Die Politik wird in der Sitzung des Stadtrats am Donnerstag eine Entscheidung treffen, ob das Projekt weitergeplant werden soll oder nicht.
Vor dem RatsentscheidNeues Kölner Suchthilfezentrum spaltet Nachbarschaft im Pantaleonsviertel

Das erste Kölner Suchthilfezentrum (SHZ), auch als Drogenkonsumraum bezeichnet, soll auf einer Fläche am Perlengraben/Wilhelm-Hoßdorf-Straße entstehen.
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Ein neues Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel in der Kölner Innenstadt soll dafür sorgen, dass große Teile der Drogenszene am Neumarkt von der Straße verschwinden. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD), Sozialdezernent Harald Rau und Polizeipräsident Johannes Hermanns sind vom Erfolg des Projekts überzeugt. Die Nachbarschaft ist gespalten: Gleich zwei Bürgerinitiativen haben sich gegründet, die eine kämpft dagegen, die andere setzt sich für das Zentrum ein. Die Politik wird in der heutigen Sitzung des Stadtrats eine Entscheidung treffen. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Was plant die Stadt Köln?
Auf einem Spielplatz zwischen der Wilhelm-Hoßdorf-Straße und dem Perlengraben soll ein neues Suchthilfezentrum für schwerstabhängige Menschen entstehen. Als Vorbild gelten ähnliche Einrichtungen in der Schweizer Stadt Zürich. Neben einem Drogenkonsumraum (wie er bereits jetzt im Gesundheitsamt am Neumarkt existiert) wird es dort weitere Räume geben, in denen die suchtkranken Menschen sich ausruhen, ihre Wäsche waschen, sich duschen und sich von Sozialarbeitern beraten lassen können. Hinzu kommt ein abgezäunter Außenbereich. Das soll dabei helfen, sie von der Straße wegzubekommen, sodass sie sich in einer geschützten Umgebung aufhalten können. Am Ende will die Stadt dort täglich 100 Schwerstabhängige versorgen.
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Wie soll das Gebäude aussehen?
Die Stadt Köln benötigt eine Fläche mit einer Größe von 2000 Quadratmetern, um alle geplanten Räume und den Außenbereich unterbringen zu können. Da die Spielplatzfläche nicht so groß ist, soll das Gebäude zweistöckig werden. Ob das Suchtzentrum aus Containern und Modulen zusammengesetzt wird, ist noch unklar. Die Bezirksvertretung Innenstadt wünscht sich eine ansprechende architektonische Gestaltung, da das Suchtzentrum mindestens fünf Jahre, voraussichtlich sogar zehn Jahre bestehen bleiben soll.
Warum hat die Stadt Köln die Fläche am Perlengraben als Standort ausgewählt?
„Nach intensiver Standortsuche im Innenstadtbereich haben die eingehenden Prüfungen ergeben, dass der Standort Perlengraben geeignet ist und die einzige und somit alternativlose Lösung für ein Suchthilfezentrum in dieser Lage darstellt“, teilt die Stadt Köln mit. Die weiteren geprüften Standorte hat die Stadt bis heute nicht bekannt gegeben.
Wann wird das Suchthilfezentrum eröffnen?
Bislang gibt es noch keine Zeitplanung. Angestrebt wird aber eine Eröffnung noch in diesem Jahr, spätestens im Frühjahr 2027.
Wie reagieren die Anwohnerinnen und Anwohner?
Im Pantaleonsviertel haben sich zwei Bürgerbewegungen gegründet, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Die IG Pantaleonsviertel, ein Zusammenschluss von Anwohnerinnen und Anwohnern unter Vorsitz des Vermögensverwalters Andreas Zittlau, lehnt den Standort ab und fordert, dass der Stadtrat die Entscheidung noch einmal vertagen soll. Es gebe „grundlegende fachliche und verfahrensbezogene Mängel“, sagt Zittlau. Es gebe weiterhin einen erheblichen Klärungsbedarf. Unterstützung erhält die IG von Volker Hildebrandt, Pfarrer an St. Pantaleon, der in der Tradition des Opus Dei steht.
Die Bürgerinitiative „Südi bleibt solidarisch“ setzt sich hingegen dafür ein, dass das Suchthilfezentrum am Perlengraben entstehen soll. „Wir sind gegenüber der Stadt Köln nicht unkritisch, aber das Beispiel aus Zürich zeigt, dass solche Suchthilfezentren funktionieren“, sagte Sprecher Sebastian Endres dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Man habe zwar ähnliche Bedenken wie die IG Pantaleonsviertel, man wolle aber konstruktiv und nicht destruktiv damit umgehen. Zu den Unterstützern gehören unter anderem der Kölner Citypfarrer Dominik Meiering, Weihbischof Ansgar Puff und der Kriminalbiologe und Anwohner Mark Benecke.
Was ist aus der Kritik der Schulleiter geworden?
Sechs Schulleiter hatten sich wie berichtet in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Torsten Burmester gewandt und ihre Sorgen dazu geäußert, dass die Schülerinnen und Schüler aufgrund des Suchthilfezentrums beeinträchtigt werden könnten. „Wir befürchten die Entwicklung einer Dealer-Szene und von Kleinkriminalität“, hieß es in dem Schreiben. Die Stadt Köln solle daher prüfen, ob sich nicht doch ein anderer Standort finden lässt. Inzwischen hat sich Burmester mit den Schulleitern getroffen. Das Gespräch sei konstruktiv verlaufen, teilte eine Stadtsprecherin mit.
Wie wird die Politik mit der Entscheidung umgehen?
Es zeichnet sich ab, dass der Stadtrat die Stadtverwaltung damit beauftragen wird, das Suchthilfezentrum am Standort Perlengraben konkret weiterzuplanen. Ein Baubeschluss muss dann zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Dem Vernehmen nach wird es einen von einer breiten politischen Mehrheit getragenen Änderungsantrag geben, der die Sorgen der Anwohnerinnen und Anwohner aufnimmt und ein zugehöriges Sicherheitskonzept garantiert.
Warum bezieht sich die Öffentlichkeitsbeteiligung nur auf die Ausgestaltung des Suchthilfezentrums, nicht aber auf den Standort?
„Bisher hat sich bei der Standortsuche eines Suchthilfeangebots mit Drogenkonsumraum gezeigt, dass Anwohnende und Geschäftstreibende bei einer Standortprüfung zunächst mit Verunsicherung und Unbehagen reagieren“, sagte eine Stadtsprecherin auf Anfrage. Das habe die Stadt verhindern wollen, solange die grundlegenden Prüfungen der baulichen und baurechtlichen Machbarkeit noch nicht abgeschlossen waren. Bei der benötigten Innenstadtlage sei es unvermeidbar gewesen, dass es Wohnbebauung in der Nähe gibt. „Die Entscheidung für den Standort Perlengraben musste im Sinne der gesamten Stadtgesellschaft dennoch getroffen werden, da für die Einrichtung eines Suchthilfezentrums in der Innenstadt dringender Handlungsbedarf besteht“, so die Sprecherin. Insofern habe es faktisch keinen Entscheidungsspielraum gegeben. Um so früh wie möglich Transparenz herzustellen, sei frühestmöglich über das Vorhaben informiert worden.
Was geschieht mit dem bisherigen Drogenkonsumraum am Neumarkt?
Sobald das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben eröffnet hat, soll der Drogenkonsumraum in der Lungengasse, den die Stadt Köln erst im Mai 2022 eröffnet hatte, wieder geschlossen werden. Der Konsumraum scheiterte an zwei Dingen: Er war niemals rund um die Uhr an jedem Tag der Woche geöffnet, wie es eigentlich geplant war. Und dort ist lediglich der Konsum von Heroin möglich, nicht aber der von Crack. Da die Zahl der Crackraucher jedoch stetig zunimmt, geht das Angebot nun auch ein Stück weit am Bedarf vorbei.


