst ernannte Cowboy-Elfe gut mit einem Füllhorn vorstellen. Auch literarisch geht Sasa Hanten gerne in die Vollen. Das Buch ist eine dicke, bunte Tüte, ein literarischer Rummelplatz. Maximalismus statt Minimalismus ist die poetologische Devise. „Meine ganze Art zu reden und zu denken ist sehr girlandenhaft“, sagt sie.
Kölner Lebensphilosophie
Ein Leben in Fülle – das passt auch zur Kölner Lebensphilosophie, findet sie: „Man macht keinen Rosenmontagszug, wenn man spart.“ Das Buch ist voll von kölschem Lokalkolorit und Jargon. Nicht umsonst hat Sasa Hanten auch ein Kölsch-Diplom, wie sie stolz erzählt. „Wer Köln nicht liebt, der liebt gar nix. Der weiß gar nicht, was Liebe ist“, sagt eine Figur im Roman. Das Kölner Publikum hat sie damit also schon mal in der Tasche.
Inhaltlich ist ihr Buch eine Ode an die Freundschaft. Die genauso Familie werden kann wie die Menschen, mit denen wir blutsverwandt sind. Eby ist der letzte Spross einer Schausteller-Dynastie und will eigentlich nicht, dass das so bleibt. Als schwuler Mann kann er sich seinen Kinderwunsch aber nur kreativ erfüllen. Ihr Debüt sei „ein utopisches Buch in Bezug auf Gesellschaftsformen“, sagt Sasa Hanten. Und das lebt sie auch selbst in Köln und in Wien: „Meine Wohnungen sind auch Wohngemeinschaften. Nicht unbedingt als politisches Projekt, sondern einfach so, wie es sich ergeben hat.“
„Ich bin davon überzeugt, dass ich etwas zu erzählen habe, was kostbar ist.“
Sie selbst ist Mutter zweier Teenager und hat ihre ganz eigene Lebensform inzwischen gefunden: „im Rudel zu leben“. Doch ihre inneren Konflikte bis zu dieser Erkenntnis fühle sie heute noch. „Und das ist vielleicht das Geheimnis, weswegen ich mir zutraue, einen Roman zu schreiben“, sagt sie. Denn Eby und Charlotte sind mit Anfang 30 erst auf dem Weg dahin, wo sie heute ist. „Ich bin davon überzeugt, dass ich etwas zu erzählen habe, was kostbar ist.“
Gerade war sie in Köln auf einer Solidaritätsdemonstration für die queere Gemeinschaft, nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin. Und bei allem Talent zum Glück, teile sie natürlich auch die Ängste und Sorgen vieler Menschen, die ihre Freiheit bedroht sehen. „Aber wir halten zusammen, bleiben zuversichtlich und wir lassen uns unsere Liebe nicht nehmen. Nicht untereinander, nicht zu unserer Stadt und nicht zu unserer Zukunft!“
Bunt, aber nicht rosarot
So bunt „Talent zum Glück“ ist – das Buch ist nicht rosarot. Ebys Mutter, eine drogenabhängige Wahrsagerin, glänzte bis zu ihrem frühen Tod durch Abwesenheit. Sein Vater ist ein charmanter Playboy, den Eby als Erwachsener bis zu dessen Tod pflegt. Dabei half dem Glückskind selektive Wahrnehmung: „Schon lang sprach da ein überwiegend löchriges Gehirn fremdes Zeug. Aber ich hab’ alles, was lieb und gut war, für voll genommen und alles, was fies, aggressiv, homophob und dumm war, als krank.“ Und neben dem Verlust des geliebten Vaters ist da ja noch der Verlust von Ebys großer Liebe. Gefühle, die auch Sasa Hanten gut kennt: „Es hat mir damals gutgetan, zu wissen, dass das Schlimmste vorbei ist, wenn man die Tür zuzieht. Dass die Trauer innerhalb der Beziehung war – und dass hinterher ein neues Leben anfangen kann.“
Ihr Roman ist ein Plädoyer für Gemeinschaft, Freude und den Mut, eine gute Zukunft zu denken. Anstatt wie das Kaninchen vor der Schlange auf Hass, Krisen und Katastrophen zu starren. Wie Eby mag es Sasa Hanten, sich immer wieder neue Versionen von Alltags-Szenen auszudenken. Die Welt, nur eben ein bisschen freundlicher, freier – und natürlich glamouröser.
Sasa Hanten ist Autorin, Kulturtheoretikerin, Model und Rechtsanwältin. 2023 erschien „Spiel mit mir“, eine literarische Reflexion über Kunst und Glück. Sie lebt in Köln und Wien. „Talent zum Glück“ ist ihr erster Roman. Ihre Lesungen am 2. und 3. September in der Kölner Buchhandlung Goltsteinstraße sind ausverkauft. Aber es gibt noch Karten für den 13. November in der Buchhandlung Blücherstraße in Köln-Nippes und den 3. Dezember in der Buchhandlung Sülzburgstraße 27 in Köln-Sülz.
„Talent zum Glück“, 496 Seiten, Karl Blessing Verlag, 24 Euro.

„Talent zum Glück“
Copyright: Blessing
