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„Basta-Politik? Nicht mit uns!“Große Demo gegen das geplante Kölner Suchthilfezentrum

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Köln: Im Pantaleonsviertel wird am Samstag (31. Januar) gegen das geplante Suchthilfezentrum SHZ demonstriert.

Köln: Im Pantaleonsviertel wird am Samstag (31. Januar) gegen das geplante Suchthilfezentrum SHZ demonstriert. 

Mehr als 800 Menschen nahmen an dem Protestzug gegen das Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel teil.

„Basta-Politik? Nicht mit uns!“ Diese Parole stand in großen Blockbuchstaben auf dem Transparent, das zwei Männer an der Spitze des Protestzugs trugen, der sich am Samstag vom Kartäuserwall aus durch die südliche Innenstadt bewegte. Mehr als 800 Menschen waren dem Aufruf der Interessengemeinschaft (IG) Pantaleonsviertel gefolgt, gegen den Plan der Stadt zu demonstrieren, in dem Quartier ein Suchthilfezentrum zu errichten.

Es soll auf einer eigentlich als Spielplatz vorgesehenen Fläche zwischen Perlengraben und Wilhelm-Hoßdorf-Straße entstehen und nicht nur einen Drogenkonsumraum bieten, sondern auch die Möglichkeit, sich aufzuhalten, zu duschen und beraten zu lassen. Ziel ist, zum einen schwerstabhängigen Menschen zu helfen und zum anderen, den öffentlichen Raum rund um den Neumarkt, der seit langem von der Drogenszene geprägt ist, zu entlasten.

Bürgerinnen und Bürger befürchten negative Auswirkungen des Suchthilfezentrums

Viele Anwohner und Anwohnerinnen befürchten, dass mit der Errichtung der SHZ die Probleme in das Pantaleonsviertel verschoben werden. „Brennpunkt Neumarkt. Verlagerung ist keine Lösung“, war auf einem Protestschild zu lesen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns das Veedel klaut“, skandierten die Demonstranten, oder auch: „Heute rufen wir im Chor: Wir sind kein Versuchslabor.“

Eine Mutter, deren Söhne auf ihrem Schulweg an der fraglichen Fläche vorbeikommen, sagte, sie fürchte um die Sicherheit ihrer Kinder. Es werde nicht ausbleiben, dass sie von Dealern angesprochen würden. Eine 80-jährige Anwohnerin sieht das „schöne, ruhige Familienviertel mit vielen alten Leuten“ in Gefahr, vor allem durch Beschaffungskriminalität, die das SHZ unweigerlich ins Viertel ziehen werde. Schließlich müssten sich Crack-Süchtige „jede Stunde etwas einwerfen“.

Stadt Köln hat Leute „überrumpelt“

Zwei Nachbarn aus der Mengelbergstraße zeigten sich einig in ihrer strikten Ablehnung. „Grundsätzlich“ gehöre so eine Einrichtung nicht in ein Wohngebiet, sagte der eine, sicher ließen sich bessere Standorte finden. Die Stadt habe die Leute im Viertel kurz vor Weihnachten mit ihrer Entscheidung „überrumpelt“. Der andere Nachbar ärgerte sich, dass ihm „so ein Ding unter den Balkon gestellt“ werde. Er traue der Stadt nicht zu, dass sie mit den Folgen  fertig werde, bekomme sie doch schon seit vielen Jahren die Drogenszene am Ebertplatz nicht in den Griff. Eine 16-Jährige sagte, sie werde in der Dunkelheit nicht mehr zum Sport oder anderswohin gehen können, wenn das SHZ einmal eröffnet sei.

Die Demonstration endete mit einer Kundgebung auf der Wilhelm-Hoßdorf-Straße. Von einem Balkon aus richtete unter anderen Volker Hildebrandt, Pfarrer an St. Pantaleon, ein paar Worte an die Menge. Viele hier seien bereit, an der Lösung des Problems mit den Suchtkranken mitzuwirken, sagte er, „aber nicht so, wie die Stadt Köln sich das vorstellt“. Wenn die Demonstranten und Demonstrantinnen „so stark bleiben wie heute, wird hier an diesem Ort mit diesem Konzept und den dafür Verantwortlichen kein solches Zentrum entstehen“, so Hildebrandt. Jubel brach aus.

Suchthilfezentrum ist „keine durchdachte Lösung“

Zum Schluss sprach Andreas Zittlau, Vorsitzender der IG Pantaleonsviertel. Entscheidungen wie diese, die „massiv in unseren Alltag eingreifen und uns als alternativlos verkauft werden“, dürften nicht ohne die Betroffenen gefällt werden. Dass Oberbürgermeister Burmester seit langem ungelöste Probleme wie die offene Drogenszene nun angehe, sei zu begrüßen, „aber unsere Unterstützung gibt es nicht für Basta-Politik und für irgendwelche Experimente auf dem Rücken der Anwohner hier“.

Mit Ausgrenzung und populistischer Stimmungsmache habe der Protest nichts zu tun. „Wir sagen Ja zur Suchthilfe“, doch was die Stadt plane, sei „keine durchdachte Lösung“, zumal die ausgesuchte Fläche viel zu klein sei, sagte Zittlau. Am Ende stünden alle als Verlierer da: die Süchtigen, denen nicht angemessen geholfen werde, die Anwohner, die die Folgen eines „Feldversuchs“ tragen müssten, der OB, weil er am Anfang seiner Amtszeit „Vertrauen verspielt“ habe, und die Stadtgesellschaft, denn „Frust und Spaltung“ nähmen zum Schaden der Demokratie zu.

Nur einer verliere nicht, stichelte der IG-Vorsitzende: Sozialdezernent Harald Rau, den er „Vater des Projekts“ nannte. „Wer bald in den Ruhestand geht, muss mit den Folgen dieses Experiments nicht mehr leben, aber wir, die Bewohner, die Betroffenen, das Veedel“. Zittlaus Schlussappell: Die Bürger und Bürgerinnen müssten „von Politik und Verwaltung wieder ernst genommen werden“.

Inzwischen sei die im Dezember initiierte Petition gegen das geplante SHZ von 7000 Menschen unterschrieben worden, hieß es bei der Demonstration. Am kommenden Donnerstag, 5. Februar, beschäftigt sich der Stadtrat mit dem Thema. Für diesen Tag hat ein Zusammenschluss von Anwohnern und Anwohnerinnen, der unter „Südi bleibt solidarisch“ firmiert und prinzipiell ein SHZ an der vorgeschlagenen Stelle befürwortet, zu einer Kundgebung aufgerufen. Sie beginnt um 14.30 Uhr auf dem Theo-Burauen-Platz vor dem Rathaus